Nur „’n büschen pustig“?

Untergang der Titanic – Wunder von Lengede – Mord an John F. Kennedy – Mondlandung – Flugzeugentführung nach Mogadishu – Mauerfall…

Jede Generation hat ihre prägenden Erlebnisse – ganz gleich, ob positiv oder negativ besetzt – bei denen jeder Zeitzeuge auch Jahrzehnte später noch genau weiß, wo er zur fraglichen Zeit war und was er getan hat. Die Bilder haben sich so eingeprägt, dass der Film vor dem inneren Auge ohne Abnutzungserscheinungen wieder und wieder abgespielt werden kann.

Vorgestern ist es genau zehn Jahre her gewesen, dass der Orkan Kyrill über Europa hinweggefegt ist. Neben dem 11. September 2001 gehört dieser Tag zu meinen Erlebnissen, die ich wohl niemals vergessen werde. Dabei hatte es fast schon ein wenig enttäuschend angefangen. Den ganzen Tag über sollte er kommen, quasi schon vor der eigenen Türschwelle stehen, dieser Jahrhundertsturm. Doch bis etwa drei Uhr nachmittags war in unserem Quartier downtown nicht viel mehr zu spüren als dass sich die Baumkronen etwas heftiger als sonst im Winde wiegten. Seit dem Aufstehen durchforstete ich im Internet immer wieder die Verspätungsmeldungen für den Nahverkehr und ließ mich pünktlich zu den Nachrichten vor dem Radio nieder – wie ein Untergrundkämpfer, der seine Befehle aus dem Hauptquartier über eine geheime Frequenz erwartet. Ihr wisst schon, so wie „Michelle from ze Resisstence“ in der BBC-Kultserie ’Allo, ’Allo: „Leessen verry carrfully – I shall only say zis wonce!“

Doch nichts tat sich.

Mein Mann, dessen Gesundheit es damals noch zuließ, dass er berufstätig war und sich ehrenamtlich betätigte, war morgens um halb sechs noch wie gewohnt mit dem Zug auf die andere Seite des Ruhrgebiets zur Arbeit gefahren. Ob er dann abends heimkehren oder bei seinen Eltern unterkriechen würde, wollte er spontan entscheiden.

Bei dem letzten großen Sturm ein paar Jahre zuvor hatte er noch wagemutig den Heimweg trotz fast vollständig zusammengebrochenen Nahverkehrs angetreten und für eine Strecke, die sonst knapp sechzig Minuten in Anspruch nahm, fast sieben Stunden mit unzähligen Umstiegen zwischen Bus, Bahn und Straßenbahn gebraucht. Diesmal wollten wir vorsorgen, doch die Entscheidung wurde uns abgenommen.

Mein Mann war damals ehrenamtlich als Fahrer bei einer der zahlreichen Organisationen aus dem Bereich Rettung und Bergung tätig, und bis zum späten Nachmittag hatte Kyrill dann doch so an Stärke gewonnen, dass diese Einrichtungen auch jene Kräfte mobilisierten, die nur dann gerufen wurden, wenn gar nichts mehr ging. Zu diesen gehörte er. Das hatte es schon lange nicht mehr gegeben, ergo war auch für mich die Erfahrung neu, meine bessere Hälfte in so einer Nacht „draußen“ zu wissen.

Was macht man in einem solchen Fall? Ein Patentrezept gibt es dafür wohl nicht. Jeder Angehöriger eines solchen Rettungshelfers geht wohl mit der Situation anders um. Ich entschied mich dafür, so weiterzumachen, als sei es ein ganz normaler Tag und mein Mann würde einfach mal über Nacht aus bleiben: Seminar, mit Freunden um die Häuser ziehen – so was eben. Denn bange machen gilt nicht!

Natürlich machte ich mir trotzdem Sorgen. Sicher ist es gefährlich, bei einem Orkan umgestürzte Bäume aus dem Weg zu räumen, wenn die noch aufrechten Bäume ebenfalls jeden Moment der enormen Wucht des Windes nachgeben könnten. Auch das Fahren mit Blaulicht, Martinshorn und vor allem erhöhter Geschwindigkeit ist nicht ohne Risiko.

Aber damit darf man sich nicht übermäßig befassen, sonst verliert man darüber rasch den Verstand. Sorgen machen, ja – aber diese Sorgen sollten nicht größer und beängstigender sein als der gelegentliche Gedanke an einen möglichen Verkehrsunfall oder eine schwere Krankheit.

Weil zuhause verbrachte Urlaubstage nur selten wirklich solche sind, bügelte ich also Wäsche, putzte das Bad, machte die große Runde mit dem Staubsauger und so weiter.

Gegen achtzehn Uhr war der Sturm dann tatsächlich so heftig geworden, dass man es nicht verpassen konnte. Sturm ist an der Küste erst, wenn die Schafe auf dem Deich keine Locken mehr habe. Alles andere ist nur ’n büschen pustig. Doch nun war es auch bei uns im tiefsten Binnenland mehr als nur ’n büschen pustig: Nicht nur die Locken waren weg, sondern die kompletten Schafe.

Eines war dabei merkwürdig – hören konnte ich davon kaum etwas. Der Vorteil eines Mittelhauses. Die Nachbarn eine Hausnummer weiter im Eckhaus durften wahrscheinlich eine andere Geräuschkulisse genießen. Aber ganz still war es auch für mich nicht. Die Früchte der Platanen, die es geschafft hatten, sich während des ganzen, eigentlich noch gar nicht wirklich hereingebrochenen Winters tapfer am Baum zu halten, wurden nun mit Gewalt nach unten gerissen. Plong! Plong! Plongplong! Plong! Immer schön auf die darunter parkenden Autos.

Rückzug nach hinten in die gemütliche Wohnküche. Eine große Mahlzeit zu kochen lohnte sich für mich alleine nicht. Also gab es den Grüne-Witwen-Klassiker Pellkartoffeln. Während die auf dem Herd vor sich hin kochten, machte ich es mir mit einer Tasse Tee am Tisch kommodig und las. Dabei passte die ausgewählte Komödie so gar nicht zu dem Sturm, der inzwischen bedrohliche Ausmaße annahm. Der Wind heulte im Innenhof umher, der Regen prasselte gegen die Scheiben, Blitze zuckten. Jetzt wurde aus Kyrill ein echter Bilderbuchsturm. Ich wechselte von heiterer Unterhaltung zu einem Sammelband mit sämtlichen Gespenstergeschichten von M. R. James – diese Nacht war wie gemacht dafür!

Kurz vor dreiundzwanzig Uhr dann ein Anruf von meinem Mann. Er nutzte die Pause, die man ihm nach über fünf Stunden Einsatz endlich gönnte, um sich zu melden. Er klang müde, aber ansonsten unbeschädigt. Das Gespräch dauert allerdings keine drei Minuten, dann muss er schon wieder raus.

Irgendwann hatte ich das komplette Buch von über vierhundert Seiten ausgelesen. Blick Küchenradio. Das Display zeigt kurz nach zwei Uhr nachts. Wird’s da Auge in Auge mit dem Sturm nicht mal langsam Zeit für eine weitere Pause? Das kann doch kein Mensch aushalten, so ohne Unterlass über seine normalen Kräfte hinaus Leistung zu bringen.

Und weiter jammerte der Wind, Regen und Hageln klatschten so bedrohlich gegen die knackenden Fenster, dass ich fürchtete sie würden bersten. Außerdem war es nach so vielen Stunden stickig geworden. Lüften verbot sich allerdings aus verständlichen Gründen.

Jetzt, wo die Ablenkung fehlte, war es mit der Parole Ruhig Blut natürlich nicht mehr ganz so weit her. Unschöne Bilder zuckten vor meinem inneren Auge auf. Von Bäumen erschlagene Menschen. Autos, die sich um Laternenmasten gewickelt hatten. Und ein Polizist vor meiner Wohnungstür. „Ich habe Ihnen leider eine traurige Mitteilung zu machen…“

Der Blick ins Internet war ein Fehler. Kyrill arbeitete fleißig an seiner Aufnahmeprüfung für die Reiter der Apokalypse. Fünf Tote schon allein in NRW. Ob einer davon wohl… Jetzt halt aber mal die Luft an, du hysterische Ziege! Rechner aus! Sofort!

Ich legte mich aufs Sofa. Wenn ich den Reisefernseher mit DVD-Player nur über den Akku laufen lief, würde es wohl ungefährlich sein, noch ein paar Folgen meiner Lieblingsserie zu schauen. Ich nahm kaum etwas davon wahr. Die Augen tränten, fielen mir zu, aber ich konnte partout nicht einschlafen.

Okay, dann die Hollywood-Methode. Wenn dort jemand in Sorge ist, muss erstmal ein Drink her. In meinem Fall kein Bourbon, sondern Bacardi-Cola. Geplant war einer, es wurden drei, bis ich endlich in einen unruhigen Schlaf sank. Nach kaum einer Stunde war ich wieder wach. Es war kurz nach sechs und ich war ohne jegliches Zutun aufgewacht. Kein Telefon, auch keine Sturmgeräusche mehr.

Jetzt langte es! Ich warf alle guten Vorsätze über Bord und schrieb eine SMS, möglichst neutral gehalten. Ich wollte ja nicht, dass sich nun mein Mann Sorgen um die Nervensäge in ihrer sicheren Mietskaserne in Dortmund machte.

Zwanzig Minuten später läutete das Telefon. „Ist meine SMS nicht angekommen? Die habe ich dir schon um zwei Uhr geschickt.“ Nein, war sie nicht, aber ich hätte mir selber in den Arsch treten können. Mobilfunknetz in so einer Nacht – warum habe ich nicht gleich versucht, Rauchsignale vom Dach zu senden?!

Mein Mann berichtete, dass er von halb drei bis sechs Uhr geschlafen hatte und um sieben Uhr wieder Dienst angesagt sei. Die Dienstbereitschaft würde mindestens noch bis zur Mittagszeit gelten. Jetzt war ich nicht mehr besorgt, jetzt war ich verärgert. Einsatzfall hin oder her – langsam könnte man doch wohl mal ein paar Leute nach Hause schicken. Übermüdete Katastrophenschutzhelfer, die Fehler machen, können genauso verheerend sein wie Kyrill selber. Doch diese wenig karitativen Gedanken spreche ich natürlich nicht aus – zu sehr hätte es gezeigt, was für ein Greenhorn ich als Rettungsangehöriger doch bin.

Wir beendeten das Gespräch, ich sank wieder in die Kissen, wenige Minuten später war ich eingeschlafen. Als ich das nächste Mal wach wurde, war es fast Mittag. Ich stand auf und machte ein paar Handgriffe im Haushalt, war aber letztlich zu müde. Die Sorge war jetzt geringer. Kyrill zog zwar noch ein paar letzte Blähungen hinter sich her, aber wenigstens war es jetzt hell. Im Dunkel wirkt ein Sturm viel heimtückischer, selbst wenn man auch bei Tageslicht nicht unbedingt mitbekommt, wenn sich hinter einem ein wackeliger Baum selbständig macht um mit einem Hau den Lukas zu spielen.

Der Tag plätscherte vor sich hin. Irgendwann zur Kaffeezeit dann der erlösende Anruf: „Ich bin auf dem Heimweg.“ Es fuhr zwar im ganzen Ruhrgebiet kein einziger Zug, was auch noch ein paar Tage noch so bleiben würde, aber die Hilfsbereitschaft der Rettungshelfer wird natürlich auch untereinander gelebt – ein motorisierter Kamerad nahm ihn mit. Um sich den Umweg durch unser Viertel zu sparen, hat er meinen Mann allerdings an der Westfalenhalle abgesetzt. Natürlich holte ich ihn dort ab.

Auf meinem Weg dorthin wunderte ich mich, wie wenig bei uns geschehen war im Vergleich mit dem, was die Fernsehbilder in den Nachrichten aus andere Gegenden zeigten. Ein paar umgeknickte Bäume, ein paar Vorgärten verwüstet, ein paar herabgestürzte Schindeln. Das was ich sah, schien in keinem Verhältnis zu dem Naturschauspiel zu stehen, das sich mehr als zwölf Stunden in unserer ganzen Region abgespielt hatte.

Doch das war mir schon öfter bei schweren Stürmen aufgefallen. Ich vermutete, dass die dichte Bebauung des Potts jeden Sturm immer ein bisschen ausgebremst, bis er bei uns ankommt. Aber ob das wirklich stimmte oder nur die wirren Spekulationen eines Übernächtigten waren, würde mir wohl nur ein Meteorologe oder sonstwie akademisch für solche Phänomene legitimierte Person erklären können.

Aber dafür hätte ich jetzt sowieso kein Ohr gehabt. Trotz unendlicher Müdigkeit will mein Mann erzählen, das ist viel wichtiger. Und er erzählt viel. Wirklich Traumatisches von gespritztem Blut hat er zum Glück nicht erleben müssen, doch schon die eine Erzählung von dem verzweifelt weinenden ältlichen Ehepaar, das in dieser Nacht sein kleines Einfamilien(zu)haus(e) verloren hat, weil die hundertjährige Eiche drauf gestürzt ist und nur noch Trümmer hinterlassen hat, zeigen mir, wie klein meine Probleme der letzten Nacht doch waren. Kyrill hallt lange nach. Nicht nur bei mir, sondern auch bei meinem Mann.

Wir alle machen uns viel zu selten klar, was eine solche Aufgabe in der Rettung, der Pflege, im Katastrophenschutz, im Bereich SAR (Search and Rescue) bedeutet. Die Hilfe am Menschen bedeutet nicht nur, dass ein Altenpfleger alten Damen bei der Insulinspritze hilft oder ein Katastrophenschützer bei einer großen Flut bis zur körperlichen Erschöpfung Sandsäcke schleppt. Wir wissen nicht – und wahrscheinlich ist das auch gut so – welche Atmosphäre hinter den Milchglasscheiben eines Rettungswagen herrscht, wenn die Leute vom DRK verzweifelt um das Leben eines Menschen kämpfen. Wir kennen auch den Anblick nicht, den ein SAR-Freiwilliger verarbeiten muss, wenn er zur Unkenntlichkeit verkohlte Leichen aus einer Flammenruine retten muss. Aber manchmal, so wie in und nach dieser Sturmnacht vor zehn Jahren, in der es viel, viel mehr als nur ’n büschen pustig war, kann man für einen Moment erahnen, was diese Menschen leisten. Spätestens dann sollte man dankbar sein, dass es sie gibt. Aber noch besser wäre es, es so zu tun, wie diese Menschen ihre Hilfe leisten: Jeden Tag.

 

 


Hinweis: Die Titelgraphik dieses Beitrags stammt aus dem Pool frei verwendbarer Bilder von Pixabay und befindet sich unter dem Vermerk CC0 der Creative Commons in der Public Domain.

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