Ihr habt wohl ’ne Meise!

Was in den meisten Fällen als handfester Affront aufgefasst werden würde und in früheren Zeiten zweifelsohne durch eine Backpfeife mit einem Fehdehandschuh und der Forderung nach Genugtuung quittiert worden wäre, ist bei uns derzeit lediglich eine nüchterne Bestandsaufnahme, die wir bisweilen auch mit einem „Sogar zwei!“ bekräftigen und erweitern.

Im Herbst vergangenen Jahres hat mein Mann auf Vorschlag seiner Ergotherapeutin aus einem alten Milchkarton ein Futterhäuschen gebastelt, bestimmt für unsere gefiederten Freunde, die sich über den Winter nicht auf den Weg in sonnigere Gefilde begeben, sondern dem schönen bayerischen Motto Dahoam is dahoam folgen.

Während des Winters haben wir immer wieder mal geschaut, wann wir das vegane All you can pick-Buffet nachfüllen konnten. Gar nicht! Es wurde nämlich gar nicht dort gespeist, denn entweder haben die DaheimDahoamgebliebenen das Ganze bewusst ignoriert – oder die das Kommando führenden Hähne waren (wie alle Männer) zu dösig, nach dem Weg zu fragen, wodurch sie samt ihrer Familien das von uns zur Verfügung gestellte Fly In-Restaurant schlichtweg verpasst haben. Dabei sieht es doch sogar aus wie ein Vogel!

Erst jetzt, da sich endlich das Frühlingswetter wirklich durchzusetzen scheint und wir unser kulinarisches Angebot für den Sommer zurückfahren, da Mutter Natur inzwischen wieder genug hergibt, hat es sich herumgesprochen. Seit etwa vierzehn Tagen beobachten wir regen Flugverkehr. Neben einer Amselmutter und einem ziemlich schüchternen Rotkehlchen ist es vor allem ein Meisenpaar, das sich regelmäßig ein Stelldichein gibt. Putzig sind sie. Und bemerkenswert keck, denn natürlich habe ich inzwischen mehrmals auf einen Kaffee oder sogar länger draußen gesessen. Bei den ersten ein, zwei Anflugversuchen haben Herr und Frau Meise noch ziemlich indigniert aus dem Federkleid geguckt. „Wie soll man denn in Ruhe speisen, wenn da ein Mensch sitzt?!“ Nach und nach jedoch legten sie ihre Scheu ab, und inzwischen lassen sie sich nicht mehr von mir stören.

Dafür fühle ich mich aber gestört! Die Tischmanieren der beiden sind nämlich unter aller Sau! Wählerisch picken sie sich durch das Angebot, und was ihnen nicht passt, wird einfach wild in die Gegend geworfen. Bevor ich mich morgens mit der ersten Tasse Tee und meiner Frühstücksbanane auf den Balkon setzen kann, ist erstmal durchfegen angesagt. Aber gut, damit lässt sich zur Not noch leben. Im Umgang mit Besen, Handeule und Schaufel sind unsere gefiederten Freunde aufgrund anatomischer Unzulänglichkeiten nicht wirklich geübt, folglich hilft man gerne.

Gestern ist mir aber dann doch der Kragen geplatzt. Scheinbar haben nämlich nicht mein Mann und ich die Meise, sondern selbige höchstselbst! Nachdem ich beim nachmittäglichen Lesestündchen zweimal einen Sonnenblumenkern aus meinem Kaffee gefischt hatte, bin ich an meinen Schreibtisch und habe in Erinnerung an den guten Hausgeist Anna, der vor drei Dezennien unsere Ferienwohnung an der Ostsee verwaltet hat, ein kleines Schild hergestellt, das nun für sämtliche Vögel gut sichtbar neben besagtem Futterhäuschen hängt.

Keine Ahnung, ob das was bringt. Aber versuchen kann man’s ja!

 

 

 


Hinweis: Die Titelgraphik dieses Beitrags stammt aus dem Pool frei verwendbarer Bilder von Pixabay und befindet sich unter dem Vermerk CC0 der Creative Commons in der Public Domain.

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  1. Herrlich! Wobei ich ja ganz froh bin, dass sie sich nur den Samenschalen entledigen. Im Park sieht das mit den offenen Müllkörben und den Krähen ganz anders aus… Übrigens würde ich als Vogel sofort in das Häusschen einziehen.

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