Brückenschlag

Hamburg bekommt mal wieder eine neue Hafenfähre. Das Modell ist eine Weiterentwicklung der vor zwanzig Jahren erstmals eingesetzten und vom Volksmund mit dem schönen Spitznamen Bügeleisen bedachten Baureihe, die hauptsächlich auf den wichtigsten Linien mit dem größten Passagieraufkommen verkehrt. Die Neue wird etwas breiter sein, Platz für mehr Fahrgäste haben und der Antrieb soll umweltfreundlicher sein als bei ihren älteren Schwestern.

Wie schon bei den davor in Dienst gestellten Fähren, zuletzt 2013 bei der Hamburgensie, wurde auch beim aktuellen Neubau wieder die Hamburger Bevölkerung an der Namengebung beteiligt. Die Wahl der Jury fiel auf den Vorschlag Elbphilharmonie, was keine wirkliche Überraschung darstellt wenn man den Furor bedenkt, unter welchem das gleichnamige Bauwerk erst vor wenigen Wochen eingeweiht wurde.

Bei aller Schlüssigkeit der Pro-Argumente finde ich es dennoch ein bisschen schade, dass mein persönlicher Favorit unter den Namensvorschlägen es nur auf den dritten Platz gebracht hat. Dabei wäre die Kombination eines neuen Schiffs in Verbindung mit dem Namen der historischen Figur Zitronenjette ein schönes Bindeglied gewesen zwischen den alten Quartieren der Hansestadt und dem neuen Stadtteil HafenCity, der in Zukunft auch von der neuen Hafenfähre angesteuert werden wird.

Apropos Verbindung zwischen Alt und Neu: Zu Beginn, als die HafenCity hauptsächlich eine Sammlung von Zeichnungen auf Papier war, und auch noch, als die ersten Bauten gen Himmel wuchsen, ist das Fehlen genau dieser Verbindung häufig moniert worden. Ein Retortenstadtteil vom Reißbrett würde da entstehen, mit kalter Architektur und nur gedacht für Unternehmenssitze bzw. Anwohner mit verdammt großem Geldbeutel. Ein künstliches Ghetto der Reichen und Schönen, in dem nichts mehr an die dortige Keimzelle des heutigen Hamburger Hafens erinnert.

Bevor es jemand anders aufs Tapet bringt: Ja, das waren auch meine Bedenken. Wie vielen anderen fiel es mir ebenfalls schwer, den vollmundigen Versprechen der Verantwortlichen zu glauben, dass die Kassandrarufe unberechtigt seien und es wirklich keinerlei Anlass zu solchen Befürchtungen gäbe – die HafenCity würde keinesfalls ein Tummelplatz nur für die obersten der Oberen Zehntausend sein.

Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Wenn man mit allen Sinnen auf „Empfang“ geschaltet durch die HafenCity geht, sieht man selbstverständlich prunkvolle Unternehmenssitze und Wohnhäuser mit so hohen Quadratmeterpreisen, dass ich quasi schon mit dem ersten Tag meiner Ausbildung vor *hüstelnuschelmurmelräusper* Jahren hätte beginnen müssen, mich in einem großen Firmenimperium nach oben zu schlafen, um mir dann vielleicht irgendwann meinen Altersruhesitz dort leisten zu können. Auf der anderen Seite sieht man mit der gleichen Selbstverständlichkeit gelungene Beispiele für sozialen Wohnungsbau und Kleinunternehmer, die gerade richtig durchstarten.

Wenn man sich richtig Zeit nimmt, merkt man irgendwann sogar, dass an vielen Stellen die Grenzen zwischen den beiden Welten verschwimmen und die Menschen in der HafenCity – besonders jene, die wirklich dort leben – in einem regelrechten Pioniergeist vereint sind. Wann hat man schon mal die Möglichkeit, einen nagelneuen Stadtteil von Anfang an mitzugestalten? Tolle Gelegenheit – lasst sie uns nutzen, ein neues Ist zu schaffen, dabei aber nicht vergessen, was hier zuvor einmal war.

Diesem Vergessen wird erfolgreich entgegengetreten, etwa mit dem ehemaligen Seebäderdampfer Seute Deern, der ebenso im Becken des Sandtorhafen vertäut liegt wie mit historischen Kränen auf den Piers an den Warenumschlag vor vielen Jahrzehnten erinnert wird.

In der HafenCity

In der HafenCity

Selbst das Kapitel des Dritten Reiches wird nicht ausgeklammert: Dort, wo derzeit der Lohsepark entsteht, befand sich früher der Hannoversche Bahnhof, der von 1872 bis zur Einweihung des heutigen Hauptbahnhofes im Jahr 1906 Dreh- und Angelpunkt für den Schienenverkehr von und zu den Zielen südlich der Elbe war, der von 1940 bis 1945 aber auch der zentrale Bahnhof für die Deportation von Juden, Sinti und Roma war. An diese Zeit wird mit einer Gedenkstätte erinnert, während an anderen Stellen in der gesamten HafenCity Kinderspielplätze, Kitas und Schulen die Brücke in die Zukunft schlagen.

Ich glaube, es war und ist die atemberaubende Geschwindigkeit, mit welcher die HafenCity vom einem Stapel Papiere zum lebend(ig)en Stadtteil geworden ist, die viele der Vorbehalte gegen sie geschürt hat. In vergangenen Jahrhunderten haben sich neue Stadtteile locker über das Doppelte der Zeit entwickelt. Dadurch musste Altes auch weniger schnell dem Neuen weichen und brach nicht so heftig über die Menschen herein. Die heutige Heftigkeit und Geschwindigkeit ist es wohl, die den sofortigen Abwehrreflex triggert.

Wobei natürlich kein sich noch so wohlwollend neu ergebenes Bild über die HafenCity darüber hinwegtäuscht, dass gerade Hamburg es mit dem „Altes muss Neuem weichen“ lange übertrieben hat. An vielen Stellen sind ganze Kapitel aus Hamburgs Architekturgeschichte ersatzlos gestrichen worden. Das nicht als Kompliment gemeinte Sobriquet „Freie und Abrissstadt Hamburg“ hat sich nicht umsonst ergeben. Andererseits ist zu bedenken, dass das romantische Erleben von Altbausubstanz und der Wunsch zum Erhalt bei Jedermann noch recht neue Empfindungen sind, die um die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende sowie nach dem Zweiten Weltkrieg, der den Menschen so vieles weggenommen hatte, entstanden. Der Blick oder besser das Lauschen in Richtung Berlin erklärt dieses Gefühl vielleicht, wenn man sich  Lieber Leierkastenmann und Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin einmal ganz genau anhört und sie nicht nur als sentimentale Schlager betrachtet, sondern in den Kontext der Zeit stellt, zu welcher sie entstanden sind. Erst seit kurzem haben sich mir die Texte dieser beiden großen Schlager von Bully Buhlan vollständig erschlossen.

In der Zeit vor diesen Ereignissen ging man viel pragmatischer vor. Wohnhäuser waren zum Wohnen, Geschäftshäuser und Fabriken zum Arbeiten und Handeln. Was im Weg oder zerstört war, wurde ohne Sentimentalitäten durch Neues ersetzt. So wie die Wohnbebauung auf dem Wandrahm der Speicherstadt weichen musste und die dortige Bevölkerung ohne viel Federlesen umgesiedelt wurde. Ästhetik und Nostalgie waren ausschließlich den Betuchten vorbehalten, und selbst diese wichen, wenn es sein musste.

Für einige wichtige historische Bauwerke kommt es zu spät, dennoch habe ich das Gefühl, dass sich das Blatt wendet. Langsam, an manchen Stellen sogar zu langsam. Aber es geschieht. Allmählich wird Altes nicht mehr so rasch dem neuen geopfert wie noch vor einigen Jahren. Alte Fassaden werden jetzt vermehrt mit neuem Leben gefüllt statt sie gleich einem neuen Bau zu opfern. Wieder ergibt sich die Metapher vom Brückenschlag zwischen Alt und Neu. Mehr noch: Es ergibt sich ein Miteinander.

Dieses Miteinander ist wichtig, denn „wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte“, wie Bundespräsident Gustav Heinemann sagte. Auf Basis dieser Einsicht ist es durchaus möglich, dass vielleicht die nächste neue Hafenfähre nach der Elbphilharmonie dann auf den Namen der Zitronenjette hört.

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