Der kulinarische Patient

Als wir vor sechs Jahren das Haus von Oma ausräumen mussten, habe ich gleich zu Beginn eine ganz klare Ansage gemacht: „Ihr könnt alles haben, ich streite mich um nichts. Nur bei einem dulde ich keine Diskussion: Omas gusseiserne Koch- und Bratentöpfe – die gehören samt und sonders mir!“

Nun war mit Erbstreitigkeiten im Allgemeinen nicht zu rechnen, weil das scheinbar nicht in unseren Genen liegt, und meine Ansprüche auf besagte Kochutensilien im Besonderen wollte mir auch keiner streitig machen, weil sich schlichtweg niemand mit diesen Dingern belasten wollte. Sie sind nämlich mordsschwer. Mit dem größten Bratentopf könnte man mühelos einen Güterzug stoppen.

Und sie sind uralt. Vielleicht hat Oma sie zur Hochzeit bekommen, dann wären sie jetzt um die achtundsechzig Jahre alt. Vielleicht sind sie aber auch noch ältere Familienerbstücke und wurden schon von Uroma Ida oder gar Ururoma Karoline benutzt. Man weiß es nicht.

Zudem verlangen sie nach besonderer Pflege. Nach dem Kochen werden sie mit zusammengeknülltem Zeitungspapier ausgerieben, ausschließlich mit heißem Wasser gespült, dann nochmal mit einem feuchten und anschließend mit einem trockenen Tuch ausgerieben. Dann werden sie mit einer alten Speckschwarte und mit Salz eingerieben. So wird nicht nur Rost verhindert, sondern auch, dass beim nächsten Einsatz das Fleisch anbrennt. Eine gewollte, sich über Jahrzehnte hinweg ansammelnde Patina sicherte diese Zuverlässigkeit auf Dauer.

Genau so halten mein Mann und ich es weiterhin, und alles, was wir in diesen Pötten kochen, gelingt einwandfrei.

Ganz anders mein Sorgenkind. Das ist auch ein gusseiserner Bräter, aber wesentlich jünger, denn meine Mutter hat ihn vor 46 ¾  Jahren zur Hochzeit bekommen. Sie hat ihn nur kaum benutzt, eben weil es inzwischen viel leichtere Küchenutensilien gab. Nachdem ich als Teenager meine Kochleidenschaft entdeckt und stillschweigend das Küchenregiment zuhause mehr oder weniger übernommen hatte, kam der gusseiserne Pott öfter zum Einsatz. Natürlich wurde er so behandelt, wie ich es von Oma gelernt hatte.

Irgendwann zog ich aus und der Pott blieb zurück – ich hatte mich schließlich schon woanders reichhaltig bedient und konnte nicht alles mitnehmen. Eines Tages kam ich dann auf Besuch ins Elternhaus und entdeckte gleich bei meiner Ankunft den schauerlichsten Frevel überhaupt: Meine Mutter hatte den Pott auf dem Herd stehen und kochte ihn seelenruhig mit Waschmittellauge aus. „Der kommt in den Müll, wenn er sauber ist. Ich brauche den eh nicht, aber was sollen die Nachbarn denken, wenn sie den Schmier darin sehen?“

Müll?!

Schmier?!

Besonders der zweite Punkt löste helle Empörung aus. Bei mir gab es keinen Schmier in den Pötten, ich muss doch sehr bitten, meine Gnädigste! Das war die angestrebte Paaa-tiiii-naaaa!

Am liebsten hätte ich meiner Mutter das Ding über die Rübe gezogen, aber das hätte mich nur in den Knast und den Pott in die polizeiliche Asservatenkammer gebracht, das hätte niemandem genutzt. Also tat ich das einzig Richtige: Ich „rettete“ den Topf und nahm ihn mit nach Hause. Der erste Einsatz war ein Desaster. Das vorgesehene Gulasch blieb beim Anbraten kleben und zerfiel dadurch, außerdem konnte die Bräunung nur als Schwärzung bezeichnet werden. Es gab viel zu tun.

Also päppelte ich ihn über mehrere Jahre hinweg in mühsamer Kleinarbeit wieder auf. Mal ein paar Bratkartoffeln, mal ein paar Schmorzwiebeln, Speck für den Stielmus auslassen, hin und wieder ein Stück Fleisch für meinen Mann. Danach immer schön die vorsichtige Reinigung mit Zeitungspapier, heißem Wasser, Speckschwarte und grobem Salz.

Letztes Wochenende habe ich meinem Mann zum ersten Mal wieder einen Schweinebraten darin gezaubert. Er brannte nicht an, schrumpfte nicht, bekam eine schöne Kruste und war laut überhaupt nicht voreingenommener Aussage meines mir Angetrauten einfach perfekt.

Ich würde sagen, der Patient darf als geheilt betrachtet werden… Der nächste bitte!

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