Dreißig Jahre neues Leben

Sie galt für viele bereits als verloren. Ihre Rettung kam fast schon zu spät. Sie war in keinem guten Zustand. Sie schaffte nicht mal die Reise in ihre neue alte Heimat, zu schwach war sie für die letzten hundert Kilometer. So kurz vor dem Ziel doch das Ende…?

1962 war sie als jüngste von insgesamt sechs Schwestern in ihre „Familie“ gekommen. Von da an pendelte sie unermüdlich zwischen Hamburg und Südamerika und „machte in Stückgut“: Obst, Textilien, Fleisch und natürlich Kaffee. Mit einer festen Entourage von fast 40 Mann reiste sie umher, manchmal nahm sie Gäste mit. Neunzehn Jahre war sie ein gern gesehener Gast in Hafenstädten, deren Namen allein schon reichten, um Fernweh auszulösen: Buenos Aires, Valparaiso, Maracaibo, Rio de Janeiro…

Auch die Namen der sechs Schwestern klangen nicht nur für Seeleute nach Wind, Wellen, Exotik und Abenteuer: Cap San Nicolas, Cap San Marco, Cap San Lorenzo, Cap San Augustin, Cap San Antonio – und natürlich Cap San Diego.

Gemeinsam gehörten sie zu den Schönsten in ihrem Fahrtrevier. Der (Schiffs-)Architekt Cäsar Pinnau, auf dessen Zeichentisch u. a. auch das Elbkurhaus in Nienstedten entworfen wurde, hatte die sonst üblichen bulligen Schornsteine gegen Abgasrohre in zwei schmalen Masten ausgetauscht. Ein schneeweißer, schmaler und schnittiger Rumpf dazu gab ihr mehr das Aussehen einer eleganten Yacht und verbarg geradezu, dass sie als regelrechte Arbeitstiere gedacht waren. Auch der Beiname, den man ihnen gab, hörte sich romantischer an als das Leben, das sie führten: Die weißen Schwäne des Südatlantik.

In den 1980ern jedoch ging ihre Zeit und die der meisten anderen Stückgutfrachter allmählich vorüber – größere Schiffe und Container übernahmen das Geschäft. Die Cap San Diego wurde 1982 verkauft, von ihrer alten Reederei nochmal für eine kurze Zeit zurückgechartert, um ihre Flotte dann endgültig zu verlassen..

Die nächsten vier Jahre waren eine Zeit des Niedergangs, nicht nur für Cap San Diego, auch für ihre Schwestern. Die Cap San Lorenzo wurde bereits 1982 verschrottet, zuletzt die Cap San Antonio am 16. Oktober 1986. Die Cap San Diego hätte ihr, schon arg im Verfall begriffen, eigentlich vorangehen sollen. In buchstäblich letzter Minute erwarb die Freie und Hansestadt Hamburg das Schiff und ließ es nach Cuxhaven bringen. Mehr war angesichts ihres Zustands nicht drin. Doch innerhalb von nur einer Woche wurde sie in der Nähe der Alten Liebe fit genug gemacht, um die letzten Meter zu schaffen. Und sie schaffte es tatsächlich.

Heute auf den Tag genau vor dreißig Jahren ist die Cap San Diego in Hamburg angekommen und hat ihr zweites Leben als weltgrößtes fahrtüchtiges Museumsschiff begonnen.

Herzlichen Glückwunsch, schmucke Hamburger Deern! Weiterhin allzeit gute Fahrt und immer eine Handbreit Wasser unter’m Kiel!

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PS: Einen weiteren kleinen Text über die Cap San Diego gibt es hier zu lesen.

PPS: Alle Fotos in diesem Artikel stammen aus der Sammlung des Autors, © 2008 – 2016 by Gerrit Jan Appel.

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