Ich

Es gilt gemeinhin als stillos und ungeschickt, irgendetwas mit „Ich“ zu beginnen oder zu überschreiben, doch was soll man machen, wenn es um etwas gehen soll, das nun mal genau so heißt?

1991. Ich war gerade 18 Jahr‘ (danke, Dalida) und war zum ersten Mal ganz allein im Urlaub. Eine Woche lang gehörte unsere Ferienwohnung an der Ostsee nur mir – keine Familienveranstaltungen, keine Rücksicht auf Opas Mittagsschlaf, kein „Holste mir mal ’ne Schachtel Kippen?“ von den Eltern, wenn man eigentlich gerade auf dem Sprung zum Schwimmen war. Eine Woche es niemandem recht machen müssen außer mir.

War! Das! Herrlich!

Da es bereits Oktober war und zum Schwimmen in der Ostsee zu kalt, genoss ich hauptsächlich lange Spaziergänge durch den sich von Grün zu Gold verfärbenden Wald sowie am Strand und an der Steilküste entlang.

Natürlich musste es auch nach Fehmarn gehen – Shoppen auf der Fähre zwischen Puttgarden und Rødby. Damals hatte die EU den zollfreien Einkauf noch nicht wie so vieles andere auch kaputtgeregelt, und meine Lieblingsfähren Karl Carstens und Danmark waren auch noch in Dienst.

Mit dem PKW war die Fahrt nach Puttgarden eine Sache von einer halben Stunde – mit dem Überlandbus der Autokraft dauerte es mehr als zwei. Inklusive fünfundzwanzig Minuten Umsteigezeit in Oldenburg/Holstein. Dasselbe nochmal auf der Rückfahrt. Ging aber nicht anders, wenn man keinen Führerschein hatte.

Es war schon nach der Kaffeestunde, als ich wieder in Oldenburg ankam, und weil der Bus aus Puttgarden Verspätung hatte und mein Anschluss weg war, konnte ich sogar zwei Stunden Umsteigezeit genießen. Überlandbusse fahren halt nicht so oft.

Oldenburg in Holstein ist ein wirklich schöner Flecken Erde. Obwohl sie neben Eutin, Neustadt und Heiligenhafen eine der wichtigsten Städte Ostholsteins und über die Vogelfluglinie an den internationalen Fernverkehr angeschlossen ist, scheint in einigen Ecken die Zeit stehen geblieben zu sein. Besonders im Herbst.

Doch wenn man den letzten Bus des Tages nicht nur erwischen will, sondern muss, darf man sich nicht allzu viel vornehmen. So beließ ich es bei einem Spaziergang rund um die Kirche St. Johannis und hielt mich dann am Marktplatz und in der kleinen Fußgängerzone auf. Als Leseratte kann ich an keiner Buchhandlung vorbeigehen, schon gar nicht im Urlaub. Wie gut, dass ich nie per Flieger verreise – auf dem Rückweg wäre sonst jedes Mal ein saftiger Zuschlag für Übergepäck fällig…

Selbstredend brachte ich mir auch aus Oldenburg ein Buch mit, kam jedoch erst am nächsten Tag dazu, darin zu lesen. Es war der letzte Tag vor der Abreise. Ein goldener Oktobertag wie aus dem Bilderbuch: Sonnig, warm, milde Luft. Nach dem Mittagessen ging ich zur Steilküste in der Nähe des Leuchtturms, wo es eine wenig bekannte Ecke gab, an der man es sich auf einer Bank niederlassen konnte und einen herrlichen Blick auf die Ostsee hatte.

Ich sah ein bisschen aufs Meer hinaus, doch schon bald kramte ich das neue Buch hervor und begann zu lesen. Damals war das Wort noch nicht gebräuchlich, doch schon beim Vorwort war ich total „geflasht“. Die Autorin, von Hause aus gar keine Schriftstellerin, schrieb mit einer Wucht und Energie, die atemberaubend war. Ich wurde förmlich in das Buch hineingesogen und dachte nur: „Wow – so möchte ich auch schreiben können.“

Nun, ich kann nicht so schreiben. Hab’s nie gelernt und werde es nie lernen. Ist auch gut so. Denn niemand kann so schreiben wie diese Autorin und wird es je können. Doch ich erlebte einen dieser ganz besonderen Tage, die man nie in seinem Leben wieder vergisst. Möwen, Wellen, Sonne, am Horizont die Fähren auf ihrem Weg zwischen Travemünde und Skandinavien, der Seewind im Haar, auf den Lippen ein leichter Salzgeschmack, ein wundervolles Buch. Es stimmte einfach alles und machte diesen ersten Urlaub ganz allein so richtig rund.

Die Memoiren Ich – Geschichten meines Lebens von Katharine Hepburn sind eines der wenigen Bücher, von denen ich mir nie das englische Original besorgt habe. Der allererste Eindruck von diesem Buch hat sich mit der deutschen Übersetzung in meine Erinnerungen eingenistet, und der soll(te) so bleiben, wie er war.

Es ist purer Zufall, dass es jetzt ziemlich genau fünfundzwanzig Jahre her ist, seit ich dieses Buch zum ersten und einzigen Mal gelesen habe. Ich dachte immer: Dieses Buch nochmal zu lesen, bewahrst du dir für einen ganz besonderen Anlass auf.

Gestern habe ich das Buch dann aus meinem Bücherregal genommen, abgestaubt und mich mit einem Glas Weißwein zum abendlichen Lesen auf den Balkon gesetzt.

Der besondere Anlass?

ICH – denn mir war einfach danach, den Tag zu etwas ganz Besonderem zu machen. Wer weiß, wie lange man’s noch kann.

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6 Antworten auf “Ich”

  1. Genau das ist der Punkt: Wenn man meint, jetzt etwas tun zu müssen, sich was zu gönnen, dann soll man das tun.
    Vor ein paar Jahren war mir danach, auf der Terrasse Champagner zu trinken. Eine Flasche ist immer im Kühlschrank, man weiß ja nie, für was der mal gebraucht werden könnte. Und ich machte es, denn wer weiß, ob ich den Champagner nicht in Kürze aus der Schnabeltasse trinken muss.
    Ein Ausschnittsfoto ist der Header auf der Seite Elbe-Penthouse.de
    Wenn nicht jetzt – wann dann? Alles, was man möchte und was im Rahmen seiner Möglichkeiten machbar ist, sollte man sofort tun. Morgen kann es bereits zu spät sein.

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    1. Richtig, man sagt es sich auch immer wieder – und doch holen einen die alten Muster und die alten Erziehungsmuster ein, von denen nicht alle immer richtig waren. Siehe diese appeldwatsche Lehre „manche Dinge müssen für gut bleiben“….

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  2. Ein sehr schönes, weil so intensiv nachfühlbares Zurückgehen in die Zeit vor 25 Jahren. Nicht allein in die damalige Zeit, ich meine in speziell DEINE Zeit, DEINEN ersten Urlaub ganz für dich. Und dann so ein Buch! Ich kenne es, habe es auch vor langer Zeit gelesen, allerdings war es ausgeliehen aus der Bücherhalle. Mich hat es auch schwer beeindruckt und erfüllt beim Lesen. Gerrit, wenn es nicht zu neugierig ist, darf ich fragen, welches Gefühl du nun gestern beim Hereinschauen hattest? Geht man evtl. mit zu hohen Erwartungen heran, oder eher mit viel zu viel Skepsis? Oder passiert es, dass die 25 Jahre förmlich verschwinden (zumindest keine Rolle spielen) und man wieder wie damals dasitzt und selig inhaliert?

    LG Michèle

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    1. Natürlich darfst du fragen, Michèle.

      Es war jetzt nicht so ein Gefühl wie eine Szene in einem Disneyfilm, in der sich ein Strudel auftut und man findet sich am Ort X wieder. Ich hatte also nicht plötzlich das Gefühl, wieder an diesem Flecken Erde an der Steilküste zu sitzen. Ich hab‘ an einem lauen Sommerabend auf meinem Balkon gesessen.

      Nichtsdestotrotz war ich von dem Buch an sich wieder tief beeindruckt. Die Unverblümtheit, die Klugheit, und auch ihre Offenheit. Normalerweise offenbaren Autobiographien ja in der Regel nichts Schlechtes über ihre Autoren, sondern nur über deren Gedächtnis (keine Ahnung, wo ich das gelesen habe, doch dieser Einschätzung gefällt mir ausgesprochen gut), aber ich kann mich an keine andere Autobiographie erinnern, bei der ich ich so das Gefühl hatte „Die Frau ist echt, die beschönt nichts“ wie bei Ich.

      Lediglich eins ist mir aufgefallen: Ich hatte kurz zuvor auch ihr anderes Buch gelesen, „African Queen“ oder Wie ich mit Bogart, Bacall und Houston nach Afrika fuhr und beinahe den Verstand verlor (daraus entstand auch die Idee, Ich zu lesen). In beiden Büchern spricht Katharine Hepburn ihre Leser direkt an. Im Englischen ist das natürlich einfach „you“, das kann sich quasi jeder zurechtlegen wie er will. Da ich Katharine Hepburn bei den Aufzeichnungen ihrer wenigen öffentlichen Auftritte (besonders bei dem bemerkenswerten Interview mit Dick Cavett, das bei YouTube zufinden ist) immer als eine Frau empfunden habe, die ihr Gegenüber trotz einer gewissen Reserviertheit unbefangen duzen würde, fand ich es genau richtig, dass der Übersetzer des African Queen-Buches sich ebenfalls für das Du entschieden hat. Die Übersetzerin von Ich hat sich hingegen für das Siezen entschieden, und das fand ich etwas störend. Das klang für mich unecht, aber das lag eben nicht an Katharine Hepburn.

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