Sommerobst

Neulich habe ich ja wieder mal  meinen Mann ein wenig in die Pfanne gehauen, da ist es nur recht und billig, wenn ich mich heute nun selbst auf dem Altar eures Amüsements opfere. Ich min mir nämlich ziemlich sicher, dass diesmal ich das „Igitt“ zu hören und lesen bekomme, wenn die Leser mitbekommen, welches Sommeressen ich wirklich lecker finde.

Der Mai ist nicht bloß die Zeit junger Liebe, glücklicher Hochzeitspaare und Veronika mit ihrem Spargel, wenn der Lenz da ist. Gut ein, zwei Wochen vor Pfingsten geht das mit den Erdbeeren so richtig los. Und machen wir uns nichts vor: Die besten Erdbeeren sind die aus unserer eigenen Region, ganz egal, wo wir leben. In der Morgendämmerung von „unserem“ Bauern gepflückt, dann höchstens zwanzig Kilometer zum Wochenmarkt gekarrt, eine halbe Stunde später bei uns auf dem Tisch. Gibt nichts besseres!

In London sind Erbeeren mit Sahne beim Tennisturnier in Wimbledon nicht wegzudenken. In Devon werden Erdbeeren mit der berühmten Clotted Cream geween. Von dieser dicken Sahne habt ihr bestimmt schon mal gehört – das gibt’s in den Büchern von Agatha Christie, und in den Filmen von Rosamunde Pilcher darf das auch nicht fehlen.

Hier in Deutschland kommen Erdbeeren in die Rote Grütze, wir packen sie auf den Kuchen, wir essen sie wie die Engländer mit Sahne, wie essen sie auch mit Sauce aus Milch und Vanille, wir geben sie selbst als heiße Sauce über Vanilleeis, wir machen Marmelade draus, wir schmeißen sie in den Joghurt oder wir schnippeln sie lediglich etwas kleiner und geben Zucker drüber.

Genau so habe ich Erdbeeren mein ganzes Leben lang gekannt und gegessen. Bis zu dem Tag, an dem sich mein Verhältnis zu diesem Obst schlagartig geändert hat. Und das ist die Schuld von Nathapong gewesen.

Nathapong ist in Thailand geboren worden, aber schon als kleiner Bengel von zwei Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Später ist er dann einer von meinen Kollegen in meinem alten Job gewesen. Wir sind gut miteinander ausgekommen, haben nach Feierabend mal ein Bier zusammen getrunken und haben uns auch gegenseitig nach Hause zum Essen eingeladen. Nathapong und seine Frau Birgit haben meist deutsch gekocht, weil sie im Alltag keine Zeit hatten, um für Dinge wie Shiso (thailändisches Würzkraut) oder diese wirklich fies scharfe Wasabipaste zum asiatischen Supermarkt zu fahren. Aber für einen schönen Abend mit Gästen hat Nathapong auch mal in den Rezepten seiner Mutter gewühlt und etwas aus der asiatischen Küche auf den Tisch gebracht.

Einmal, als mein Mann und ich bei Nathapong und Birgit gewesen sind, hat Birgit zum Nachtisch eine große Schüssel mit Erdbeeren gebracht. Daneben hat sie einen Mörser gestellt. Mit einem breiten Grinsen beim Anblick der ratlosen Gesichter von meinem Mann und mir hat Nathapong uns den Sinn des Mörsers erklärt:  „Gute reife Erdbeeren sind doch von sich aus süß.“ – (Plattdeutsch hat er von mir nicht lernen wollen) – „Warum macht ihr in Europa da bloß immer noch was Süßes drauf? Da geht doch der tolle Eigengeschmack der Erdbeeren völlig unter. Man braucht einen Kontrast, damit man schmeckt, wie toll Erdbeeren wirklich sind.“

Während seiner Erklärung hat er langsam mit dem Stößel (so heißt das wohl) gefuhrwerkt und mir dann den Mörser rübergeschoben. „Hier. Probier’s einfach mal.“

Das habe ich getan. Und seit diesem Tag esse ich meine Erdbeeren bloß noch mit… Pfeffer.


Hinweis: Bei diesem Text handelt es sich um die hochdeutsche Übersetzung des plattdeutschen Artikels vom 01.06.2017. Weitere hochdeutsche Übersetzungen plattdeutscher Texte finden sich hier, Links zum plattdeutschen Original finden sich in den jeweiligen Texten.

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