Schockierende Entwicklung

Meine Mutter war sechsundvierzig, als mein Großvater sie eines Tages unvermittelt fragte: „Wie lange willst du das eigentlich noch machen?“

Worauf meine Mutter genau so wie wir anderen bei der freitäglichen Familienkaffeestunde vollkommen verständnislos aus der Wäsche guckte. „Was?“

„Na, diese moderne… äh, Musik.“

Es war 1995, und im Radio lief gerade Scatman. Ein Lied, bei dem meine Mutter recht lebhaft „mitging“, was für sie ein wenig ungewöhnlich war, aber auch bedeutete, dass ihr dieses Stück von Scatman John sehr gefiel.

Heute sind die Grenzen da ja ziemlich verschwommen und Greise hören Techno ebenso wie sich Teenager Tickets für den Musikantenstadl on Tour kaufen, aber vor zweiundzwanzig Jahren funktionierte die natürliche Trennung der Generationen im Bereich der Musik noch recht zuverlässig: Meine Schwester hatte den Scatman mit ins Haus gebracht und ich Simply Reds Fairground, während bei unseren Großeltern Maria und Margot Hellwig begleitet von Slavko Avsenik mit seinen Original Oberkrainern (von uns Kindern respektlos als Oberkellner bezeichnet) seit Jahrzehnten unangefochten das Regiment führten. Unsere Mutter lag mit ihrer Lieblingsband The Tremeloes (Silence is Golden) irgendwo dazwischen, neigte dann aber doch eher dazu das zu hören, was bei ihrem Nachwuchs auf den Plattenteller kam.

Dass jemand aus der Generation meiner Großeltern sich nicht so wirklich mit den Klängen anfreunden konnte, die seit dem ersten „Yeah, yeah, yeah“ der Beatles über die Ätherwellen kamen war ja irgendwie verständlich. Generationssache eben. Trotzdem hat keiner begriffen, warum mein Großvater seine Frage wie folgt fortsetzte: „Du wirst ja jetzt auch langsam älter. Wird es da nicht Zeit, dass du anfängst, deutschen Schlager und Volksmusik zu hören?“

Worauf meine Mutter zuerst empört war, dann anfing zu lachen und schließlich resolut feststelle: „So alt kann ich gar nicht werden, dass ich jemals so ’nen Schrott hören würde!“

Was haben wir Geschwister uns da über unsere moderne Mutter gefreut, die lieber Skibby-dibby-dip-ba-baddabum hörte statt Holladihiaho. Und das mit sechsundvierzig, wo für Teens und Twens doch schon mit dreißig das Greisenalter beginnt!

Sechsundvierzig ist nun auch mein Mann, den ich als 1Live, N-Joy und WDR 2 bevorzugenden Radiohörer kennengelernt habe.

Seit ein paar Wochen hört er allerdings…

… WDR 4.

Ich bin ziemlich in Sorge, denn irgendetwas läuft hier aus dem Ruder…

 


Hinweis: Die Titelgraphik dieses Beitrags stammt aus dem Pool frei verwendbarer Bilder von Pixabay und befindet sich unter dem Vermerk CC0 der Creative Commons in der Public Domain.

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