Man ist so jung, wie man sich fühlt

Gestern Abend hat unser Nachbar auf dem Weg zurück vom Lebenmittelladen auf einen kleinen Plausch bei uns reingeschaut. Mit fast siebzig Jahren ist er nicht mehr der Allerjüngste, und darum habe ich ihm hinterher die Tasche mit seinem Grünzeug und die schweren Flaschen mit Wasser in seine Wohnung getragen. Wie das bei Nachbarn, die gut miteinander auskommen, so geht, haben wir uns gleich nochmal verquatscht. Als ich eine halbe Stunde später wieder runter in unsere Wohnung gekommen bin, fragt mein Mann mich: „Wo bist du bloß so lange abgeblieben?“

„In der Sixtinischen Kapelle – die Fresken ausbessern. Wo soll ich wohl gewesen sein, wenn ich Hannes seinen Kram nach oben gebracht habe?“

Ihr wisst das ja inzwischen nun alle: Bei meinem Mann und mir kommt jede Bosheit von Herzen. Wenn er schon eine fiese Erbkrankheit von seinem Vater und seiner Großmutter mitbekommen hat, die uns Tag für Tag ein ziemliches Durcheinander bringt, dann muss man das Beste draus machen. Wir lachen halt lieber, als dass wir weinen.

Wir finden es auch toll, wenn wir andere Leute damit zum Lachen bringen. Die Leute lachen sowieso viel zu wenig in diesen Zeiten. Wenn wir zum Beispiel in der Stadt nach Klamotten shoppen, ist das immer schwierig mit uns. Ich weiß meist ganz genau, was ich will. Rein in den Laden, kaufen, raus. Aber mein Mann kommt Stunde um Stunde einfach nicht zu Potte. Irgendwann brummel ich dann: „Ich hätte schon vor zehn Jahren deinen Kaffee vergiften sollen!“ Darauf antwortet er wie aus der Pistole geschossen: „Und ich hätte ihn trinken sollen!“

Die meisten Leute lachten sich dann schlapp und finden das gut, dass wir so locker sind. Manch einer schaut aber auch ein bisschen verdattert, so wie nasse Enten nach dem Gewitter.

Lustig finde ich das immer, wenn sich nach so einer Szene wie beschrieben ein älterer Passant umdreht und sich diesen schönen Satz rausschraubt: „Die jungen Leute heutzutage.“

Naja, von außen betrachtet mag das mit dem Jung vielleicht stimmen, aber von innen kommt das doch ziemlich auf die Tagesform an.

Nicht, dass ich mit meinen vierundvierzig Jahren und dreihundertundeinundfünfzig Tagen schon wie ein alter Tattergreis daherkomme, aber ich denke, man kann mir doch ansehen, dass ich über vierzig bin. Was mich natürlich nicht davor bewahrt, mich über Komplimente zu freuen. Das ist dan wohl auch völlig normal, dass mir das bei diesem Satz von den „jungen Leuten heutzuage“ für einen Moment völlig aus dem Gehirn rausfällt, das bei mir schon die ersten grauen Haare da sind (sogar auf dem Brustkasten, und das ist für einen Gay viel schlimmer als auf dem Kopf, aber das ist eine andere Geschichte), ebenso wie die ersten Falten um die Augen. Ich freue mich einfach, dass ich für einige Leute noch als jung durchgehe, und ich fühle mich dann auch jung.

Das geht aber auch anders. Seit anderthalb Jahren kommt ein Therapeut meines Mannes zu uns nach Hause. Das ist so eine Mischung aus Ergo- und Physiotherapie und noch ein paar Dinge obendrauf. Wie das genau heißt, weiß ich gar nicht – bloß, dass da am Ende ein Bandwurmtitel bei rauskommnt, in dem jeder Buchstabe des ABC mindestens einmal drin ist.

Jedenfalls ist dieser Therapeut ein patenter und sympathischer Mann von sechsundzwanzig Jahren. Bei den Übungen, die er mit meinem Mann macht, gibt es oft genug Gelegenheit, über dies und das zu plauschen. Zum Beispiel über den Haushallt. Dann sagt er vielleicht so etwas wie „Ich habe mir am Wochenende Johannisbeermarmelade auf mein T-Shirt gekleckert. Jetzt kriege ich den Flecken nicht mehr raus. Hab‘ alles probiert.“ Natürlich mit so einem chemischen Zeug, das bloß eins bringt: Geld in die Kasse der Hersteller.

Jetzt schlägt die große Stunde von mir und meinem Mann. Wir erzählen ihm dann, wie man so einem kleinen Malheur mit alten Hausmitteln klarkommt: Backpulver, Zitrone, Essig und so weiter. Beim nächsten Mal erzählt er uns dann freudig, dass sein Shirt wieder fein sauber ist und er bedankt sich für unseren Tipp. Tscha, nicht verzagen, bei den Homos nachfragen (die das schon von ihren Omas gelernt haben). Und diese freuen sich, dass sie was von ihrem Wissen an die jüngere Generation gegeben hatt.

Dass da wirklich zwei völlig verschiedene Generationen bei uns am Tisch sitzen, merken wir bei Smalltalk ganz besonders. Er redet von den Power Rangers als Series aus seiner Kindheit, wir von Daktari. Er redet von der Playstation, wir vom Telespiel. Er redet vom Mountainbike, wir vom Kettcar. Er redet von…

Neulich waren wir in unserem Wohnzimmer, und er hat sich ganz fasziniert die alte Musik von meinem Schwoppa (= SCHWiegerOPPA) angesehen. „Kann man da drei Sender gleichzeitig einstellen?“ hat er gefragt. Und dann haben wir ihm erklären müssen, was der  Unterschied zwischen UKW, Mittelwelle und Langwelle ist. Und dass Beromünster nichts mit dem Münster nördlich von Dortmund zu tun hat. Und weil wir gerade dabei gewesen sind, haben wir gleich auch noch eine alte Schallplatte aufgelegt.

Wie gesagt, er ist ein feiner, sympathischer Kerl. Aber jedes Mal, wenn er weg ist, fühlen mein Mann und ich uns älter als bei tausend anderen Gelegenheiten. Und wir fühlen jede Falte und jedes graue Haar.

Einzeln.

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