Throwback Thursday 2016 – Nachschlag

So kann’s einem gehen: Kaum denkste, du bist mit den Jahresrückblicken durch, kommt da noch so ein echtes Sahnestückchen daher. Und das ausgerechnet in einer Kategorie, die du 2016 bewusst ausgelassen hast…

Es kommt selten vor, dass ich für mich den Glotzkasten einschalte und er nicht nur als Monitor für den DVD-Player fungiert, sondern tatsächlich als Fernseher, in dem live ausgestrahltes Programm läuft. Am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages und des Tages danach hat BBC One eine brandneue, zweiteilige Adaption des Agatha Christie-Klassikers The Witness For the Proscecution (Zeugin der Anklage) vorgelegt. Diese konnte ich mir nicht entgehen lassen, denn bereits 2015 hat BBC One mit der ersten komplett werktreuen Verfilmung von And Then There Were None (Und dann gab es keines mehr) überhaupt den Standard für Christie-Adaptionen auf geniale Weise neu definiert.

Schon die Trailer für The Witness For the Prosecution (ab 9. Januar auch auf DVD erhältlich) versprachen Großartiges. Vor allem, dass man sich von restlos allen Vorstellungen verabschieden musste, die man mit der 1957er Verfilmung von Billy Wilder mit Marlene Dietrich und Charles Laughton verbindet. Es ist nach wie vor ein großartiger Film wenn man ihn abgekoppelt vom Christie-Kanon betrachtet, doch aus Sicht der Werktreue ist er zu amerikanisiert und entfernt sich viel zu weit vom düsteren Hintergrund, der die Hauptstory um den Mord an Emily French überhaupt erst möglich macht.

Doch keine Sorge – von der Story soll hier so wenig wie möglich die Rede sein, um Spoiler zu vermeiden. Es geht hier hauptsächlich um die Stimmung, die Atmosphäre. Diese ist vor allem durch großartige Kameraarbeit geprägt. Die meisten Szenen sind in einem dunstigen Sepiaton gedreht, bei den Außenaufnahmen wabert zudem starker Londoner Nebel durch das Bild – gelungene Metaphern für die Düsternis der Story und Mahnung, dass die wenigen in hellen, freundlichen Farben gedrehten Szenen trügerisch sein könnten. Doch dazu später mehr, jetzt erst noch einmal zurück zu den Unterschieden gegenüber der 1957er Verfilmung.

Billy Wilder kommt einfach mit einem Touch zuviel Hollywood daher. Zudem verleiht der von ihm eingewobene Humor mit dem störrischen herzkranken Anwalt, der ständig seine Krankenschwester damit ärgert, ihren Kakao gegen Brandy auszustauschen, sowie dem stereotyp schottischen und obendrein schwerhörigen Hausmädchen dem Film letzten Endes den Hauch eines dieser schrecklichen „Cozy Mysteries (gemütlichen Krimis)“ mit rosig-flauschiger Atmosphäre, die so beliebt geworden sind.

Doch Mord ist nicht „cozy“. Er ist widerwärtig, dreckig und gemein. Genau das hat Agatha Christie bereits 1925 mit ihrer Kurzgeschichte The Witness For the Prosecution herausgestellt. Die Story hat gerade mal etwas um die 20 – 25 Buchseiten. Doch in diesen kurzen Text hat sie mit vielen kleinen Einstreuungen eine ganz andere Welt als Wilder angedeutet: Der Erste Weltkrieg mochte zwar bereits acht Jahre vorbei sein, doch seine Schrecken verfolgten noch eine ganze Menge Seelen und verleiteten sie zu manch falscher, bisweilen sogar fataler Entscheidung.

Diese Andeutungen des sich nur langsam auflösenden Kriegstraumas hat die Drehbuchautorin Sarah Phelps in ihrer Adaption der Vorlage aufgegriffen, erweitert und auf spannende Weise eigeninterpretiert. Vieles, das in der originalen Kurzgeschichte teilweise nur Halbsätze ausmacht, hat sie als vollwertigen Bestandteil eingearbeitet und so eine großartige atmosphärische Dichte geschaffen.

Alle Figuren sind auch Jahre nach Kriegsende immer noch Verlierer: Der angeklagte Leonard Vole ebenso wie seine Frau, die titelgebende Zeugin der Anklage stehen immer noch unter dem Einfluss der schrecklichen Erlebnisse an der Front und auf der Flucht. Aber auch Emily French, die Ermordete (hervorragend gespielt von Kim Cattrall), trägt ihr eigenes Päckchen Last. Wo Billy Wilder sie als sympathischen Oma-Typ darstellt – eine grundsolide Frau, deren einziger Fehler im Leben sie auch prompt dasselbe kostet -, lässt Sarah Phelps sie als alternde, allmählich, aber noch nicht ganz verblühte Schönheit daherkommen, die sich mit Verzweiflung das bewahren will, was ihr geblieben ist. Dabei macht Mrs. French mehrere Fehler mit mehreren viel zu jungen Männern, doch nur einer wird ihr Verhängnis. Unter anderem dadurch, dass sie an diesem Galan längeres Interesse zeigt als an seinen Vorgängern. Und plötzlich fühlt sich Mrs. Frenchs besitzergreifendes Hausmädchen Janet in seiner vermeintlich sicheren Position als Hauptanker in Mrs. Frenchs Leben bedroht. Ergo macht auch Janet Fehler, die sie am Schluss bis ins Mark erschüttern sollen.

Fehler macht auch Mr. Mayhew (einfach genial: Toby Jones), Leonard Voles Anwalt. Er selber hat als Folge der Gasangriffe im Krieg unter einem chronischen Husten zu leiden und beklagt den Verlust seines einzigen Sohnes. Darüber hat er sich von seiner Frau entfremdet, und seine Karriere ist alles andere als brilliant: Sein Büro hat er nicht in einer der eleganten Kanzleien nahe das Old Bailey-Strafgerichtshofes, sondern in einem dunklen, gammeligen, feuchten Kellerloch. Die Chance, an dem Fall des Jahres mitzuarbeiten und somit aus diesem Kellerloch rauszukommen verleitet ihn zu seinen eigenen Fehlentscheidungen.

Somit geraten alle Beteiligten bis in die Nebenrollen in einen Strudel, der am Ende selbst aus den Gewinnern Verlierer macht.

Genau wie das erwähnte And Then There Were None gehört The Witness For The Prosecution zu dem Düstersten, Verstörendsten und dabei den menschlichen Abgründen am nächsten Kommenden, was Agatha Christie je über Menschen geschrieben hat, die an den Punkt geraten sind, aus Niedertracht Menschenleben auszulöschen. Der Mut der BBC, dies so umzusetzen und auf den „Cozy Mysteries“-Schickschnack zu verzichten, zahlt sich komplett aus.

Ähnlich gelungen, wenn auch durchaus nicht unkontrovers ist die Anpassung an moderne Sehgewohnheiten: Gleich in Teil 1 gab es zwei Sexszenen, was es in den alten, betulicheren Verfilmungen so gut wie gar nicht gegeben hat oder höchstens schamhafter angedeutet als zu Queen Victorias Zeiten. Auf der Facebook-Seite von BBC One tauchte dann auch prompt die Frage auf, ob das wirklich sein müsse.

Bei dem erotischen Stelldichein zwischen Leonard Vole und Emily French dachte ich nur: Aber klar doch. Agatha Christie wird von heutigen Lesern gerne als besonders „sauber“ verklärt, andere mögen es als „prüde“ verurteilen. Dabei stimmt das gar nicht. Schon früh hat sie in ihren Romanen Dinge eingeflochten, die das Motto „Sex & Crime“ durchaus bedienten: Schwule Antiquitätenhändler als opfer von anonymen Briefen, lesbische Konstellationen in einem beschaulichen Dorf weit vor den Toren der aufgeklärten Großstadt, Dreiecksverhältnisse auf Orientreisen – alles da. Auch in Witness For the Prosecution ist es mehr als deutlich, dass Leonard selbstverständlich mit Mrs. French geschlafen hat, obwohl zuhause eine Frau auf ihn wartete. Warum es also dann nicht auch zeigen?

Lediglich die Szene, in der Mr. Mayhews Impotenz als weiteres Zeichen seiner zerrütteten Ehe eingesetzt wird, kam mir als überflüssiges Sensationsmittel vor. Es gab genügend andere Zeichen dafür, das Mayhew und seine Mrs. alles andere als glücklich miteinander sind.

Abgesehen von diesem kleinen Manko und einem zweiten, das aus dem etwas arg zu dick aufgetragenen zehnminütigen Finale mit eher überflüssigen Szenen besteht, gehört die 2016er Fassung von The Witness For the Prosecution gemeinsam mit dem vorjährigen And Then There Were None zum besten, was je von Agatha Christie auf Filmrollen gebannt wurde und ich vergebe immer noch sieben von zehn möglichen Punkten.

Deshalb freue ich mich auch jetzt schon auf „Christie for Christmas 2017“ und bin gespannt, welche Story es diesmal treffen wird.

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