Eine runde Sache

Heute sind die runden Geburtstage von gleich zwei Menschen zu feiern, und wenn ich ausgerechnet mit der deutlich älteren Person beginne, hat das nicht nur etwas mit Ladies first und dem Respekt vor dem erreichten Alter zu tun, sondern dem Lauf der Geschichte.

Auf den Tag genau einhundert Jahren wurde in Großbritannien Vera Lynn geboren. Eine hochgradig talentierte Sängerin mit warmer Stimme und von ehrlichem Gefühl geprägten Vortrag, und doch wäre sie vielleicht nur als eine von vielen eine Fußnote der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts geworden, wäre nicht der Zweite Weltkrieg dazwischen gekommen.

Wie viele andere Persönlichkeiten aus der Welt der Musik war auch Vera Lynn in der Truppenbetreuung tätig. Unter anderem präsentierte sie die Radiosendung Sincerely Yours, in der Grüße von den Familien zuhause an die weltweit kämpfenden englischen Soldaten und vice versa verlesen wurden. Sie besuchte Soldaten an der Front, ihre Familien daheim und unterstützte Projekte, die sich um Kranke und Waisen kümmerten. Dadurch wurde sie zu einem Licht in dunkler Zeit.

In ihrer größten Zeit zwischen 1935 und 1984 sang sie sich mit Songs wie A Nightingale Sang in Berkley Square (1939), You’ll Never Know (1943), You Can’t Be True, Dear (1948), Auf Wiederseh’n, Sweethart (1952), A House With Love in It (1956), One More Sunrise (1959) oder It Hurts to Say Goodbye (1967) in die Herzen ihrer Fans.

Ihren besonderen Platz dort sicherte sie sich vor allem durch zwei Lieder: The White Cliffs of Dover und We’ll Meet Again erzählen von einer Zeit nach Waffen, Tod, Verzweiflung sowie Zerstörung und gaben den Menschen den Mut, die schweren Zeiten zu überstehen. Gerade We’ll Meet Again mit seinem Versprechen, dass alles nicht lange dauern und man sich schon bald an einem sonnigen Tag wiedersehen werde, trug die Menschen auf einer Welle von Hoffnung und Zuversicht durch die schweren Jahre. Auch wenn sich das leibhaftige Wiedersehen für viele nicht wirklich einstellen sollte, brachte es diesen Menschen in Bezug auf ein glückliches Wiedersehen zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, in einer anderen Dimension zumindest auf spiritueller Ebene Trost.

Noch heute zeigt dieses Lied im Besonderen genau wie viele andere Lieder von Vera Lynn im Allgemeinen eine langanhaltende Wirkung auf Menschen in der ganzen Welt: Im Jahr 2009 erzielte ein We’ll Meet Again genanntes Album mit Vera Lynns größten Erfolgen Verkaufsrekorde, und mit einer Notierung auf Platz 1 der britischen Albumcharts machte es die damals 92jährige und längst von der Queen als Dame Commander of the Most Excellent Order of the British Empire geehrte Vera Lynn zur weltweit ältesten lebenden Musikerin mit einer # 1-Notierung. Exakt heute, zu ihrem hundertsten Geburtstag, erscheint ein weiteres Album, das auch bisher unveröffentlichte Songs beinhaltet, wodurch sie zur ältesten Künstlerin wird, die noch zu Lebzeiten ein Album mit neuem Material herausgebracht hat.

Doch diese Rekorde sind natürlich nur ein schmückendes Beiwerk zu dem Schatz aus Hoffnung, Freude und Mitgefühl, den sie der Welt geschenkt hat. Gerade in unruhigen Zeiten wie jetzt entwickeln die Menschen wieder eine besondere Beziehung zu solchen Liedern.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges setzte Dame Vera Lynn sich nicht nur weiterhin für die Belange von Soldaten, Waisen und Kranken ein, sondern auch für die Aussöhnung und Wiederannäherung zwischen den ehemaligen Kriegsparteien. Sie gehörte gemeinsam mit der Niederländerin Mieke Telkamp (1934 – 2016) zu den ersten ausländischen Stars, die nach Deutschland kamen, um für die Menschen hierzulande zu singen. In deutscher Sprache. In den Heimatländern der beiden wie in Deutschland selbst war dies ein gewagtes Unterfangen, lagen doch nach den Kriegsjahren noch bei vielen Menschen die Nerven blank, wodurch die Vorstellung, in der Sprache des Gegners bzw. als Gegner in der heimischen Sprache zu singen, für viele einen Affront darstellte. Doch sowohl Mieke Telkamp mit Du bist mein erster Gedanke (übrigens eine Coverversion von Vera Lynns Erfolgsplatte Yours) als auch Vera Lynn mit Leg dein Glück in meine Hände zeigten im Jahr 1955, welche Brücken Musik schlagen und wie sie zur Völkerverständigung beitragen kann.

Die Songs von Mieke Telkamp, aber vor allem die von Vera Lynns haben mich an vielen Stationen meines Lebens begleitet, obendrein gibt es dank einer groß geschriebenen Völkerverständigung niederländische und englische Zweige in unserer Familie. Darum finde ich es ganz besonders schön, dass ihr hundertster Geburtstag ausgerechnet heute stattfindet, denn auch mein Vater feiert (ebenso wie seine Zwillingsschwester, die natürlich ebenfalls herzlich gegrüßt sein soll) heute einen runden Geburtstag, nämlich den siebzigsten.

An diesem Tag schließt sich ein spannender Kreis, wie es ihn wohl nicht ganz so oft gibt. In diesem Sinne an alle Geburtstagskinder heute:

 

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Van harte gefeliciteerd met je verjaardag!

Happy Birthday!

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