Throwback Thursday 2016 – Teil 3

Nach den Büchern des Jahres in Teil eins und dem Kopfkino in Teil zwei ist am heutigen Throwback Thursday meine Musik des Jahres 2016 an der Reihe. Die Stammleser wissen es schon – den neuen sei noch einmal gesagt: Es kommt nicht darauf an, dass es in diesem Jahr veröffentlicht wurde, es muss mir nur in diesem Jahr zum ersten Mal über den Weg gelaufen sein.

 

Julien Clerc: Jivaro Song (Lied, 1969)

Über ein Video bei YouTube, das ein Facebook-Freund geteilt hatte, bin ich auf dieses Lied gestoßen und war sofort von Julien Clercs kraftvoller Stimme und Interpretation fasziniert. Nur – was bedeutet Jivaro?

Mein Ausgangspunkt für die Interpretation war die frz. Wikipedia. Dort habe ich zunächst einen Hinweis auf die südamerikanischen Jivaro-Völker gefunden. Wenn ich den mühsam mit Wörterbuch und Onlinehilfe übersetzten Text richtig verstehe, singt Julien Clerc in seinem Chanson davon, dass er Frauen, Glücksspiel und Drogen aufgegeben hat und nun darum betet, frei zu sein. Er will seinen Kopf wieder frei haben. Die Jivaro-Völker haben zu den Seelen jener gebetet, von denen sie Schrumpfköpfe angefertigt haben, und dabei ging es auch um einen freien Geist. Insofern könnte die Metapher passen.

Die diversen befragten Wörterbücher spuckten bei weitergehender Suche übrigens auch „sauvage“ als eine der Bedeutungen für „Jivaro“. Und als Substantiv kann „sauvage“ auch für Einzelgänger stehen. Ursprung könnte also weiterhin das Volk der Jivaro sein, allerdings könnte die weitere Erklärung simpler sein: Jivaro = sauvage = er will jetzt Einzelgänger sein.

Wie auch immer – Jivaro Song ist ein großartiges Lied eines großartigen Künstlers.

 

Michael Falch: Pludslig Alting Samtidig (Album, 2016)

Michael Falch ist der große Poet unter Dänemarks Musikern. Seine Texte sind für sein Land das, was die Songs von Michy Reincke in Deutschland sind. Der Unterschied besteht in der Instrumentierung. Wo Michy Reincke selbst in melancholischen Liedern mit recht leichter Instrumentierung daherkommt, ist Michael Falch oft sehr klangwuchtig. Mehr als einmal habe ich mich bei Songs wie Tavs Som I En Elevator vom aktuellen Album aber auch Songs wie Sommeren Kom Ny Tilbage vom gleichnamigen letzten Album an schwere, wuchtig orchestrierte Popsongs wie The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore von den Walker Brothers erinnert gefühlt.

Das im letzten Monat erschienene neue Album Pludslig Alting Samtidig bildet da keine Ausnahme: Gewichtige Arrangements zu tollen Texten. Ein absolutes Schmuckstück für jede Musiksammlung, in der sich auch skandinavische Produktionen finden.

 

Michy Reincke: Lass mich traurig sein (Lied, 2003)

Es gibt Lieder, die laufen einem genau zum rechten Zeitpunkt über den Weg. Beim letzten Beitrag zum monatlichen Plattdüütschtag hier im Blog hatte ich von einem der großen Ereignisse des Jahres 2016 berichtet, und kurz danach hörte ich dieses Lied zum ersten Mal. Und es sprach mir so dermaßen aus der Seele wie kaum ein anderes Lied in diesem Jahr.

Wann immer man ein großes einschneidendes Erlebnis im Leben durchzustehen hat, tauchen neben den Menschen, die es wirklich gut mit einem meinen und die einen einfach so sein lassen, wie man es in dieser Situation gerade braucht. früher oder später auch unangenehme Zeitgenossen auf, die sich erdreisten und meinen, es besser zu wissen. Sie meinen, einen besser zu kennen als man selbst und daher zu wissen, was ich ihrer Meinung gefälligst tun sollte und wie ich meinen Umgang mit der Situation finden sollte anstatt dass sie mir einfach die Zeit und meine eigenen Wege ließen und lassen, die ich brauchte und immer noch brauche.

Michy Reinckes Lass mich traurig sein fasste genau in Worte, wie es mir in den letzten Wochen mit diesen Menschen ging, die viel zu früh, viel zu oft und viel zu wenig einfühlsam ihre große Fresse Mundwerk aufrissen und sich erdreisteten, mich bevormunden zu wollen. Besser kann man ihnen kaum begegnen als mit diesen Zeilen von Michy Reincke: Lass mich traurig sein / Lass mich selbst mein Herz befreien / Nimm deine Witze und den Wein / Und was fällt dir eigentlich ein / Immer noch hier zu sein…

 

The Wrecking Crew: You’ve Lost That Lovin‘ Feelin‘ (Lied 1965)

The Wrecking Crew war eine Gruppe von herausragend talentierten Musikern aus Kalifornien, die bei sovielen Welthits mitgearbeitet hat, dass man unmöglich alle aufzählen kann. Aber für einen kurzen Querschnitt sei hier ein Dutzend Produktionen genannt, die durch die Beteiligung der Wrecking Crew ihren letzten Schliff bekommen haben: My Love und This Is My Song von Petula Clark, Somethin‘ Stupid von Frank & Nancy Sintara, I Got You, Babe von Sonny & Cher, Move Over Darling von Doris Day, Mrs Robinson von Simon & Garfunkel, California Dreamin‘ von The Mamas & The Papas, MacArthur Park von Richard Harris, The Night The Lights Went Out in Georgia von Vicki Lawrence, River Deep – Mountain High von Ike und Tina Turner, Jealous Heart von Connie Francis und Eve of Destruction von Barry McGuire

Ganz besonders bekannt ist die Wrecking Crew für ihre Mitwirkung an Phil Spectors berühmter Wall of Sound, die u. a. von Aufnahmen wie Be My Baby von The Ronettes gekennzeichnet ist. Eine weitere Produktion für die Wall of Sound war You’ve Lost That Lovin‘ Feelin‘, für welche The Righteous Brothers den Gesang beigesteuert haben. Diese Version mag ich nicht so wirklich gut leiden, vor allem wegen des Gekreisches von Bobby Hatfield bei dem wiederholten „So bring it on back“ während der letzten Minute. In einer Retrospektive zu Phil Spector und der Wrecking Crew bin ich in diesem Jahr jedoch über das originale reine Instrumentalplayback gestolpert, und da konnte ich einfach nur sagen: WOW!

 

Gerrit Hoss: Dat du mien Leevste büst (Lied, 2016)

Man weiß nicht genau, wer es geschrieben hat und wann. Aufgetaucht ist Dat du mien Leevste(n) büst zum ersten Mal um 1845 und ist seitdem zu einem der bekanntesten plattdeutschen Lieder neben Mien Jehann und Över de stillen Straaten geworden.

Was kann man aus so einer ollen Kamelle noch rausholen? Ganz viel! Gerrit Hoss hat sich für sein Album Platt! dieses Volksliedes angenommen und da eine herrlich bluesige Nummer draus gemacht. Ähnlich wie bei The Animals und ihrer modernen Adaption eines Traditionals, nämlich House of the Rising Sun, sorgt bei dieser Version von Dat du mien Leevste büst eine schwülig-schwer spielende Hammondorgel für den spannenden Sound. Dazu die rauchige Stimme von Gerrit Hoss… Dazu kann man einfach nur „WOW!!!!“ sagen.

 

Victoria Wood: Theme from „Dinnerladies“ (Lied, 1998)

Dinnerladies war eine kleine, feine Serie, von welcher die BBC in den Jahren 1998 und 2000 gerade mal zwei Staffeln mit insgesamt sechzehn Episoden produziert hat. Die Serie spielte ausschließlich in der Kantine einer Fabrik in Manchester  und drehte sich um das Leben der dortigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Hauptfigur der Serie war Brenda, gespielt von der in diesem Jahr im Alter von nur 62 Jahren viel zu früh verstorbenen Victoria Wood, welche auch die Drehbücher schrieb und das Titellied komponierte.

Obwohl als Sitcom gedacht und als solche reich an Lachern, hatte Dinnerladies sehr viele  stille, emotionale Momente mit ganz viel Erkenntnis und Lebensweisheit, und besonders die natürliche, liebenswerte und realitätsnahe Zeichnung der Charaktere brachte der Serie viel Lob und eine große Anhängerschaft ein.

Ähnlich nah am Leben ist auch das Titellied, das Victoria Wood nur einmal im Rahmen einer Fernsehshow live sang (der Ausschnitt ist bei YouTube zu finden), eine kommerzielle Schallplattenaufnahme hat es leider nie gegeben. Dabei ist es eines der schönsten traurigen Lieder, die ich je gehört habe. In nur wenigen Worten beschreibt es, wie groß der Unterschied  zwischen dem ist, was man sich einmal vorgestellt und erträumt hat, als man ins Leben als Erwachsener gestartet ist, und dem, was einem das Leben mit all seinen Unwägbarkeiten und vor allem der monotonen Tretmühle des Alltags erlaubt umzusetzen.

Tag für Tag höhlt steter Tropfen den Stein und wäscht deine Träume fort… Trotz dieser eher tristen Erkenntnis lässt das Lied einen nicht hoffnungslos zurück. Mit Tangorhythmus und einer leicht daherkommenden Hauptmelodie baut Victoria Wood eine kleine, aber dafür unerschütterliche Hoffnung auf.

 

Klangsplitter

Last but not least bin ich 2016 noch auf folgende musikalische Perlen gestoßen, die ich ohne großes Gesabbel, aber dafür umso herzlicher empfehle:

  • Petula Clark: From Now On (Mit 84 Jahren noch so ein tolles modernes Album rauszubringen – RESPEKT!)
  • Frèro Delavega: Le Chant Des Sirènes (Ein leichtes Sommer-Chanson von zwei talentierten und attraktiven Jungs)
  • Poul Krebs: Hvis Du Ser Min Kæreste (Ein sehnsuchtsvolles Lied aus Dänemark, das durch die Reibeisenstimme von Poul Krebs noch zusätzlich gewinnt)
  • Jakob Sveistrup: All In, All Out (Eine tolle Stimme hatte er schon immer. Nachdem er aber zuvor eher Easy Listening-Pop rausgebracht hat, ist das neue Album ein echter R ’n‘ B-Kracher. Ich würde ihn gerne mal im Duett mit Dani Klein von Vaya Con Dios hören.)
  • Rasmus Walter: Himmelflugt (Einfach nur ein schönes Popalbum)

 

Das waren die musikalischen Highlights – einen Throwback Thursday für 2016 habe ich noch im Angebot, der folgt dann nächste Woche.

 

Werbeanzeigen