Schiff ahoi!

In den USA funktioniert es schon seit einer Reihe von Jahren ganz großartig: Reiseveranstalter chartern ein komplettes Kreuzfahrschiff und lassen eine oder gleich mehrere aufeinanderfolgende Reisen unter einem ganz bestimmten Thema stattfinden. Bei Country-Kreuzfahrten etwa sind dann nur Fans von Country Music an Bord – und nicht nur die. Für die diversen Veranstaltungen im Bordprogramm fahren die Veranstalter nicht nur Künstler auf, die auch beim Familienfest der kleinen Gemeinde irgendwo in Kentucky aufspielen. Es wird richtig geklotzt, wodurch sich auf der Liste mit den Top Acts Namen wie Brenda Lee, Vince Gill, Tanya Tucker oder Kenny Chesney finden können.

Ähnlich funktioniert das Ganze mit Kreuzfahrten, die etwa im Zeichen von Heavy Metal Musik, Hobby- & Profiköchen, Buchautoren oder Briefmarkensammlern stehen, wobei letzeres angesichts der in diesem Fachbereich verheerenden Wirkung von Wind für Außenstehende besonders lustig sein dürfte.Wer sich in diesen Reisethemen nicht wiederfindet, bucht die entsprechenden Reisen gar nicht erst. So einfach ist das.

Nun würde mich eh keiner auf eine dieser schwimmenden Legebatterien bekommen. Futter- und Entertainmentorgien, gelegentlich von einem Landausflug unterbrochen. So lesen sich zumindest die einschlägigen Prospekte für Betreutes Reisen und vor allem das herrliche Buch A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again (dt.: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich) des leider viel zu früh verstorbenen David Foster Wallace über dessen eigene Erfahrungen als Kreuzfahrtpassagier. Oder wie es jener Frachtschiffkapitän umschrieb, den ich einmal in einer TV-Doku gesehen habe und der meinte, die Reisenden auf einem solchen Schiff in ihren Balkonkabinen wirkten wie Pferde in ihrer Box – man bräuchte nur noch Heu reinwerfen.

Mein persönlicher Reisetraum ist dann auch eine große Skandinavienrundreise per Bahn und Schiff – aber nicht in der Deluxe-Variante. Ich wäre per Regional- bzw. Fernzug und mit der Fähre unterwegs. Meine bescheidenen Ansicht nach lernt man Land und Leute am besten und authentischsten kennen, wenn man sich individuell bewegt und dabei die ganz normalen öffentlichen Verkehrsmittel benutzt statt sich mit einer organisierten Tour im vollklimatisierten Reisebus herumkarjohlen und sich von Fremden die Ersteindrücke versauen zu lassen. Nämlich indem sie sagen, was interessant ist, anstatt es den Reisenden selbst entdecken zu lassen. Zudem finde ich es spannender, in einem stinknormalen Supermarkt mit einem Einheimischen ohne jeglichen Bezug zur heimischen Tourismusindustrie mit Händen und Füßen zu radebrechen als in einen Souvenirshop zu gehen, wo man mich nicht nur durch bloßes Ansehen gleich als Tourist erkennt, sondern auch zielsicher bestimmen kann, aus welchem Land ich komme, um mich in meiner eigenen Sprache begrüßen zu können.

Es sei jedem, der’s mag, aus tiefstem Herzen gegönnt – es ist nur partout nicht meins. Ich esse auch lieber einen Obstsalat, bei dem ich die einzelnen Früchte und ihre Aromen individuell im Mund spüre, statt mir so einen albernen Smoothie hinter die Binde zu kippen.

Aber mal angenommen, ich wäre doch für eine Kreuzfahrt zu gewinnen – dann wäre ich zumindest bei einem Reiseveranstalter, der auch Themenreisen im Repertoire hat, ganz, ganz vorsichtig, zumal sich dieser Markt in Deutschland gerade erst zu entwickeln scheint. Habt ihr das auch gelesen? Unlängst hat die erste deutschsprachige Gay Cruise eines deutschen Veranstalters stattgefunden. Laut Zeitungsbericht so richtig mit in rosa Plüschpolstern daherkommenden Handschellen, Kondomen und Gleitgel als Willkommensgeschenk in der Kabine.

Allerdings war diese Reise scheinbar nicht in befriedigendem (kein Wortspiel beabsichtigt) Maße ausgebucht. Also hat man den Dampfer angeblich einfach  mit ein paar Busladungen heterosexueller Rentner aufgefüllt. Wenn das wirklich so war, braucht man nicht wirklich viel Phantasie um sich auszumalen, zu welchen für beide Seiten befremdlichen Situationen es da gekommen sein mag.

Überlegt mal, wie schnell man da als ahnungsloser Buchender in was rein geraten kann, wo man gar nicht hin will. Ich wäre vollkommen überfordert, wenn ich nichtsahnend auf einem Schiff mit tausenden von Heimwerkern landen würde. Oder noch schlimmer: Fußballern! Nein danke, da bleibe ich doch lieber bei meinen ganz individuellen Reisen…

 

 

 


Hinweis: Die Titelgraphik dieses Beitrags stammt aus dem Pool frei verwendbarer Bilder von Pixabay und befindet sich unter dem Vermerk CC0 der Creative Commons in der Public Domain.

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8 Antworten auf “Schiff ahoi!”

  1. „… die Reisenden auf einem solchen Schiff in ihren Balkonkabinen wirkten wie Pferde in ihrer Box …“ das ist schon ziemlich überspitzt dargestellt und der Captain tut gerade so, als würde der Zimmerservice das Heu bzw. die Verpflegung in die Kabinen werfen.
    Reisen auf dem Wasser hat es immer gegeben, davon mal abgesehen, dass die Schiffe sich im Lauf der Zeit äußerlich optisch nicht gerade positiv verändert haben.
    Als ich von der Gaycruise (Crusie – wie passend!) das erste Mal gelesen habe, habe ich sie als Tuntenreise bezeichnet. Wir möchten jedenfalls nicht mit 2000 kreischenden Tunten so eine Reise machen. Aber Geld müssen sie schon haben, war doch ein großer Teil der Doppelkabinen von nur einer Person gebucht (warum wohl?!). Eine Doppelkabine als Einzelbelegung kostet 80 % Aufschlag auf den normalen Reisepreis.
    Auch andere Themenreisen interessieren uns nicht. Wir genießen lieber die Ruhe an Bord, gucken wie die anderen gucken, lehnen uns einfach planlos zurück und lassen es uns bei einem Cocktail – oder 2 oder 3 – gut gehen und schauen dabei über das Meer bis zum Horizont.

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    1. Ich glaube, das Augenmerk des Kapitäns lag weniger auf dem Heu, sondern auf der Seelenlosigkeit dieser Massenverfrachtung. So ähnlich wie Hercule Poirots Vergleich in Evil Under the Sun, dass Menschen beim Sonnenbad sich nicht sonderlich von der Auslage einer Metzgerei unterscheiden…

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      1. Eine Seereise mit einem Frachtschiff ist natürlich nicht mit eine Seereise auf einem Passagierschiff zu vergleichen. Deshalb kann man aber eine Kreuzfahrt nicht als seelenlos bezeichen. Dass Schiffe eine Seele haben, habe ich während meiner langen beruflichen Laufbahn auch am Schreibtisch gespürt.
        Die Seele der Schiffe wird verstärkt oder geschwächt von der Crew, angeführt vom Kapitän. Ein großer Teil der Passagiere wird die Seele überhaupt nicht wahrnehmen weil sie unbekümmert in den Tag hineinleben, so wie sie es an Land auch machen. Sie schlafen, essen und trinken, liegen dichtgedrängt auf dem Pooldeck und am nächsten Tag geht es wieder von vorn los. Sie betrachten den Service an Bord als selbstverständlich, haben kein Danke auf den Lippen dafür, dass sie 24 Stunden am Tag umsorgt werden. Sie sehen nicht die Schönheit der Natur auf dem Wasser, gebildet von Wolken, Sonne, Wind und Wellen, Sonnenauf- und untergänge. Das ist seelenlos.

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