Trending Topic

Es gibt Themen, bei denen immer ein gewisses Grundrauschen präsent ist. Dann kommt ein Bild, ein Artikel, eine prägnante Schlagzeile daher und unversehens brummt es ganz besonders.

Während der letzten Tage war es wieder mal das Thema Milch. Irgendwann habe ich gar nicht mehr gezählt, wie oft bei Facebook das Foto geteilt wurde, auf dem ein Stapel Milchtüten zu sehen war, begleitet von einem schlichten Blatt Papier in DIN A4, auf dem zu lesen stand, dass „wir“ (wer immer das sein sollte, war nicht näher spezifiziert) gerne mehr Geld im Supermarkt für die Milch zahlen würden, wenn dafür die Bauern besser entlohnt würden. Es folgten Hinweise auf Steuerfreiheit in Australien (!), irgendwas in Österreich und ein Seitenhieb auf die deutschen Discounter und Politiker. Das Ganze endete mit dem Satz: „Lösungen gibt es auf jeden Fall.“

Hm… Wenn es Lösungen gibt – warum sind die Urheber dieses Bildes genau diese schuldig geblieben? Oder zumindest Vorschläge, wie Lösungen aussehen könnten? Auf mich wirkte das Bild daher sehr unausgegoren. Nach dem Motto „Wir fordern Veränderungen, aber ausdenken und machen sollen mal schön die anderen.“

Doch wie hilfreich wäre es, einfach nur die Milchpreise zu erhöhen, wie dieses Bild impliziert? Die Erfahrungen der letzten Jahre lassen doch mit einiger Berechtigung befürchten, dass auch dieses Geld bei den milchpreisdiktierenden Discountern bleibt, während die Milchbauern weiterhin darben (gilt übrigens auch für andere Bereiche der Lebensmittelversorgung).

Letzten Endes sind ja auch nicht nur die Discounter und die Politik daran schuld, dass es den Milchbauern so geht, wie es ihnen geht. Einen ganz großen Anteil daran haben wir Verbraucher, weil wir es weitestgehend unreflektiert geschehen lassen. Außerdem haben wir mit einer „Abstimmung per Fuß“ zu einer Art „Milchxit“ fort von fairen Preisen für die Milchbauern beigetragen. Das übersehen wir aber gerne.

Erweitern wir beispielsweise mal die Behauptung „Wir wären bereit, 1,50 € pro Liter Milch zu bezahlen“ um folgende weitergehende Fragen: Wären wir auch bereit, dafür zusätzliche oder weitere Wege in Kauf zu nehmen? Wären wir bereit, uns von dem bequemen Anspruch verabschieden, alles im selben Laden kaufen zu wollen? Wären wir bereit, für Milchprodukte, Fahrradschläuche, Waschmittel, Brot, Geraniendünger, Nähgarn oder einen Sack Kartoffeln wieder die jeweiligen Fachgeschäfte einzeln anzusteuern?

Die Antwort würde vermutlich auf fast alle Fragen „Nein“ lauten. Zum Teil natürlich wegen der durchaus guten Begründung, dass es einfach ein organisatorisches Problem ist, bei dem Dinge wie lange Berufspendelwege eine Rolle spielen. Zum anderen wegen der nicht ganz so guten Begründung, dass wir einfach bequem geworden sind.

Dabei ist es zumindest im Lebensmittelbereich nie ganz weg gewesen: Der gute alte Wochenmarkt mit seinen spezialisierten Anbietern mag über die letzten Dezennien immer mehr Umsatzrückgänge verzeichnet haben, aber dennoch ist er quasi die Sansevieria des Einzelhandels – trotz aller Vernachlässigung einfach nicht totzukriegen. Im Gegenteil, er wird wieder beliebter. Zwar ist das genau wie die Bioläden zunächst einmal eine Begleiterscheinung der Gentrifizierung und angesagter „Food Trends“. Doch sich gut zu ernähren ist mal ein Trend, der nich so wirklich schaden kann.

Man gönnt sich also auch selbst etwas Gutes, wenn man seine Einkaufsgewohnheiten neu organisiert und bspw. am Sonnabend mal zum Markt geht, um beim dort präsenten Bauern aus der Region direkt zu kaufen oder in den Bioladen zu gehen – am besten auch hier ein lokaler, keine Ladenkette. Biomilch, Bio H-Milch, Demetermilch, Milch von zum Dezembervollmond in Schaltjahren an der Nordspitze von Jütland geborenen Kühen – alles da. Auch mit Preisen von 1,30 – 2,90 €/l, von denen wirklich die Bauern fairer entlohnt werden.

In der Folge daraus könnte – als nur ein Beispiel – wieder ein „Trending Topic“, eine Abstimmung per Fuß entstehen, mit der wir Verbraucher das Heft in die Hand nehmen: Weg von den diktierten Bedingungen der Discounter hin zu Ware, die unter gerechteren Bedingungen für die Erzeuger über den Ladentisch geht.

Die Lösungen gibt es also wirklich. Kann doch nicht schaden, sie dann auch zu kommunizieren, oder?*

 


* weitere Ideen sind im Kommentarthread daher gern gesehen!

Advertisements

2 Antworten auf “Trending Topic”

  1. Ja! Dazu bin ich bereit. Ich stehe dem Milchpreisverfall auch hilflos gegenüber und frage mich, wo das noch hinführen soll.
    Bis vor 15 Jahren ca. habe ich die Milch noch direkt beim Bauern gekauft. Täglich frisch. Bis der untere Teil meines Oberkörpers das nicht mehr wollte. Zu fett das Zeug, von heute auf morgen. Ebenso die Eier holte ich da. Bis ich den blöden Bauern dabei erwischte, wie er bei(m) Aldi Eier zukaufte, wenn er zu wenig hatte. Da war dann Schluss. Eier gabs damals bei Aldi zu einer Mark zwanzig, er verkaufte das Stück zu 30Pfennig.
    Heute hole ich die Eier (30Cent das Ei) beim Bäcker einen Ort weiter. Dort stellt der Bauer von umme Ecke seine Eier aus.
    Fleisch gibts am liebsten vom Hofladen. Der liegt 25km weiter und da fahre ich nicht extra hin. Da halte ich auf`m Weg an, weil ich da mehr oder minder regelmäßig vorbeikomme. Man hat ja Frosterkästen heutzutage. Alles einer Frage der Dispo.
    Ich kaufe auf Märkten, wenn gerade einer ist, wenn ich Möhren etc brauche. Ich gebe auch gerne 20Cent mehr für ein einfaches Brötchen aus, wenn der Bäcker noch selbst backt, statt Fertigmischungen zu verwenden (die Lidl, Penny und Co. auch nutzten). Leider gibt es sowas hier auch nicht mehr, und für 3 Brötchen 20km fahren, ist dann doch unangemessen.
    Könnte ich es noch, und gäbe es hier „Milchtankstellen“ (finde ich super! Gibt es auch für Fleisch, direkt vom Erzeuger, leider noch arg dünngesät) oder anderen Direktverkauf vom Bauern, würde ich es.
    Ein Liter Milch kostet nur wenig mehr dort, und geht zu 100% an den Landwirt.
    Vielleicht versuche ich es nochmal mit Frischmilch. Wer weiß, vielleicht klappt das wieder. Der Körper ändert sich ja alle sieben Jahre … Welch Genuss. Milch „direkt“ aus der Kuh! Ich muss mal googlen, ob es hier noch Bauern mit Milchabgabe gibt!
    Das ist ja auch so ein Ach. Nicht jeder Landwirt darf Milche heute noch ab „Werk“ verkaufen. Danke EU. Separate Milchkammern, mit Kühltank für Kleinstmengen. Lagerzeit nicht über fünf Stunden (meine ich), blaba.

    Gefällt 1 Person

  2. Aber in der Ära der Lactose-Intolleranten oder Veganern ist es nicht eine vergebene Liebesmüh? Wenn der Trend so weiter geht helfen selbst Wochenmärkte nicht mehr 😉

    Wenn ich die Wahl bekomme zwischen einer Ananas-Kokosnuss-Reismilch und Kuhmilch zu wählen, was nehme ich denn dann? Ich liebe Ananas-Kokuss!

    Gefällt 1 Person

Püttscher mit!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s