Frau Müller, kannst du bitte mal…

91,6 % – wohl keine Wahl, kein Volksentscheid hat je ein solches Traumergebnis erzielt und eine solche Einigkeit bei den Hamburgern gezeigt wie eine jüngst durchgeführte Umfrage.

Am letzten Wochenende ist mir beim Aufräumen eine alte Bewerbung in die Hand gefallen. Ich habe den Job damals bekommen und war ihn noch während der ersten Woche der Probezeit wieder los. Doch ich bin nicht, wie man jetzt vermuten könnte, rausgeflogen, sondern von selbst wieder gegangen. Zum Glück hatte ich noch eine Zusage für einen zweiten, zwei Monate später beginnenden Job in der Tasche und konnte dort noch unterschreiben. Ohne dieses Fangnetz hätte ich mich diesen Schritt, ehrlich gesagt, wohl nicht getraut. Auch wenn im Rückblick sagen muss: Länger als einen Monat hätte ich es wahrscheinlich trotzdem nicht ausgehalten.

Es passte vorne und hinten nicht. Vor allem fachlich nicht, denn wie man dort arbeitete, entsprach nicht meinen Ansprüchen – die darf ein Arbeitnehmer schließlich genau so haben. Doch ich kam vor allem mit noch etwas ganz anderem nicht klar. Gleich nachdem mich der Chef allgemein vorgestellt hatte, kam mein künftiger Abteilungsleiter auf mich zu: „Gerrit Jan heißt du also – wie soll ich dich anreden? Nur Gerrit? Nur Jan? Oder beide Namen?“

Ich reagierte ähnlich, wie es Lady Violet einige Jahre später in der ersten Folge von Downton Abbey machen sollte: „Herr Appel ist nie verkehrt, finden Sie nicht auch?“

Ehe Missverständnisse aufkommen: Ich habe nichts gegen das Du, auch nicht im Job. Ein gutes Auskommen miteinander ist wichtig, schließlich ist der Kollege, mit dem sich das Büro teilt, der „andere eingetragene Lebenspartner“ – wenn auch nur im Betriebsorganigramm.

Es ist das sofortige, unreflektiert aufgenötigte „Du“, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann – übrigens auch in vielen anderen Bereichen, nicht nur im Job beim Umgang mit den Vorgesetzten, worauf die oben erwähnte Umfrage abzielte und bei der 91,6 % der Befragten sich dagegen aussprachen, sich mit dem Chef zu duzen.

Natürlich gibt es Bereiche, in denen sich das sofortige Du als fester Bestandteil des dort versammelten Teils der Gesellschaft versammelt hat – Stichwort Online-Kommunikation. Bei Facebook etwa rechne ich gar nicht damit, gesiezt zu werden, und ich wusste bei der Erstellung des Accounts, was mich erwartet. Es liegt nicht in der Natur der Sache, das ist auch völlig okay, denn hier wird die Distanz dadurch hergestellt, dass man sich nicht in persönlicher Gesellschaft mit diesen Menschen befindet. Hier zeigt man sich dann irgendwann anderweitig, wenn man gut miteinander auskommt oder auch nicht.

Doch im Job, mit den neuen Nachbarn, beim Einkauf, im Restaurant (auch im Schnellimbiss, nicht nur bei Lokalitäten mit gehobener Küche), an der Ampel, im Zug während der Berufspendelei – überall dort, wo man es mit einem leibhaftigen Gegenüber zu tun hat, fühle ich mich mit dem sofortigen „Du“ nicht wohl. Ich scheue dann auch nicht davor zurück, mir das in freundlichen Worten zu verbitten.

Das „Sie“ verschafft beiden Seiten eine Sicherheitszone, wenn man sich gerade kennenlernt und nicht weiß, ob man sich überhaupt grün ist. Wenn man sich das „Du“ dann später anbietet, kann man signalisieren: Du bist sympathisch, dich habe ich gerne in meinem Dunstkreis. Zudem gibt es auch noch das so genannte „Hamburger Sie“: Man nennt sich beim Vornamen, bleibt aber beim Sie. Mit dieser Zwischenstufe kann man sich gegenseitiges Wohlwollen aussprechen ohne gleich mit dem kompletten Du eventuell zu weit zu gehen (Es gibt auch noch das „Hamburger Du“, das den gleichen Zweck erfüllt, aber nur noch sehr wenig in Mode ist; eigentlich hört man es hauptsächlich bei stets gehetzten Patriarchen im Umgang mit seiner seit Jahrzehnten treuen und tüchtigen Vorzimmerdame: „Frau Müller, kannst du bitte mal meine Frau anrufen. Heute wird es später. Ich muss noch in den Überseeclub.“).

Mit dem sofortigen „Du“ beraubt man sich dieser Phase, es gaukelt eine Vertrautheit vor, die (noch) gar nicht existiert. Es ist mehr Schein als Sein. Wenn es dann nicht miteinander klappt, ist ziemlich schnell Schluss mit lustig.

Genau wie der in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt befragte Chef eines großen Konzerns, der selbst auch nichts vom Duzen mit dem Chef hält (erst recht nicht vom verordneten), glaube ich nicht, dass das in einigen Unternehmen von der Vorstandsetage verordnete „Du“ über alle Kompetenzebenen hinweg automatisch dafür sorgt, dass man besser miteinander arbeitet und die Arbeit plötzlich viel erfolgreicher wird. Im Gegenteil. Denn auch ein über Jahrzehnte beibehaltenes „(Hamburger) Sie“ kann Ausdruck größten Respekts und des Vertrauens in das gewachsene gegenseitige Miteinander sein. Wenn man dann plötzlich zum „Du“ wechseln soll, obwohl beide Seiten das gar nicht wollen, kann es das gute Dienstverhältnis massiv stören.

Die Verwendung von „Du“ und „Sie“ muss sich demnach entwickeln, und dann gibt es eine Wahlmöglichkeit, was man draus macht. Dieser möchte ich einfach nicht beraubt werden. Generell nicht, aber erst recht nicht per Dienstanweisung von meinem Chef.

 

 


Hinweis: Die Titelgraphik dieses Beitrags stammt aus dem Pool frei verwendbarer Bilder von Pixabay und befindet sich unter dem Vermerk CC0 der Creative Commons in der Public Domain.

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