Die aufgehängte Kaiserin

„Hast du nicht mal wieder Lust, uns einen Kuchen für den Sonntag zu backen?“

Ein ganz harmloser Satz am vergangenen Wochenende – der eine größere Suchaktion auslösen sollte als die geheimnisvolle Mary Celeste vor 145 Jahren.

Wir erinnern uns: Im Dezember 1872 wurde die Schonerbrigg Mary Celeste im Seegebiet zwischen Portugal und den Azoren aufgefunden. Bei der Untersuchung des führerlosen Schiffes stellte sich heraus, dass zwar alles ziemlich nass, aber ansonsten relativ intakt war. Selbst die gefährliche Fracht aus flüssigem Brennmaterial war bis auf neun unerklärlicherweise leere Fässer unbeschädigt. Von der Besatzung und den wenigen Passagieren an Bord fehlte jedoch jede Spur. Bis heute konnte weder ihr Schicksal noch das Wieso-Weshalb-Warum, welches das Segelschiff zum Geisterschiff machte, aufgeklärt werden.

Ähnlich spurlos und unerklärlich verschwunden wie die Reisenden der Mary Celeste war am letzten Wochenende mein Backbuch. Der feste Platz im Kochbuchregal war nämlich leer. Normale Kochrezepte mache ich „aus der Lameng“, aber bei Kuchen muss man ja doch etwas genauer arbeiten. Nur: Ohne Rezept kein Kuchen. Ich stellte die komplette Küche auf den Kopf und fand – nichts. Unter Berücksichtigung der alten Volksweisheit, dass gründliches Aufräumen größer Mist ist, weil man anschließend nix wiederfindet, räumte ich sogar diese vermaledeite Kammer aus, eben weil wir diese unlängst komplett aufgeräumt hatten. Das Buch glänzte weiter durch Abwesenheit.

Am Ende gab es Waffeln, die kann man wirklich aus der Lameng machen. Aber das verschwundene Buch fuchste mich trotzdem. In den Tagen danach machte ich es immer wieder wie der Junge in diesem alten Gleichnis, dem sein Pferd (Oder war es eine Kuh? Eine Ziege? Ein Alpaka? Ach, ist ja auch egal) verlustig gegangen ist und sich dann einfach in das gute Tier hineinversetzt, um zu erkunden, was es wohl so auf sich allein gestellt tun würde, und es auf diese Art wiederzufinden. Also versetzte ich mich in mein Ich von vierzehn Tagen zuvor, als ich das Buch nämlich zuletzt gebraucht hatte, um mich bezüglich der Ingredienzien für die so genannte Kaiserin-Friedrich-Torte zu informieren, da dieser Kuchen als Geburtstagswunsch an mich herangetragen worden war. Hat zwar noch bis Juli Zeit, aber ich bin gerne zeitig vorbereitet, also gibt es bei bisher noch nicht zubereiteten Rezepten erstmal einen Probelauf.

Komischer Name übrigens, Kaiserin-Friedrich-Torte. Wieso kommt da bei einem Männernamen eine Kaiserin ins Spiel. Okay, es gibt da ja Gerüchte, dass der olle Sanssouci-Fritz die nackten Marmor-Boys in seinem Badehaus… obwohl, das könnte genauso gut ein amüsantes, aber ebenso zurecht gesponnenes Histörchen sein wie manche Touristenweisheit der He lücht im Hamburger Hafen, und darum… Himmelverflixtverdammtnochmal! Notiz an mich: Nicht ständig abschweifen!

Also: Vor zwei Wochen hat es Kaiserin-Friedrich-Torte gegeben. Wie bin ich vorgegangen? Zuerst einmal habe ich das Backbuch auf den Hosenbügel gehängt.

Oh…

Hier ist wohl zunächst eine kleine Erklärung notwendig. Wie schon des Öfteren erwähnt, ist unsere Wohnung recht klein. Das wirkt sich auch auf den zur Verfügung stehenden Platz in der Küche aus. Gerade beim Backen mit den ganzen Töpfchen voll Zucker, Mehl, getrennten Eiern, Butter etc. wird es schon verdammt eng auf der Arbeitsplatte. Keine Chance, da noch ein Backbuch unterzubringen. Nach vielen Versuchen mit Vorschlägen aus schlauen Einrichtungsratgebern (die allesamt was für die Tonne waren) hatte sich einer dieser Klemmbügel für Hosen als ideale Lösung entpuppt. Seite mit dem gewünschten Rezept aufschlagen, Koch-/Backbuch in den Bügel einspannen und dann an den Türgriff der Hängeschranke hängen. Siehe Abb. 1:

Man beachte das am Bügel aufgehängte Kochbuch links im Bild…..

Also nochmal von vorn: Ich habe das Buch aufgehängt, die Kaiserin-Friedrich-Torte gebacken – und danach ordnungsgemäß aufgeräumt, damit die Küche wieder ordentliche und schier aussah.

Tja, also, diese „Was würde“-Methode war scheinbar Murks, denn am Ende kam ich jedes Mal wieder darauf hinaus, dass das Backbuch im entsprechenden Schrank sein müsste. Es lief dann, wie berichtet, auf die Notlösung mit den Waffeln hinaus. Danach riefen andere Haushaltspflichten und ich vergaß die ganze Sache.

Heute wollte ich dann trockene Wäsche in den Schrank hängen. Den Rest überlasse ich der Abb. 2:

Ein aus Abb. 1 bekannter Anblick, diesmal jedoch in (zumindest für das Buch) artfremder Umgebung…