Die fiese Tante

Alle paar Wochen taucht sie auf. Von anderen meist unbemerkt, weiß ich genau: Sie ist wieder da. Und sie nervt. Ganz furchtbar sogar. Aber deswegen habe ich sie irgendwie in mein Herz geschlossen und schreibe so gerne über sie: „Meine“ Erbtante Mildred.

Nun habe ich gar keine Tante Mildred, und eine Erbtante schon gar nicht. Trotzdem gibt es sie. Bei mir, aber auch bei euch. Jeder hat sie in seinem persönlichen Umfeld. Vielleicht ist sie keine Tante. Sie muss nicht einmal eine Verwandte sein. Selbst das Geschlecht ist nicht zwingend vorgegeben. Sie kann genau so die unfreundliche Kassiererin im Supermarkt sein wie der scheinbar nur von Trill-Sprechperlen lebende Berufspendler, der sich einem ständig morgens im Regionalexpress aufdrängt oder der Nachbar, der auch nach Beginn der Ruhezeit um zehn Uhr abends versucht Tuba zu spielen (Betonung auf versucht).

Es handelt sich also um eine jener schrecklich unangenehmen Personen, von denen jeder mindestens eine kennt: Bei der Wahl zwischen einer Begegnung mit dieser Person und dem Biss der Schwarzen Mamba wird die Schwarze Mamba immer als Sieger hervorgehen.

„Erbtante Mildred“ ist natürlich nur ein Synonym für diese unangenehme Person. Sie ist keiner realen Person nachempfunden, sondern ein Gemisch aus zig unangenehmen Charakteren, deren Weg man in seinem Leben gekreuzt hat. Und ständig kommt eine neue Zutat hinzu.

Einen solchen Platzhalter zu haben ist immer ganz praktisch, wenn man in einem Text Situationen und/oder Dialoge aus dem wahren Leben beispielhaft bringen und vielleicht auch karikieren möchte, ohne einer realen Person auf die Füße treten zu wollen. Vielleicht gibt es die benötigte Figur für den fraglichen Text sogar überhaupt nicht. Jedenfalls kann man einen Text mit einer solchen Kunstfigur illustrieren und dadurch lebendiger daherkommen lassen. Als Running Gag schafft sie einen Wiedererkennungseffekt für die Stammleser eines Autors.

Auf diese Art kommt Erbtante Mildred immer wieder zum Einsatz, und neulich bin ich mal sämtliche veröffentlichten und unveröffentlichten Texte der letzten fünf Jahre durchgegangen, bei denen ich mich daran erinnern konnte, Erbtante Mildred verwendet zu haben. Dabei habe ich ihre wesentlichen Merkmale herausgepickt und auf dieser Grundlage folgendes Profil zusammengeklöppelt:

Erbtante Mildred ist um die 75. Den letzten von drei Gatten (mit denen sie ausschließliche Zweckehen eingegangen ist) hat sie schon vor zwanzig Jahren unter die Erde gebracht. Sie hinkt der Zeit hoffnungslos hinterher, nennt die Bundeswehr weiterhin hartnäckig „Kommiß“ (natürlich nach alter Rechtschreibung mit ß), rechnet auch nach fünfzehn Jahren immer noch Euro in Mark um und nennt den Zugbegleiter der Deutschen Bahn AG beharrlich Schaffner bei der Deutschen Bundesbahn.

Eigentlich könnte sie größter Lebensfreude ihre eigene und die drei Witwenrenten verjubeln, doch zusätzlich zu ihrer angeborenen Sauertöpfigkeit ist sie so geizig, dass sie ein Eurostück so ausquetschen kann, bis der Bundesadler darauf furzt. Im Winter heizt sie nicht mal ihre Viereinhalb-Zimmer-Altbauwohnung vernünftig. Wenn ihr kalt ist, zieht sie einfach eine Strickjacke über und legt sich eine Wolldecke über die Beine.

Nur bei ihrem Äußeren spart sie nicht. Sie ist immer mit dem Besten und Teuersten anzutreffen, was die Welt der Mode und der Figaros zu bieten haben. Auch in ihrem hohen Alter erscheint ihr Pagenkopf in makellosem Schwarz, wofür sie sehr viel Geld ausgibt. Extrem gut verdient auch die Make up-Industrie an ihr. Dadurch hat sie in den letzten fünfzig Jahren ihre Gesichtshaut regelrecht gepökelt, was im Grunde noch schlimmer aussieht, als hätte sie sich mehrerer Liftings unterzogen: Falten wie ein Truthahn, aber wenigstens duften sie schön nach Chemiesaal. Verstärkt wird der Effekt durch die völlig unmodische Halbmondbrille mit schneeweißem Gestell, die entweder vorne auf der Nasenspitze tobt oder an einer Kette aus echten Perlen vor dem wenig bis gar nicht vorhandenen Busen baumelt.

Wenn man sie besucht, bekommt man Blümchenkaffee und uralte Butterkekse. Wenn sie mit einem spricht, geht ihre Stimme zum Ende eines jeden Satzes nach oben, wodurch selbst ihre Frage, wie es einem geht, wie eine Warnung daherkommt: „Egal was du antwortest – es ist falsch.“ Das kommt so schrill daher, dass es einen dieser Schlüsselanhänger auslösen kann, bei denen ein lauter Pfiff reicht, um einen Piepston abzusetzen, mit dem man das verlegte gute Stück wiederfinden kann.

Bei alledem sitzt Erbtante Mildred aufrecht wie eine Stockpuppe und unbeweglich wie eine Buddha-Statue in ihrem Salon (der eigentlich ein ganz schnödes Wohnzimmer ist, aber dieses Wort lehnt sie als „gewöhnlich“ ab) und hat dabei ihre verfettete Perserkatze auf dem Schoß, die sie unablässig streichelt. Genaugenommen ist Erbtante Mildred eine Mischung aus Grandpa Simpson, Dame Edna, Mireille Mathieu und dem James Bond-Schurken Blofeld.

Summa summarum ist Erbtante Mildred eine Person ohne erkennbar liebenswerte Eigenschaften, dafür mit genügend Gift und Galle ausgestattet, um allen in ihrer Umgebung vom Müllmann bis zum Pastor das Leben schwer zu machen, denn die sind ihre Sparringspartner, mit denen sie für die wirklich wichtigen Duelle des Lebens trainiert. Nämlich mit der eigenen Verwandtschaft, und einer davon könnte ich sein.

Am Ende stand ich mit einer fast so ausführlichen Charakteranalyse da, wie ich sie bei meinen Romanen für alle Hauptfiguren schreibe. Für einen Moment dachte ich: Dreht sich das nächste große Manuskript etwa um Tante Mildred? Aber dann fiel mir ein: Du machst in Humor, nicht Horror!

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