Sommermucke

Sommerhits zeichnen sich nur selten dadurch aus, besondere Perlen im Schmuckkasten der Poesie zu sein. Macarena  – The Ketchup Song – Mambo No. 5 – Coco Jambo… Die Beispiele sind hinlänglich bekannt. Aber immerhin sind sie eigens für den ihnen zugedachten Zweck komponiert worden: Wer möglichst anspruchslos abtanzen will, braucht keine tiefschürfenden Texte. Da reicht es vollkommen, wenn sich „nackte Friseusen“ auf „feuchte Haare“ reimt.

Es gibt auch Beispiele, bei denen bestehende Melodien mit einem neuen Text versehen werden. Nun hat Édith Piafs Chanson Milord sicherlich besseres verdient, als plötzlich von einem in einer der Grundfarben gefärbten Vertreter der Gattung Equus aus der Spezies der Equidae zu erzählen, der sich mit einem besonders lästigen Exemplar der Brachycera aus der Familie der Diptera herumzuschlagen hat (Wer anhand dieser Stichworte weiß, auf welches Lied ich anspiele: Gratulation! Ich habe noch Hoffnung für die Bildung in unserer Gesellschaft). Aber so ist die Welt der Sommerhits nun mal: Man mag sie und feiert darauf (was vollkommen okay ist), oder man kann sie nicht ausstehen und ignoriert sie, so gut es geht (was ebenso okay ist). Ein Dazwischen gibt es wohl nicht.

Dieses Jahr fällt mir das Ignorieren schwer. Gewiss habe ich nicht meine plötzliche Vorliebe für dieses Genre entdeckt. Aber was dieses Jahr zum Sommerhit erklärt wurde, hat mich dann doch ein bisschen fassungslos gemacht. Ich habe es heute en passant mitbekommen, als mein Mann seine abendlichen Nachrichtensendungen schaute. Da wurden dann ein paar Menschen in Beachlaune gezeigt, die in einer – wie hierorts üblich – sehr legeren Auslegung von Grammatik darüber sprachen, dass dieses Lied jetzt genau das Richtige sei, „wenn man so mitte nackte Füße in’n heißen Sand und so, weiße“…

Bella Ciao ist also der Sommerhit 2018. Ein über 100 Jahre altes Arbeiter- und Partisanenlied, mit dem u. a. auch gegen den Mussolini- und Hitler-Faschismus protestiert wurde (woran z. B. Milva und Hannes Wader in ihren Konzerten regelmäßig erinnern), degradiert das Partyvolk an den allseits bekannten Teutonengrills zu Ballermann-Mucke. Ich sag‘ da jetzt mal nichts zu. Es könnte einen bedauernswertern Verlust an Kinderstube mit sich bringen. Ich gehe einfach nur kotzen und denk mir meinen Teil.

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