Das Leben ist am schwersten…

… drei Tage vor dem Ersten.

Sagt der Volksmund.

Diesem sei an dieser Stelle erwidert: Von wegen! Denn an den besagten drei Tagen mag das Portemonnaie zwar in der Tat ziemlich leer sein. Das hat allerdings zur Folge, dass sich der schwerste Tag im allmonatlichen Kreislauf verschoben hat,  nämlich direkt auf den Ersten.

Zu den unbestreitbaren Vorteilen, sein privates Habitat in einem so genannten Szene- oder In-Viertel verorten zu können, gehört zweifellos die entsprechend ausgebaute Infrastruktur. In unserem Quartier sind wir in der Tat auch bestens versorgt. Fünfzehn Gehminuten sind es bis zum Hauptbahnhof, zehn bis zur Fußgängerzone der Innenstadt bzw. zum städtischen Theater nebst Opernhaus, und im Umkreis von nur fünf Minuten haben wir Zugang zu fünf Bushaltestellen, einer S-Bahn-Station sowie zu drei Stationen der der Stadtbahn.

Des weiteren können wir uns über eine bemerkenswerte Dichte an Apotheken und Ärzten freuen, zwei Krankenhäuser und sogar drei Bestatter gibt es (dass diese fünf Etablissements fast in Blickweite voneinander entfernt sind, sollte allerdings zu denken geben), während am entgegengesetzten, weil fröhlicheren Ende der Versorgungsskala eine riesige Auswahl an Kneipen, Bars und Restaurants für das Vergnügen zuständig und teilweise in weniger als einer Minute erreichbar ist.

Nur mit dem täglichen Einkauf hapert es sehr. Über die Dichte der Versorgung kann man sich zunächst einmal gar nicht so wirklich beklagen: Von wirklich jeder großen Kette zur Deckung des Bedarfs an Dingen von A wie Agavensirup über F wie Feudel, K wie Kartoffeln und T wie Tabasco-Sauce bis Z wie Zeitungen gibt es hier mindestens eine lokale Niederlassung, oft genug zwei oder sogar drei. Die meisten sind ebenfalls fußläufig zu erreichen, einige liegen etwas weiter entfernt und sowohl mit dem Individualverkehr als auch dem ÖPNV meist recht gut zu erreichen.

Die Krux liegt ganz woanders: Die Läden an sich sind untereinander nämlich so unkoordiniert mit Waren ausgestattet, dass ich schon seit ein paar Jahren für den ersten Großeinkauf zum Monatsbeginn nicht mehr nur ein, zwei Stündchen einplane, sondern den ganzen Vormittag und manchmal sogar noch über die Mittagszeit hinweg. Am Tag zuvor, wenn mein Mann und ich den Einkaufszettel planen, hört sich das nämlich manchmal ungefähr so an:

 

„Was fehlt noch?“

„Dein Joghurt.

„Moment! Das ist doch der Zettel für Kette A, Laden 1. Da haben die meine Sorte Joghurt nicht. Den kriege ich nur in bei Kette A, Laden 2.“

„Dann schreib das bitte auf den Zettel für Kette A, Laden 2.“

„Okay, mache ich.“

Emsiges Blättern im Angebotsprospekt.

„Du, bei Kette B ist in dieser Woche Cordon Bleu im Angebot. Bringste mir davon was mit? Eins für morgen zum Mittag, eins zum einfrieren?“

„Kann ich versuchen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das nichts wird.“

„Ach, und warum nicht?“

„Zu Kette B, Laden 2 muss ich diese Woche nicht hin. Liegt doch so weit abseits. Aber in Kette B, Laden 1 werde ich es wahrscheinlich nicht mehr bekommen – Ultimo ist diesmal erst am Dienstag, und was montags weg ist, bestellen die doch nicht mehr nach.

Enttäuschtes, aber dennoch verständnisvolles Nicken. Für ein einziges Cordon Bleu muss dieser Umweg von fünf Stationen mit der Stadtbahn nun wirklich nicht sein, zumal der Fahrpreis für Hin- und Rückfahrt im reziproken Verhältnis zur Ersparnis beim Sonderangebot steht.

„Was brauchen wir noch?“

„Bei Kette C sind Gurken im Angebot.“

„Okay, das passt mir ganz gut. Bei Kette C, Laden 1 bekommen die das mit dem frischen Obst und Gemüse überhaupt nicht mehr hin, seit die ’nen neuen Chef haben. Die Bickbeeren waren neulich schon wieder verschimmelt, und als ich einen frischen Kopfsalat mitbringen wollte, war der am Strunk so vergammelt schleimig, als hätte jemand in die Kiste reingekotzt. Aber bei Kette C, Laden 2 ist die Grünzeugabteilung gut…“

„Dafür hapert es da mit den Getränken. Die haben schon seit über zwei Wochen das leere Fach mit dem Mineralwasser der Marke XY nicht nachgefüllt.“

„Saftladen. Aber einen neuen Deostift brauche ich trotzdem aus Kette C, Laden 2. Meine Sorte haben die ja bei Kette C, Laden 1 nicht.“

„Warum holst du den nicht bei Kette A, Laden 3? Ist doch näher. Und zehn Cent günstiger.“

„Ja, aber da haben sie diese Sorte aus dem Programm genommen.“

„Grmpf! Aber vergiss nicht, zu Kette C, Laden 2 erst nach dem Mittagessen zu gehen – vor zwölf haben die die Waren doch nicht ausgepackt.“

„Och, nee… Dann hole ich es einfach bei Kette D, auch wenn wir von denen diesmal gar nichts brauchen. Aber die haben das Deo diese Woche auch im Angebot und der Umweg hält sich in Grenzen.“

 

Das geht bei jedem Artikel für den geplanten Einkaufszettel so.

Also, mal ehrlich – es ist durchaus verständlich, wenn der Konkurrenzdruck die Einzelhandelsketten dazu zwingt, ihre Sonderangebote anders als zuvor üblich an den Konsumenten zu bringen. Ein Prospekt, der von Montag an die ganze Woche hindurch gilt, reicht einfach nicht mehr. Um die Leute öfter an die Regale und damit an die Kassen zu locken, bedarf es schon solcher Kunstgriffe wie „Dieses Angebot gilt nur von Mittwoch bis Freitag“ und „Nur am Sonnabend erhältlich“.

Doch wenn die Ketten das Warenangebot ihrer eigenen Filialen so hundsmiserabel abstimmen, dass man sich selber untereinander aussticht statt gemeinsam der Konkurrenz ans Leder zu wollen – das ist doch einfach nur dämlich.

Gut – aufgrund meiner familiären Situation habe ich die Kapazitäten, solch endlos lange Einkaufstouren in meinen Tagesablauf einzubauen. Es ist nervig, aber es geht. Außerdem stellt eine solche Konstellation eher die Ausnahme dar. Doch wie soll das die Hausfrau mit Minijob, Hund und drei Kindern im Kreislauf aus Schule/Kindergarten, Sportverein und Nachhilfe hinbekommen? Wie der pendelnde Berufseinsteiger, der morgens um halb sechs schon aus dem Haus geht und erst nach achteinhalb Stunden Job plus fünf Stunden pendeln mit Bus und Bahn wieder in einer Nachbarschaft eintrudelt?

Da darf es kaum verwundern, wenn die Internetkonkurrenz irgendwann auch für den Bereich der Lebensmittel und anderen Haushaltsartikel des täglichen Bedarfs zur ganz fiesen Bedrohung für den lokalen Einzelhandel wird.

 

 

 


Hinweis: Die Titelgraphik dieses Beitrags stammt aus dem Pool frei verwendbarer Bilder von Pixabay und befindet sich unter dem Vermerk CC0 der Creative Commons in der Public Domain.

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5 Antworten auf “Das Leben ist am schwersten…”

    1. Da ich bekennender Salatmümmeler bin und nur ganz selten mal etwas Gebratenes/Frittiertes/usw. esse, hat das System des Internet-Haushaltseinkaufs in der Tat noch enorme Kinderkrankheiten. Aber das macht auch nichts – für das meiste frische Gemüse ist eh der Wochenmarkt zuständig: Mittwoch, Freitag und Sonnabend ab 6 Uhr geöffnet und dann auch tatsächlich schon komplett mit Waren ausgestattet! 😉

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  1. Die Relationen in der die Ware eintrudelt ist tatsächlich erstaunlich, unser Discounter ist aktuell besser Sortiert als der beste Edel-Supermarkt in Sachen Ritter Sport…

    Schon mal über den Großhandel nachgedacht? Die Bedingung „Selbstständig“ zu sein, wäre ja erfüllt…

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    1. Das mit dem Großhandel ist eine gute Idee, aber leider nicht umzusetzen: Der nächste Großmarkt liegt zehn Kilometer entfernt, was ziemlich blöde ist, wenn dieser in einem Industriegebiet liegt, das für größere Einkaufsmengen nur sehr unzureichend an den ÖPNV angebunden ist, und wenn man weder Führerschein noch Auto hat. 🙂

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