Ein gemütlicher Abend

Die nicht-platten Leser haben bestimmt schon drauf gewartet – heute gibt’s die hochdeutsche Übersetzung des plattdeutschen Artikels vom letzten Montag. Viel Spaß damit!


Sonnabend, 03.09.2016 – gegen 19 Uhr.

Nun ist der Sommer also doch noch mal in die Pampuschen gekommen. Obwohl es inzwischen schon zur Tagesschau-Zeit wieder mit der Dämmerung losgeht, bleibt es oft so warm, dass man auch noch um Mitternacht draußen sitzen kann, ohne Shorts und T-Shirt gegen Jeans und Kapuzenpulli tauschen zu müssen. So liebe ich den Sommer. Wie geschaffen für einen Abend auf dem Balkon.

Noch ist es hell genug, um immer wieder bewundernd zu unserer Sonnenblume hochzuschauen. Beim Aussäen der Samenmischung in Kästen auf er Balkonbrüstung hatte ich gedacht, alle Sonnenblumenkörner rausgepickt zu haben, aber „eines kam durch“. Ich hätte ja nicht gedacht, dass aus ihr was werden würde – zu wenig Erde im Kasten, zu wenig Platz. Aber nun, wo die anderen Sonnenblumen, die ich in der Umgebung gesehen habe, schon fast wieder verblüht sind, hat unser spätes Mädchen ihren richtig großen Auftritt. Tja, auch bei Blumen kommt die Prominenz immer etwas später…

 

ca. 20:30 Uhr

Es hat doch mal ’nen Schlager gegeben, von Peter Alexander, glaube ich: Die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere. Darin geht es darum, dass man als Mensch gar nicht dran kommt, weil man zu klein ist. So kommt ich mir jedes Jahr im Herbst vor, wenn die Holunderbeeren reif werden. Bis auf Höhe unseres Balkons im 1. Stock (plus Hochparterre) ist er in all den Jahren angewachsen. Und voll ist der jedes Mal! Was könnte ich immer an Holundersaft machen und Aufgesetzten mit Holunderbeeren – zig Kilo könnte ich direkt von unserem Balkon aus pflücken. Wenn… tja, wenn das Problem bei uns nur die Höhe wäre. Aber hier geht’s um die Weite. Um nämlich überhaupt die nächstgelegene Beere pflücken zu können, sind meine Arme bloß zwei Meter… zwei lausige Meter zu kurz. So’n Scheiß!*)

 

ca. 21:15 Uhr

So richtig wohl habe ich mich in diesem Jahr hier draußen in unserem „Summertime only“-Wohnzimmer manchmal nicht gefühlt. Wenn man in früheren Jahren im Sommer auf dem Balkon saß, bekam man an jedem lauschigen Abend aus einer anderen Ecke des Karrees eine kostenlose Kulturveranstaltung. Jazz, Tango Argentino, Klezmer, Oper, jemand deklamierte Gedichte. Irgendeiner verwöhnte uns immer mit Handgemachtem, gerne auch mal mit ’nem kleinen Fehler drin, das machte es authentisch und liebenswert. In den Gärten saßen die Leute zusammen und plauderten unaufdringlich bei einem Weißwein oder Limoncello über Kultur, Politik oder Philosophie, dazu wurde Bruschetta gereicht oder selbstgebackene Käsestangen.

Das gibt es immer noch, aber inzwischen ziehen immer mehr Menschen hinzu, welche diese schönen Geräusche urbanen Lebens mit Lärm überpflastern und sich nur noch darin übertreffen, wer die lauteste Stereoanlage hat und wessen Gegröle sich im perfekten Verhältnis zur Menge des konsumierten Alkohols steigert.

Das zeigt sich auch am alljährlichen großen Straßenfest – vor zwei oder drei Wochen war es. Mein Mann und ich waren dort. Es war schön, aber eigentlich nur wegen der Begleitung durch ein paar Freunde, die wir länger nicht gesehen hatten. Richtig toll wurde der Abend erst, als wir ungestört in unserer Küche plaudern konnten. Das Veranstaltung an sich war eher entbehrlich.

Die schönen alternativen Straßenfeste für Anwohner und Freunde mit Kindertrödelmarkt, Kistenklettern, Bier vom Fass, Infoständen von Naturfreunden, Auftritten von Nachbarschaftschören und vor allem den lockeren und warmherzigen Veranstaltern, die oft improvisieren mussten und alles dadurch erst richtig schön machten, gibt es noch, aber sie sind in den letzten Jahren immer mehr verdrängt worden. Sie sind einer effizient durchgetakteten Veranstaltungsfabrik mit Trendcocktails und Trendfood für „Locals & Friends“ gewichen. Der Partybetrieb wird größer, lauter, rücksichtsloser. Discos und Bars aus ganz anderen Ecken der Stadt bauen Stände auf, perfektionieren die Partymaschinerie. Dabei haben sie nichts mit diesem Quartier zu tun. Und am nächsten Wochenende kommt schon wieder so eine Trendveranstaltung.

Nach und nach hat sich dieser Stimmungswandel auch in den Alltag geschlichen. Das Quartier hat sich verändert. Der Charme des Unperfekten ist weg. Die tolle Mischung aus Akademikern, Alternativen, (Lebens-)Künstlern, Studenten und Arbeitern ist von Latte Macchiato-Muttis und Karrieristen überrollt worden. Vor zwei Jahren war das schmutzige Wort mit G nur das Damoklesschwert, das über allem dräute. Inzwischen hat es voll zugeschlagen.

Eugenie-Fabienne statt Stefanie.

SUV statt Opel Corsa.

After Work Cocktail statt Feierabendbier.

Freizeit nach Terminkalender statt spontanem Savoir-vivre.

Szeneviertel statt Ruhrpott-Montmartre.

Bisher war unser Quartier ein l(i)ebenswerter Eimsbüttel-Ersatz, der uns irgendwie in dieser merkwürdigen Stadt gehalten hat. Zudem hat sie eine gute medizinische Versorgung, alles ist fußläufig erreichbar. Trotzdem macht sich immer mehr dass Gefühl breit, dass man keinen Grund zum Gehen braucht, wenn man keinen mehr hat, um zu bleiben…

Aber stop, alter Knabe. Ist das nicht einfach nur der natürliche Lauf der Dinge? Die ganz Alten gehen, die nur so halbwegs Alten (und da gehörst du allmählich zu) halten die Stellung, und die Jungen drücken allem einen neuen Stempel auf. Hast du vergessen, dass du auch mal hergekommen bist und der junge Spund warst, der gerne mal laute Musik gehört und dabei auch noch mitgesungen hat? Okay, weil du damals sehr auf dem Oldietrip warst, werden die damals älteren Leute sich gefreut haben, Petula Clark auf Deutsch zu hören. Aber was war an den Tagen, an denen du aktuelle Musik gehört hast, auch ziemlich laut? Da werden die Alten auch manchmal gedacht haben: Die Jungen verändern das Viertel so, dass es mir nicht gefällt. Also halt mal ganz schön den Ball flach.

 

ca. 23:30 Uhr

Oldiestunde auf der Gartenparty in der Nachbarschaft. Die 80er… Manchmal fühle ich mich ja echt außen vor, wenn Gleichaltrige bei dieser vor Nostalgie zerfließen. Ich finde immer, man kriegt einfach nur seine eigene Juvenilität und Unreife als 12-, 13jähriger wenig erwünscht und brühwarm hinter die Kiemen gedrückt.

„Vamos a la playa // O, o, o, o // Wo sind meine…“

NEIN – DAS SING ICH JETZT NICHT LAUT VOR MICH HIN.

*gacker*

 

ca. 23:55 Uhr

Ah, was spielen sie nun? Renegades von den X Ambassadors. Na, das Lied gefällt mir aber mal! Das Arrangement ist gut gemacht, und der Sänger hat eine tolle Stimme.

Can’t Stop The Feeling von Justin Timberlake ist auch nicht schlecht. Justin Timberlake… Manchmal ist es echt blöd, dass ich mir einen Spaß draus mache, Englisch wortwörtlich zu übersetzen. Schlafanzug = Sleep-on Train. Das ist so bekloppt, dass es fast schon wieder gut ist!

Mit Justin Timberlake geht das auch, wenn du’s in Just, In, Timber und Lake aufteilst. Dann kommt da nämlich das bei raus: Just = Gerade, in = reingekommen, Timber = Baumstamm, Lake = See. Also Gerade reingekommen Baumstammsee. Verrückt, oder?

Aber ich muss ja sagen, dass Herr Baumstammsee immer mehr an Attraktivität gewinnt je älter er wird. Den würde ich sofort von meiner Bettkante schubsen. Nach innen!

Och, nee… Nach zwei guten Liedern spielen sie nun dieses Love Yourself von Justin Bieber. Muss das sein? Ich meine, ich kann einen ausgewachsenen Mann (?) von zweiundzwanzig Jahren einfach nicht ernst nehmen, wenn einer seiner Gründe für das Schlussmachen ist, dass seine Mutter seine Freundin nicht mag. Hat der keine eigene Meinung? Und diese Zeile, dass er ja eigentlich gar kein Lied schreiben wollte, damit die Leute nicht denken, er macht sich noch was aus dem Mädel – das ist sowas von Kinderhitparade… *börgs*

 

Sonntag, 04. September 2016, ca. 1:20 Uhr

Ah, es wird langsam ruhiger. Ich glaube, jetzt kann ich mich wirklich auf mein Buch einlassen. Es scheint wohl am nun langsam unaufhaltsam zu Ende gehenden Sommer (der bei den Wetterfröschen ohnehin schon Herbst heißt) liegen, dass ich in letzter Zeit verstärkt zu besonderen Büchern greife. Vor kurzem erst die beiden Bücher von Katharine Hepburn, davor A Many-Splendoured Thing von Han Suyin, und Ferien auf Saltkrokan von Astrid Lindgren, Seuk di wat ut von Rudolf Kinau und nun Six Of One von Rita Mae Brown. So lange es geht noch Sonne, warme Luft, laue Nächte auf meinem lauschigen Balkon und dabei good feelings aus den Lieblingsbüchern mitnehmen wie es geht, bevor die dunkle Jahreszeit wieder ihre Krallen ausfährt. Im Winter bin ich nicht zu gebrauchen. Solange es warm genug ist, dass ich täglich zum Outdoor-Lauftraining kann, geht es. Aber wehe, der Schnee kommt. Dieses kalte, schäbige Zeug dass sich wie ein grausames Leichentuch über alles legt und alle Farben, alles lebendig und vital Wirkende erstickt. Bäh.

Wie lange kenne ich Six Of One nun schon eigentlich? So um die fünfundzwanzig Jahre. Eines dieser wenigen, nichtmal eine Handvoll Bücher, die einen durch das Leben begleiten und über die Jahre… Jahrzehnte so wichtig, so unersetzlich und so vertraut werden wie die besten Freunde. Jedes Jahr lese ich es mindestens einmal. Zweimal habe ich es schon nachkaufen müssen, weil das vorherige Exemplar so unansehnlich geworden war (trotzdem habe ich das alte Exemplar einfach nicht wegwerfen können!). Und wievielen Leuten habe ich es empfohlen, weil es mir so viel gegeben hat. Ich glaube, kein anderes Buch habe ich so oft gekauft, um es besonderen Menschen zu schenken, wie dieses.

Eigentlich ist es ja kein Roman, sondern die fiktive Biographie von fünf starken Frauen: Celeste und ihre Frau Ramelle sowie Celestes Hauswirtschafterin und beste Freundin Cora mit ihren beiden Töchtern Julia Ellen und Louise, geht von 1905 bis 1980.

Es ist eine Hommage an das Leben, die Liebe, die bedingungslose Freundschaft über alle Grenzen hinweg – und eine Erinnerung, sich dabei immer der Stürme des Lebens bewusst zu sein, die man aber durch die Kraft überseht, die einem das Gute davor gegeben hat. Vielleicht hast du ein paar Macken und Dellen mehr, aber die trägst du nicht als Narben, sondern als Orden für eine geschlagene Schlacht.

Mann, was habe ich beim ersten Mal vor Wut geheult, als Celeste gut vierzig Seiten vor Schluss sterben musste. Diese Naturgewalt von Mensch durfte einfach nicht sterben. Doch. Sie durfte sterben – und sie musste es auch. Sie war über siebzig und am Ende ihres Weges angelangt. Das hinnehmen, was unausweichlich ist.

Was man nicht alles aus einem Buch, das eigentlich „nur“ unterhalten soll, alles mitnehmen kann, wenn es gut genug geschrieben ist. Besonders das Lachen. Das Lachen ist das Wichtigste im Leben. Schmeiß alle Leute aus deinem Leben, die nicht mit dir lachen. Die brauchst du nicht. Und jene, die sehr wohl mit dir lachen – lass die  bloß niemals los.

 

ca. 5:15

Ziemlich spät geworden. Oder früh, ganz wie man will. Aber so musste es sein – wohl die letzte Gelegenheit des Jahres, in der so eine lange Balkonnacht möglich war. Ins Bett zu gehen lohnt sich gar nicht mehr. Ich trinke jetzt meinen Proteinshake, und dann geht’s zum Sport.

 

*) Jenen Lesern, die sowohl hier die hochdeutsche Fassung als auch letzten Montag das plattdeutsche Original gelesen haben, wird ein Unterschied aufgefallen sein: In der platten Version spreche ich von Fleederbeeren (Fliederbeeren) und hier in der hochdeutschen Fassung von Holunderbeeren. Das hat folgenden Grund: Der Holunder wird im plattdeutschen auch als Fleeder/Flieder bezeichnet. Bei dem Flieder, der in beiden Sprachen Flieder heißt, wird im Plattdeutschen vom „Feinen Flieder“ gesprochen…

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