Hemdsärmelig

oder: O tempora, o mores

 

1987

Meine Mutter brauchte für einen festlichen Anlass eine neue Bluse. Also hat sie sich eine im Katalog des Versandhauses ihres Vertrauens ausgesucht. Nur sechs Häuser weiter von uns gab es ein Reisebüro, das auch eine Agentur des Versandhauses beherbergte. Auf dem Weg zum täglichen Einkauf gab sie dort en passant den Bestellzettel ab: Bestellnummer, Artikelbezeichnung, Größe, Preis.

Vier Tage später rief Frau Müller-Meier-Schulze-Schmidt (Name von der Redaktion geändert), die Besitzerin der Agentur, bei uns an: Die Bluse sei da. Meine Mutter ging zur Agentur und konnte die Bluse vor Ort in einer Umkleidekabine anprobieren. Das Kleidungsstück saß nicht vernünftig. Also gab sie es zurück, Frau Müller-Meier-Schulze-Schmidt wickelte es wieder ein und legte es auf den Stapel mit den Retouren anderer Kunden. Fertig.

 

2017

Mein Mann brauchte für einen festlichen Anlass ein neues Oberhemd. Weil er erkältet war, ist er nicht wie sonst in die Dortmunder Innenstadt gestiefelt, sondern hat sich eins über das Internetportal des Versandhauses seines Vertrauens ausgesucht. Farbe: Ausgewählt, angeklickt – erledigt. Größe: Ausgewählt, angeklickt – Meldung: „In dieser Größe leider nicht mehr vorhanden. Kunden, die XY gesucht haben, kauften auch…“ Das Ganze dreimal mit anderen Hemden, bis ENDLICH eines gefunden war, das auch wirklich geliefert werden konnte. Bestellung abgeschickt.

Vier Tage später klebte ein Benachrichtigungszettel vom Kurierdienst an unserem Briefkasten: „Wir konnten Sie heute nicht antreffen. Nächster Zustellversuch: Morgen“

Natürlich haben wir dafür gesorgt, dass immer mindestens einer von uns am Tag des zweiten Zustellversuches zuhause war. Wer nicht auftauchte: Der Bote mit dem zweiten Zustellversuch.

Erst am insgesamt dritten Tag der Zustellversuche hielt mein Mann das bestellte Hemd in den Händen. Das Kleidungsstück saß nicht vernünftig. Also packte er es wieder ein und loggte sich in sein Kundenkonto beim Versandhaus ein, um einen Retourenschein anzufordern. Erstaunlicherweise war das bestellte Hemd nicht in seiner Bestellhistorie aufzufinden. Also Anruf beim Versandhaus: „Das haben sie über unsere Designserie XYZ bestellt – die Retourenscheine dafür fordern Sie bitte direkt auf unserer neuen Webseite an! Die Adresse der Webseite lautet We-we-we…“

Also diese Webseite aufgerufen. Neben der Absenderadresse sollte man die Kundenreferenznummer vom Überweisungsträger zur Rechnungsbegleichung eingeben. Der Überweisungsträger glänzte durch Abwesenheit. Neuerlicher Anruf: „Den bekommen Sie in den nächsten Tagen mit der Rechnung per Briefpost!“

Also nochmal zwei Tage gewartet, dann endlich den Retourenschein ausgefüllt.

So, und nun damit zur nächsten Poststation. Sind ja nur dreihundert Meter.

Von wegen!

Die Rücksendung hatte natürlich mit dem selben Kurierdienst zu erfolgen, der das unpassende Hemd geliefert hat. Wo ist die nächste Abgabestelle für diesen Dienst? Na, super – vier Stationen mit dem Bus!

Mein Mann ist dann doch mit einem altbewährten Hemd zu besagtem feierlichen Anlass gegangen…

 

An welchem Tag in den dreißig Jahren zwischen diesen beiden Begebenheiten ist einkaufen beim Versandhandel eigentlich so kompliziert und unbequem geworden?

 


Hinweis: Die Titelgraphik dieses Beitrags stammt aus dem Pool frei verwendbarer Bilder von Pixabay und befindet sich unter dem Vermerk CC0 der Creative Commons in der Public Domain.

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