Ruhrpottrififi

“Pass auf, dass dich keiner klaut.”

“Und selbst wenn – jeder Entführer zahlt doch höchstens dir noch Geld, damit er mich wieder bei dir abgeben darf.”

Eine der typischen Verabschiedungen zwischen meinem Mann und mir. Ernsthaft zu befürchten ist da eigentlich nichts, denn wir leben in einer Gegend, wo sich solche Aktionen einfach nicht lohnen. Ich bin sicher, schon die alten Raubritter haben schon einen Riesenbogen um das gemacht, was heute unser Quartier ist. Oder zumindest um unser Haus. Denn wenn es wirklich mal aufregend werden soll, können wir ganz gut selbst dafür sorgen.

Vor ein paar Jahren war es. Eines schönen Sommertages klingelte es an unserer Tür. Es war Tobias (Name geändert), der Bankkaufmann-Azubi von nebenan. Er hatte sich aus seiner eigenen Bude ausgesperrt und fragte, ob er von uns aus bei sich einsteigen könne. Dunkel war der Rede Sinn, denn anders als bei vielen anderen Mietskasernen liegen unsere Balkone nicht direkt nebeneinander, so dass man sich nur über das trennende Gitter schwingen müsste. An den Balkon dachte Tobias auch gar nicht. Er wollte allen Ernstes bei uns aus dem Wohnzimmerfenster klettern und sich – flach an die Hauswand gedrückt – Schritt für Schritt über das Ziersims unter unseren äußeren Fensterbänken rüber zu seinem Wohnzimmerfenster schleichen, das zufällig offen stand.

Nun war Tobias zwar mindestens ebenso schlank wie Cary Grant, aber der hatte schließlich auch ein Double gehabt, das Über den Dächern von Nizza an seiner Stelle den Fassadenkletterer gab. Und jetzt sollte ich einfach zusehen, wie sich unser junger Nachbar ohne Netz und doppelten Boden aus unserem Wohnzimmerfenster in fast zwei Etagen Höhe (das Haus hat Hochparterre) schwang, unter ihm nichts als das harte Pflaster des Gehwegs und die Motorhauben der parkenden Autos? Im Leben nicht! Auch Tobias’ Versicherung, als Slackliner wäre er geübt darin, auch auf schmalsten Untergründen die Balance zu wahren, konnte mich nicht überzeugen. Ich schob ihn in das Heiligste unserer Wohnung, setzte ihm einen Kaffee vor und rief dann meinen Mann an, der gerade seinerseits zum Kaffeeklatsch bei einem Kumpel weilte. Der (also mein Mann, nicht der Kumpel) verfügt bekanntlich über einschlägige Erfahrungen bei Katastrophen diverser Art und war obendrein Handwerker im Öffentlichen Dienst – wenn uns einer helfen konnte, dann er!

Er machte sich, von mir genauestens über die Lage informiert, dann auch prompt auf den Heimweg und hatte sogar besagten Kumpel im Schlepptau, der als Sicherheitsbeauftragter in seinem Unternehmen ebenfalls fachliches Wissen mitbrachte.

Und ein starkes Seil.

Mit dem wurde Tobias erst einmal so eingeschnürt, bis er im Brustbereich wie ein Rollbraten aussah. Dann wickelten die beiden Höhenretter h. c. den Rest des Seils sich selber so um, dass es einerseits genügend Spiel zum nachgeben hatte, andererseits aber auch einen eventuellen Absturz so abfangen würde, dass Tobias im worst case nur wie ein Uhrpendel hin und her schwang, aber keinesfalls auf das Pflaster schlagen konnte. Das ist nämlich nur bei dem “Jung mit ‘n Tüdelband” aus einem bekannten Hamburger Volkslied lustig.

Erst jetzt bekam Tobias die Erlaubnis, aus unserem Fenster zu steigen. Ich verduftete in die Küche und kippte mir erstmal einen Cognac hinter die Binde. Aus rein medizinischen Gründen, versteht sich, denn ich bin – es muss zu meiner Schande gesagt werden – bei so etwas eine ziemliche Bangebüx. Ich sehe die Leute nämlich immer schon mit dem Musikdampfer (Taxifahrerjargon für Rettungswagen) auf dem Weg zum professionellen Zusammenflicken der gebrochenen in der Notaufnahme, wenn sie das Wort “Leiter” nur denken.

Natürlich blieben meine Kassandrarufe unerfüllt, denn besser gesichert als von jeder Bergwacht, machte sich Tobias auf den Weg. Es war ein lustiger Zufall, dass ausgerechnet in dem Moment mein Telefon klingelte – zu jener Zeit hatte ich nämlich ausgerechnet die Titelmelodie der Gaunerkomödie Topkapi mit Melina Mercouri als Klingelton. Am anderen Ende der Leitung war eine Nachbarin, die zwar den völlig richtigen Schluss gezogen hatte, dass es einen guten Grund für Tobias’ Kletterpartie gab, sich andererseits aber den völlig falschen Moment ausgesucht hatte, ihre Neugierde zu befriedigen. Ich vertröstete sie auf später und lugte vorsichtig ins Wohnzimmer.

Da passierte es.

Ich hörte nur ein “Verflucht-verdammte Scheiße!”. Ich schloss die Augen – und wunderte mich, warum Tobias mit einem Geräusch auf dem Boden aufschlug, dass frappierende Ähnlichkeit mit den Tellern hatte, die ich vor ein paar Tagen zerdeppert hatte. Es war ja auch gar nicht Tobias. Die drei Helden hatten mir nur den Terracottapott mit meiner heißgeliebten Strahlenaralie von der Fensterbank gefegt. Tobias hingegen war wohlbehalten in seinem eigenen Wohnzimmer gelandet, hatte sich aus seinem improvisierten “Rettungsgeschirr” befreit, seine Wohnungstür von immer geöffnet, sichergestellt, dass er den Schlüssel diesmal bei sich hatte, und klingelte nun erneut bei uns, um uns zum Dank auf ein paar Hopfenkaltschalen einzuladen. Besser hätte es kaum laufen können.

Ich brauchte trotzdem erstmal noch einen Cognac.

 

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