Nach Hause telefonieren

Etwas über zehn Monate ist es nun her, seit meine Mutter den Weg über die Brücke des Regenbogens gegangen ist. Mittlerweile hat sich so etwas ähnliches wie Normalität eingestellt, und wenn einem jetzt noch von ihr hinterlassene Lücken auffallen, die einem neu vorkommen, sind es zum Glück welche, die einen eher lächeln lassen. Allmählich gilt es zum Beispiel, einen neuen Kleckersdorfer Landboten zu bestimmen!

Landbote – wenn eine Zeitung so einen Namen trägt, neigt man im allgemeineren dazu, hinter diesem Blatt nicht gerade eine Perle des Weltjournalismus zu vermuten, deren preiswürdige Artikel sogar in der in der Times, im Le Figaro oder dem Corriere Della Sera in entsprechender Übersetzung abgedruckt werden. Landbote – das klingt eher nach Berichten über den hundertsten Geburtstag von Trudeliese Müllerschmitt, die polizeiliche Festsetzung eines berüchtigten Hühnerdiebs oder die letzte Jahreshauptversammlung des Kleingartenvereins An der Kartoffelaue und nach amtlichen Verlautbarungen, wann der Bezirksveterinär den Bauern der Umgebung die Aufwartung zwecks Impfung gegen Maul- und Klauenseuche macht (beim Vieh natürlich, nicht beim Bauern selber).

Ganz so trivial waren die Themen meiner Mutter nicht, aber wenn meine Schwester und ich wissen wollten, was bi uns op’n Dörp so abgeht, waren wir bei unserer Mutter immer an der richtigen Adresse. Ach ja, und auch mit dem, was wir nicht wissen wollten wurden wir bisweilen überversorgt.

Eine Zeitlang war die Versorgungslage mit ländlichen Nachrichten so gut, dass unsere Mutter uns mehrmals am Tag anrief. Oder wir hatten gerade nach einem längeren Gespräch aufgelegt, als das Telefon erneut klingelte: „Das habe ich ja völlig vergessen dir zu erzählen…!“

Eines Tages habe ich meine Mutter dann auch prompt mal folgendermaßen begrüßt: „Bin ich da richtig verbunden mit der Redaktion des Kleckersdorfer Landboten, Ressort Klatsch und Tratsch?“

Die Reaktion war verständlicherweise eine reichlich indignierte: „Froindchen! Du kannst mir zwar über den Kopf wachsen, aber nicht über die Hand!“

Nach und nach bürgerte sich der Kleckersdorfer Landbote dann aber doch als geflügeltes Wort bei uns ein.

Das hat sich schwer geändert. Der telefonische Kontakt zum Elternhaus besteht natürlich weiterhin. Bloß – mit dem Witwer des Hauses, also unserem Vater, zu telefonieren ist so ganz anders. Im Gegensatz zu unserer Mutter ist unser alter Herr nämlich nicht der allergesprächigsten Einer. Isser nie gewesen, wird er auch nicht mehr werden. Das wissen meine Schwester und ich natürlich schon unser Leben lang, trotzdem war es eine Sache, an die sich gerade wir zwei recht redseligen Gestalten sich erst einmal gewöhnen mussten. Denn solche fernmündlichen Konversationen beschränkten sich auf einmal fast nur noch die Versorgung mit den gerade eben notwendigen Grundinformationen.

Frage von einem von uns Kindern: „Wie geht’s dir?“

Antwort von unserem alten Herrn: „Muss, muss.“

Frage: „Gehst du am Sonntag wieder zum Sportplatz?“

Antwort: „Mal gucken.“

Frage: „Hast du mal wieder was von dem-und-dem gehört?“

Antwort: „Nä.“

Also ehrlich, manche alte Single aus den Backfischtagen unserer Mutter hatte eine längere Spielzeit als so ein Telefonat! Das geht sogar soweit, dass wir in der WhatsApp-Gruppe unter uns Kindern, Schwiegersöhnen und Enkelkindern inzwischen regelrechte Wettbewerbe austragen, wer es auf die längste Gesprächsdauer mit unserem alten Herren bringt. Manche Nachrichten bestehen dann nur aus der lapidaren Minutenangabe „1:53“, worauf dann die Antwort „Ha! 2:37!“ folgen kann, welche aus einer anderen Ecke dann wiederum mit einer kleinen Sottise wie „Streber“ oder gar „Erbschleicher“ quittiert wird.

Durchaus amüsant, aber den versiegten Fluss von Lokalnachrichten lässt das alles nicht wieder von neuem sprudeln. Denn sämtliche Versuche, unseren alten Herren etwas gesprächiger zu machen, sind nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Vor ein paar Wochen rief meine Schwester mich an und fragte ganz empört: „Wusstest du eigentlich, dass der alte So-und-so sich nach fünfundvierzig Jahren von seiner Frau getrennt hat?“

„Das fragst du mich?“, erwiderte ich nicht minder echauffiert. „Ich wohne seit fast zwanzig Jahren nicht mehr in dem Kaff – wie soll ich da ausgerechnet ich sowas mitkriegen? Mir erzählt ja keiner was!“

„Na, mir doch auch nicht.“

„Wieso? Du wohnst doch immer noch da. Erzählen dir die Eltern in deiner Mittagsbetreuung in der Schule nichts?“

„Nee, die schnacken doch nur davon, gegen was ihre Sonnenscheine alles allergisch sind.“

Betrübt stellten wir fest, dass uns der Kleckersdorfer Landbote ziemlich im Leben fehlt. Wir wussten ja gar nicht mehr, was bi uns op’n Dörp vor sich ging! Wir gierten förmlich nach lokalem Tratsch!

Neulich dann die Wende, als ich beim aktuellsten Telefonat in einer Flut von Informationen aus dem Dorfleben beinahe regelrecht ersoff.

„Von wem hast du das alles?“ wollte ich wissen, als mir endlich gelang, mal selber ein paar Worte einzustreuen.

„Von Beate.“

Alles klar! Beate ist das Urgestein an der Kasse in dem Supermarkt unseres Dorfes. Die kenne ich schon, seit ich das erste Mal mit fünfzig Pfennig in der Hand und Aufregung im wummerndem Kleine-Jungen-Herzen ganz alleine losziehen und einen Liter Milch kaufen durfte. Die kriegt natürlich so einiges mit.

Schön, dass meine Schwester danach sofort an mich gedacht und mir alles erzählt hat.

Ich hab‘ mich bisher noch nicht recht getraut, weil meine Schwester genau wie ich ein Mundwerk so spitz wie eine Hutnadel besitzt (aber sie hat auch ein Herz so groß wie die Ostsee und warm wie ein traumhafter Sommer, das soll hier nicht unterschlagen werden!)… Jedenfalls denke ich darüber nach, beim nächsten Mal sie als die neue Chefredakteurin des Kleckersdorfer Landboten zu begrüßen. Das wird mir beim nächsten Live-Treffen zwar ganz sicher eine Kopfnuss einbringen, aber das isses mir wert!


Hinweis: Die Titelgraphik dieses Beitrags stammt aus dem Pool frei verwendbarer Bilder von Pixabay und befindet sich unter dem Vermerk CC0 der Creative Commons in der Public Domain.

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