Throwback Thursday 2016 – Teil 1

Es ist vielleicht übertrieben, schon von einer Tradition zu sprechen, schließlich ist dieser Blog doch erst seit Ende 2013 „auf Sendung“, trotzdem gibt es wie in 2014 und 2015 auch in diesem Jahr an den letzten vier Donnerstagen vor Weihnachten eine Rückschau auf ein paar Dinge, die in diesem Jahr besonderen Eindruck bei mir hinterlassen haben. Wie immer gilt sowohl hier als auch bei den Dingen, die an den folgenden Throwback Thursdays vorgestellt werden: Es muss nicht in den vergangenen zwölf Monaten erschienen, sondern mir lediglich erstmals über den Weg gelaufen sein. Den Anfang machen wie in jedem Jahr die Bücher.

When The Music’s Over von Peter Robinson

Worum geht es? Mehr Aufgaben, mehr Verantwortung, mehr Probleme – so lässt sich der Arbeitsalltag von Alan Banks nach seiner Beförderung zum Superintendent beschreiben. Gleich sein erster Kriminalfall in neuer Position hat es in sich: Ein prominenter Entertainer wird beschuldigt, über mehrere Jahrzehnte hinweg junge Frauen sexuell genötigt und vergewaltigt zu haben. Banks muss die Fakten zusammentragen und den Fall so aufbereiten, dass er vor Gericht Bestand hat. Nicht ganz einfach, wenn der Beschuldigte mächtige Freunde hat.

Banks‘ Kollegin Annie Cabbot hat es unterdessen mit einem besonders tragischen Mord zu tun. Scheinbar gibt es nicht nur einen Täter, ja nicht mal nur einen Kriminalfall, denn die Autopsie lässt vermuten, dass die junge Frau innerhalb einer halben Stunde Opfer von zwei völlig verschiedenen Verbreche(r)n geworden ist…

Welchen Eindruck hinterlässt das Buch? Peter Robinson ist so verdammt gut darin, den Köder auszuwerfen und einen so in die Geschichte reinzuziehen, dass man von der ersten Seite an gefesselt ist. Schon Prolog hat es in sich. Nicht ganz drei Seiten ist er gerade mal lang, und abgesehen davon, dass das Opfer Schmerzen hat und versucht, das zum zaghaften Licht in der Ferne gehörende rettende Farmhaus zu erreichen, erfährt man nichts über sie. Trotzdem ist sie so intensiv präsent, dass ich nicht warten konnte und knapp 15 Seiten in das erste Kapitel hineingeblättert habe um zu erfahren, ob sie es geschafft hat.

Bei seinen Romanen um DCI Banks hat sich Peter Robinson schon öfter von realen Kriminalfällen inspirieren lassen: Piece Of My Heart etwa greift den bis heute nicht völlig aufgeklärten Swimmingpooltod von Rolling Stones-Mitglied Brian Jones auf, und Aftermath lässt unwillkürlich an die Moors Murders von Manchester sowie den Fall Frederick und Rosemary West denken. In When The Music’s Over behandelt er nun die weit  zurückliegenden realen Fälle von sexuellem Missbrauch Jugendlicher durch Prominente, die in den letzten Jahren durch die Medien gingen. Im Text fallen Namen wie Jimmy Savile und Rolf Harris. Sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge und die letztlich doch Unschuldigen bei diesen Realnamen finden Erwähnung, während er seinen Fall um den fiktiven Prominenten Danny Caxton etabliert.

Der von Annie Cabbot zu bearbeitende Fall ist vom Missbrauchskandal von Rotherham inspiriert, bei dem junge Mädchen aus sozial schwachen Verhältnissen mit falschen Versprechen von einem besseren Leben in die sexuelle Ausbeutung gelockt wurden.

Beide Fälle sind plausibel und spannend erzählt, die Atmosphäre ist stimmig. Einzig die recht unausgewogene Präsenz der beiden Hauptfiguren möchte ich hervorheben – der Fall, den Annie Cabbot zu bearbeiten hat, nimmt deutlich mehr Raum ein als der Fall von Banks. Streckenweise ist When The Music’s Over mehr ein DI Annie Cabbot Roman als ein DCI Banks Roman. Wobei man als langjähriger Leser der Reihe damit wohl langsam rechnen muss: Annie Cabbot ist in ihren Vierzigern, während Banks inzwischen um die sechzig ist und bald das Rentenalter erreicht hat – genau das ist bereits im vorletzten Roman Children Of The Revolution bereits durch seine Chefin Catherine Gervaise angedeutet worden.

Da Peter Robinsons Romane von Leuten, die es wissen müssen, vor allem dafür gelobt werden, dass sie den Polizeialltag und die Karrierewege von Polizisten so genau wiedergeben wie bei kaum einem anderen Autor, müssen sich die Fans vielleicht darauf einrichten, dass Alan Banks früher oder später wirklich in Rente geht. Wenn die Serie dann nicht endet, wird sie vielleicht mit Annie Cabbot in der Hauptrolle weitergeführt. Wenn es sich so entwickelt wie ich es hier nur vermuten kann – mir soll es recht sein.

Lesen ist Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Ein großes Pint eines englischen Bieres nach Wahl. Meine Favoriten sind Old Peculier und die Marke, die Inspector Banks auch immer trinkt, Theakston Bitter.

 

Matthias Stührwoldt: Vun Vadder un mi

Worum geht es? Der Altbauer und der Jungbauer. Der Altbauer ist vom alten Schlag, für den harte, ehrliche Arbeit das wichtigste ist. Der Jungbauer arbeitet auch hart und ehrlich, hat aber zusätzlich eine intellektuelle Ader und schreibt. Der Altbauer setzt auf bewährte landwirtschaftliche Techniken. Der Jungbauer will später zumindest einen Teil als Ökohof betreiben. Altbauer und Jungbauer sind Vater und Sohn.

Welchen Eindruck hinterlässt das Buch? In zwanzig Erzählungen op Platt schreibt Matthias Stührwoldt von seinem Leben als der Jungbauer mit seinem Vater als der Altbauer. Ein Leben voll Zusammenhalt und Konfrontation, letzteres häufiger als Ersteres. Erst in den allerletzten Jahren des Altbauern beginnen die beiden, einander mehr zu verstehen und zu akzeptieren. Die Erzählungen sind ein Spiegelbild dessen, was die meisten Vater-Sohn-Beziehungen ausmacht: Die unterschiedlichen Lebensweisen der Generationen kollidieren mit dem Lauf der Zeiten. Erfahrung gegen pubertäre Sturheit, später noch mehr alte Erfahrungen gegen neue Erfahrungen und ganz zum Schluss hoffentlich das einander Begleiten auf den letzten Metern des Vaters. Matthias Stührwoldt schreibt eindringlich – er spricht das, was ihm an seinem Vater nicht gepasst hat, genauso offen aus wie seine eigenen Fehler. Er ist schonungslos ehrlich und gewinnt Einsichten in beide Generationen ebenso wie er sie mit seinen Lesern teilt. Dieses Buch lege ich allen Vätern und Söhnen wärmstens ans Herz. Man muss kein Bauer im Holsteinischen zu sein, um für sein eigenes Vater-Sohn-Verhältnis ganz viel daraus mitzunehmen.

Lesen ist Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Passend zum Norden die berühmte „Lüttje Lage“: Ein kleines Bier und ein kleiner Köm.

 

Hör mal ’n beten to – Geschichten aus 60 Jahren, herausgegeben vom NDR

Worum geht es? 60 Jahre alt ist die „plattdeutsche Morgenplauderei“ im NDR im April 2016 geworden. Zahlreiche der hunderte von Beiträgen sind im Laufe der Zeit auch zum Nachlesen erschienen, in Zusammenarbeit mit dem Quickborn-Verlag hat der NDR die besten davon in einem Sammelband herausgebracht, um das  Hör mal ’n beten to und sein Jubiläum gebührend zu feiern

Welchen Eindruck hinterlässt das Buch? Plattdeutsch – altmodisch, muffig, von gestern? Hm… mal sehen: Matthias Stührwoldt berichtet über Intimrasur, Annie Heger schreibt gegen Homophobie an und Werner Momsen wundert sich über den Hype um Kaffeevollautomaten… Platt is vun vendoog (von heute), das beweisen diese drei. Aber auch an die Autoren und Sprecher der ersten Stunde wie etwa Rudolf Kinau, Karl Bunje und Irmgard Harder wird erinnert, dazwischen kommen bspw. mit Jasper Vogt, Ina Müller, Gerrit Hoss, Gerd Spiekermann und Yared Dibaba plattdüütsche Autoren zu Wort, welche die Brücke zwischen den Generationen geschlagen und dazu beigetragen haben, dass Plattdeutsch zwischen 1956 und 2016 immer „up to date“ war. Nachdenklich, witzig, albern, melancholisch – in dem Buch habe ich wirklich alles wiedergefunden, was diese kleine verrückte Sache ausmacht, die sich Leben nennt….

Lesen ist Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Labskaus für jene, die Fleisch mögen – Schnüsch für jene, die ihr Tellerchen lieber vegetarisch füllen.

 

Das kleine Inselhotel von Sandra Lüpkes

Worum geht es? Nach einem handfesten Skandal türmt die aus sämtlichen Medien bekannte Sängerin und Moderatorin Jannike aus der Großstadt Köln und beginnt ein neues Leben als Gastwirtin eines kleinen 8-Zimmer-Hotels auf einer der ostfriesischen Inseln. Doch das vermeintliche Traumhaus ist renovierungsbedürftig, die Insulaner beäugen sie misstrauisch und der in den Skandal verwickelte Ex taucht auch noch auf der Insel auf. Geordneter Neubeginn sieht irgendwie anders aus…

Welchen Eindruck hinterlässt das Buch? Die 1980er und 1990er waren die große Zeit jener Bücher, die auf den Buchdeckeln gezielt als Heiterer Roman beworben wurden, ein Genre, das besonders erfolgreich von Autoren wie Evelyn Sanders, Doris Jannausch oder Curth Flatow bestritten wurde. Das Adjektiv heiter wird inzwischen ausgelassen, doch Sandra Lüpkes knüpft mit Das kleine Inselhotel an diese Romane an, ohne dabei altbacken zu wirken. Die Figuren sind liebenswert – selbst die Antagonisten, die Jannike das Leben schwer machen, muss man irgendwie ein bisschen gern haben.

Manche Handlungsverläufe mögen ein wenig vorhersehbar sein, doch mal ehrlich: Muss immer das Rad neu erfunden werden, damit man sich als Leser bestens unterhalten fühlt? Nein. Es dürfen auch gerne die „üblichen Verdächtigen“ sein, wenn sie ansprechend umgesetzt sind, und das gelingt Sandra Lüpkes. Besonders gefällt mir, das die Trennung zwischen den Kapiteln nicht über Nummern erfolgt, sondern sehr originell mit einem zum jeweiligen Handlungsverlauf passenden abgebildeten Schriftstück wie einer Postkarte, einem Backrezept, einem Handy mit eingegangener SMS oder einem Fährschiffticket erfolgt.

Am meisten begeistert hat mich zudem der Handlungsstrang mit der schwulen Love Story: Ohne Klischees, ohne was an die große Besonderheitsglocke zu hängen. Einfach nur schön erzählt.

Das kleine Inselhotel ist eine schöne, leicht erzählte Sommerstory – nichts intellektuell überfliegendes, aber auch nicht so flach, dass es des Lesers Anspruch beleidigt. Gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit genau das Richtige.

Lesen ist Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Ein frisches, noch ofenwarmes Brötchen mit Sanddorn- oder Hagebuttenmarmelade.

 

Das waren meine Bücher des Jahres 2016. Nächsten Donnerstag geht es mit etwas anderem weiter.

Advertisements

4 Antworten auf “Throwback Thursday 2016 – Teil 1”

  1. Feine Auswahl! Und schon hast du mich neugierig gemacht. Das erste hörte sich thematisch und vom Stil her sehr spannend an, bei „Hör mal’m beten to“ bekomme ich bannig Lust, und das „kleine Inselhotel“ klingt nach sehr entspannender Lektüre. Schwere Entscheidung. Ich könnte vielleicht gerade einmal die Altbauer-Jungbauer-Geschichten etwas wegschieben. Alles andere wäre spontan auf der Wunschleseliste.
    Vielen Dank fürs Vorstellen!

    LG Michèle

    Gefällt mir

    1. Inspector Banks kann ich nur empfehlen – When The Music’s Over ist bereits der 23. offizielle Band in der Reihe. Es gibt noch einen anderen Roman, Caedmon’s Song (dt: Das stumme Lied), in dem Banks nicht vorkommt. Das ist quasi ein inoffizieller 24. Band, den man gelesen haben, sollte um die Ereignisse in einem anderen Banks-Roman vollständig verstehen zu können.

      Gefällt 1 Person

    1. Aus der DCI Banks-Serie von Peter Robinson gibt es eine ganze Reihe von Romanen, die man wahrscheinlich nicht am Bahnhof findet – es sei denn, er hat eine gute englische Abteilung. Von den mittlerweile 23 erschienenen Banks-Romanen sind, soweit ich weiß, mindestens die letzten 6 noch nicht in deutscher Übersetzung erhältlich. Irgendwie kann sich P. Robinson mit seinem Banks hierzulande nicht so durchsetzen. Leider!

      Gefällt 1 Person

Püttscher mit!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s