Throwback Thursday 2016 – Teil 2

Auch wenn ich dank der beiden BBC Two-Wissenssendungen QI mit Stephen Fry bzw. Sandi Toksvig und Only Connect mit Victoria Coren Mitchell (hier noch nicht vorgestellt) in diesem Jahr tatsächlich mal wieder etwas mehr fern gesehen habe als in vergangenen, sind Hörspiele und Radiosendungen weiterhin meine Lieblingsunterhaltung neben der Leserei. Auch 2016 haben sich wieder ein paar besondere audiophile Leckerbissen angefunden:

 

Altes Land von Dörte Hansen (Hörspiel)

Worum geht es? Umgeben und gejagt von den Geistern der Vergangenheit, lebt Vera Eckhoff auf dem Hof im Alten Land, auf dem sie in den Kriegswirren um 1945 als Flüchtling aus Ostpreußen gestrandet ist, unerwünscht war und doch lange blieb, um das Anwesen zu erben. Wirklich angekommen ist sie jedoch nie.

In Hamburg bricht Anne gerade aus dem Yuppie-Wahnsinn des In-Stadtteils Ottensen und vor allem aus ihrer unglücklichen Beziehung aus. Sie landet bei ihrer Tante Vera, die sie mit mehr als nur großen Zweifeln aufnimmt. Zu ihrer eigenen Überraschung finden beide den sicheren Hafen, den sie eigentlich vorher nie gesucht haben.

Welchen Eindruck hinterlässt das Hörspiel? Bereits im letzten Jahr war die Romanvorlage Altes Land von Dörte Hansen eins meiner Bücher des Jahres. Das in diesem Jahr vom NDR produzierte Hörspiel steht dem Buch in nichts nach. Ausgestrahlt wurde es im Rahmen der Reihe Das niederdeutsche Hörspiel, was ein wenig irreführend ist, denn obwohl in der Tat ein wenig Plattdeutsch gesprochen wird, sind die Erzähltexte und die meisten Dialoge in Hochdeutsch zu hören. Für eine Laufzeit von nur 50 Minuten waren zwangläufig einige Kürzungen notwendig, so entfällt der komplette Handlungsstrang um Burkhard Weißwerth, den Großstadtjournalisten, der auf wettergegerbten Landburschen macht. Auch die Vorgeschichten und Vera und Anne werden in der Hauptsache nur angedeutet. Die Straffung auf das wesentliche Erleben von Anne und Vera im Jetzt tut der Hörspielfassung gut. Die Story erhält zwar mehr Tempo in der Erzählung, wird dabei aber nicht zu schnell und hat trotzdem genügend Zeit sich zu entwickeln.

Als Sprecher sind viele Schauspieler des Ohnsorg Theater zu hören, u. a. die von mir hochgeschätzte Uta Stammer als Veras Schwiegermutter Ida Eckhoff, dazu Birte Kretschmer als Anne sowie Oskar Ketelhut, Erkki Hopf und Meike Meiners.

Hörspiele sind Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Wie letztes Jahr beim Buch auch: Apfelkuchen mit Äpfeln aus dem Alten Land.

 

The Brig Society von Marcus Brigstocke (Radiosendung)

Worum geht es? Marcus Brigstocke darf für einen Tag die Geschicke von sogenannten systemrelevanten Dingen leiten. Nur gut, dass es eine Radiosendung ist und nicht die Realität…

Welchen Eindruck hinterlässt die Sendung? Marcus Brigstocke ist ein britischer Bühnenkünstler, für den der Begriff Comedian zu kurz gewählt wäre. Auch wenn er sich in seinen Programmen bei den Mitteln der Standup-Comedy bedient, ist er doch eher ein Kabarettist, der sich spitzzüngig und sehr informiert zu den Zuständen in Politik und Gesellschaft äußert. Neben seinen eigenen Bühnenprogrammen tritt er als Gast in BBC Radio 4-Shows wie Just a Minute und I’m Sorry I Haven’t A Clue auf. Ferner präsentiert er dort die Sendung I’ve Never Seen Star Wars, in denen er Prominente dazu bringt, für sie ungewöhnliche Dinge zum ersten Mal zu tun, um anschließend mit ihnen über diese Erfahrungen zu sprechen.

In seiner ebenfalls für BBC Radio 4 produzierten Sendung The Brig Society wirft Marcus Brigstocke einen Blick hinter die Kulissen von Dingen, die gesellschaftlich kontrovers diskutiert werden, wie etwa das britische Justizsystem, die moderne Landwirtschaft, soziale Medien, das Gesundheitssystem oder das Europaparlament (diese Sendung ist natürlich vor dem Brexit-Votum entstanden). Dabei schlüpft er jede Woche in die Rolle eines Freiwilligen, den „Maureen von der Freiwilligenagentur in der öffentlichen Bibliothek“ für eine Aufgabe sucht, die beispielsweise so umschrieben wird: „Maureen hat sich meinen Lebenslauf angeschaut und gemerkt, das ich Comedian bin: Ich komme ständig zu spät und werde dafür bezahlt, dass eine ganze Menge Leute wegen meiner Ansagen angepisst sind – warum sollte ich also nicht eine Eisenbahngesellschaft leiten.“ Anderes Beispiel: „Wir suchen jemanden, der sich um eine Gruppe gestörter junger Männer kümmert, die beschuldigt werden, rassistisch, sexistisch und homophob zu sein und die unkoordiniert auf Dinge eintreten – mit anderen Worten: Fußballer.“

Würde man diese Sendung in Deutschland machen, könnte man sie als einen Mix aus der Sendung mit der Maus und Dieter Hildebrandts Scheibenwischer bezeichnen: Brigstocke erklärt die Zusammenhänge, die oft in der Öffentlichkeit gar nicht so sehr bekannt sind, und versieht sie mit kabarettistischen Randbemerkungen, welche mit schwarzem britischem Humor untermalt sind. Am Ende ergibt sich im Resümee ein sehr differenzierter Blick auf Pro und Contra zum jeweiligen Thema der Woche, der ein bisschen Ordnung in das Tohuwabohu der Stammtischparolen bringt, denen man sonst begegnet. Drei Staffeln à sechs Folgen sind bereits gelaufen, die vierte Staffel hatte leider nur zwei, aber ich hoffe, dass dies nur eine Ausnahme war und weitere Staffeln größeren Umfangs folgen werden.

Radiohören ist Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Was man sich sonst auch an einem gemütlichen Abend auf dem Sofa gönnt – ganz nach dem individuellen Geschmack.

 

Tallymann und Schutenschubser von Michael Uhl

Worum geht es? Ein Blick hinter die Kulissen des Hamburger Hafens und vor allem seine Berufe, die einstmals unverzichtbar waren, um den Hafen am Leben zu erhalten – und die heute nahezu ausgestorben sind oder zumindest ganz anders funktionieren: Ewerführer, Quartiersmann, Schiffsausrüster und so weiter. Denn ein Hafen ist lebendig und muss sich ständig weiterentwickeln, um für die Zukunft fit zu bleiben.

Welchen Eindruck hinterlässt das Hörspiel? Bei Tallymann und Schutenschubser handelt es sich um ein dokumentarisches Hörspiel, das auf dem gleichnamigen dokumentarischen Theaterstück beruht, das seit 2015 immer wieder mal in einem alten Kaischuppen des Hamburger Hafens vor authentischer Kulisse oder sogar auf einer fahrenden Barkasse aufgeführt wird. Der Kaischuppen gehört mit dem  davor am Kai vertäuten Stückgutfrachter Bleichen zu den lebensgroßen Ausstellungsstücken des künftigen Hafenmuseums, welches sich derzeit noch im Aufbau befindet.

Für die Inszenierung von Tallymann und Schutenschubser sicherte man sich die Assistenz des Produktionsteams aus dem Ohnsorg Theater, während die fünf Sprechrollen nicht mit Schauspielern besetzt wurden. Stattdessen arbeitete man mit echten ehemaligen Hamburger Hafenarbeitern zusammen, was man sowohl dem Theaterstück als auch der in der NDR-Reihe Das niederdeutsche Hörspiel ausgestrahlten Audiofassung auch anhört. Hier sprechen Leute, die hier und da ein bisschen über ihren Text stolpern, aber dafür wissen sie im Gegensatz zu Schauspielern ganz genau, wovon sie reden. Authentischer kann man kaum hinter die Kulissen des Hamburger Hafens blicken bzw. dort Mäuschen spielen und zuhören.

Hörspiele sind Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Natürlich ein ordentliches Bier.

 

Das war der 2. Teil des Throwback Thursday 2016, bei dem sich alles ums Kopfkino drehte. Du hast Teil 1 mit den Büchern verpasst? Kein Problem: —> hier geht’s lang. Nächste Woche gibt’s einen weiteren Throwback Thursday.

 

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