Die Steckrübe im Pelzmantel

Wäre es nicht mitten im Januar gewesen, hätte ich die Zeitungsmeldung vor einigen Tagen wahrhaftig für einen Aprilscherz gehalten: In Hamburg haben sich ein Online-Supermarkt und eine Bank (gemeint ist wirklich ein Geldinstitut!) für einen ganz besonderen Service zusammengetan: Beim Supermarkt bestellte Ware kann man sich in ein Schließfach bei besagtem Geldinstitut liefern lassen und es von dort mitnehmen, wenn man ohnehin gerade da ist, um Kontoauzüge zu holen oder das letzte Knöllchen für Parken im absoluten Halteverbot per Bareinzahlung zu begleichen. Zuerst habe ich ja gedacht, das frische Gemüse liegt bei diesem neuen Modell dann neben dem von Erbtante Mildred hinterlassenen Diamantgeschmeide und dem echten Persianer, aber es gibt da wohl wirklich extra eingerichtete Fächer, die nur für diese Warenlieferungen eingerichtet wurden.

Ich find’s trotzdem bescheuert. Agatha Christie hat in ihrer Autobiographie die Ansicht vertreten, dass nicht Notwendigkeit die Mutter aller Erfindungen ist, sondern der pure Unwillen des Menschen, sich mehr Arbeit zu machen als unbedingt nötig. So ganz unrecht hat sie da ja nicht. Wäsche rein, Waschpulver rein, Knöpfchen drücken, den Rest macht die Maschine ist nun mal einfacher und weniger kräftezehrend als Waschzuber anheizen, alles von Hand waschen, klarspülen und auswringen. Für den Sonntgskuchen möchte auch niemand mehr auf den mit den Nachbarn der umliegenden Häuser abgesprochenen Tag X warten, um dann den Riesenofen das Backhauses hinten im Garten anzuheizen.

Elektrogeräte machen das Leben schon leichter. Inzwischen ist Technik oder auch die Wirtschaft schon weiter. Wahrscheinlich haben sie sich sogar beide gegenseitig mit Ideen für die tollsten Tollereien befruchtet. Die tun alles, damit bei ihnen der Rubel rollt. Man kennt das ja. Das geht so weit, dass man sich fragt, warum wir neben den ganzen nunmehr automatisierten Aufgaben nicht gleich uns selbst mit abschaffen. Wir brauchen uns doch gar nicht mehr!

Obendrein habe ich inzwischen auch das Gefühl, dass selbst die Maschinen in unserem Leben um ihre naturgegebenen Aufgaben gebracht werden sollen. Vor ein paar Tagen war ich in der Innenstadt einkaufen. Neue Joggingschuhe, damit die Saison 2018 auch mit passendem Laufwerk begonnen werden kann, ein paar Kleinigkeiten aus dem Drogeriebedarf und ein paar Socken.

Nun wissen wir ja spätestens seit den Büchern der unvergessenen Erma Bombeck, dass Socken und Waschmaschinen ein sehr reges Eigenleben führen: Man steckt vier rote Socken rein, von denen einer nach dem Waschgang verschwunden ist, dafür ist der lila-grün-gelb karierte wieder da, den man schon nach der vorletzten Ladung vermisst hat. Dieses System, das immerhin seit Erfindung der ersten automatischen Waschmaschine zuverlässig funktioniert hat, scheint man modernen Geräten nicht  mehr zuzutrauen. Denn als ich so die Sockenabteilung nach ein paar schönen neuen Futteralen für meine zarten japanischen Teefüßchen (andere, wenig feinfühlige Individuen in meinem Umfeld nennen sie auch abwechselnd Sumpftreter, Feuerpatschen oder ganz frech sogar Pillefüße [einer zum Schwimmen, einer zum Klettern]) durchstreife, stoße ich doch tatsächlich auf das bereits vom Hersteller so zusammengestellte nicht passende Paar! Und damit spiele ich nicht auf Socken verschiedenener Größe an! Nach dem so genannten Flanking scheint es nämlich le dernier cri zu sein, statt zweier Socken, die man quasi als Zwillinge bezeichnen könnte, solche anzuziehen, die in Farbe und Muster nicht unbedingt zusammenpassen. Das Ganze kostet dann auch noch mehr als die althergebrachten Zwillingssocken.

Es gibt Moden und Marotten, die mich selbst auf gar keinen Fall vom Hocker reißen. Die oben genannte gehört dazu. Doch selbst wenn – sämtliche Socken durcheinanderbringen können meine Waschmaschine und ich selbst immer noch am besten!

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