Ich kann alles erklären!

Es gab keine blutende Platzwunde, keine Milchschaumreste vom Frühstückskaffee im Bart. Mir hatten auch keine übermütigen Kinder unbemerkt einen Schweif aus Toilettenpapier hinten an die Hose getackert. Und auch wenn meine Haare im Moment ein bisschen zu lang sind (für den Gang zum Putzbüddel* scheint irgendwie immer die Zeit zu fehlen), war meine Frisur längst nicht so aufsehenerregend wie die der wunderbaren Olivia Jones bei der Bundesversammlung am vergangenen Wochenende.

Trotzdem schauten mich die Leute, die mir gestern auf der Straße begegneten, ganz befremdet an. So, als wäre ich eine Kreuzung aus einer Klapperschlange und einem Erdferkel.

Schuld daran waren die Bienen und das Café mit Biergarten bei uns im Park. Und das kam so: Die Vermieterin unserer Wohnung in meinem Elternhaus war leidenschaftliche Imkerin. Wenn man eine Was sie schon immer über Bienen wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten-Problemstellung hatte, musste nur zu ihr gehen, und man erfuhr als Dreingabe auch das, was man gar nicht wissen wollte. So hieß es zu meiner Kinderzeit (wahrscheinlich dürfte der Klimawandel inzwischen einiges durcheinander gebracht haben), dass Bienen ab 12 Grad plus die winterliche Ruhe beenden und wieder ihre Runden drehen.

Über das Café bei uns im Westpark wird, seit ich in der im Pott wohne, unablässig kolportiert, dass beim ersten Tag im Jahr mit Temperaturen 12 Grad plus die winterliche Ruhe beendet wird und sich die Tore wieder öffnen.

Gestern hatten wir nicht nur zwölf, sondern vierzehn Grad. Bienen habe ich zwar noch nicht gesehen, aber das Café im Park hatte den ersten Tag im Jahr geöffnet.

Damit war für mich der Winter offiziell beendet, und ich sah keinen Grund, warum ich nicht in kurzen Hosen und T-Shirt zum Einkaufen gehen sollte. Is‘ mir doch egal, wenn auf dem Kalender erst der 15. Februar angezeigt wird.

* Putzbüddel: Norddeutsche Bezeichnung für den Friseur

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