Gruppenkuscheln, Grübeleien und glucksendes Wasser

Reisetagebuch 2018 – Teil 1

Hamburg – Donnerstag,  16.08.2018

Es ist Donnerstagabend. Die Sonne versinkt langsam hinter den Dächern von St. Pauli, der aus Helgoland zurückgekehrte Halunder Jet hat die letzten Fahrgäste ausgespuckt und tuckert die paar Meter zu seinem Liegeplatz für die Nacht rüber, die Touristen verlassen langsam die Landungsbrücken. Nur einmal wird es heute noch richtig drubbelig. Nämlich nachher, wenn die Vorstellungen der Musical-Tempel gegenüber am anderen Elbufer zu Ende sind und tausende Theaterbesucher zurück in ihre Hotels oder noch so richtig auf’n Swutsch gehen wollen.

An meinem letzten Abend in der schönsten Stadt der Welt meint das Wetter es noch einmal gut mit mir. Überhaupt war es eine schöne Zeit – viel besser, als der holperige Start es hatte erahnen lassen.

Hamburg – Sonntag, 12.08.2018 – morgens im IC

Düwel ook, was für Anreise! Nach all den vielen guten, störungsfreien Reisen will mich die DB nun schon im zweiten Jahr wohl dazu treiben, dass ich auf meine alten Tage doch noch den Führerschein mache. Das fängt schon mit der Wagenstandanzeige in Dortmund an: Laut Plan befindet sich der Wagen mit meinem Sitzplatz an der Spitze des Zuges. Fünf Minuten vor Einfahrt: „Bitte achten Sie auf die geänderte Wagenreihung!“ Die elektronische Tafel zeigt an, dass der Zug einmal gedreht wurde. Der erste Waggon ist demnach heute der letzte. Also einmal den kompletten Bahnsteig entlang bis ganz nach hinten.

Der 8 Uhr 25 nach Binz via Hamburg fährt ein. Es ist tatsächlich die ganze Wagenreihung gedreht. Die ganze Reihung? Nein! Ein gallisches Dorf Waggon hört nicht auf, den Reisenden zu verwirren und ist doch dort, wo es der Plan vorsieht. Wessen? Natürlich meiner.

Nach hastiger Verabschiedung vom Liebsten also eingestiegen und den Weg nach vorne angetreten, während der Zug schon aus dem Bahnhof und über die Weichen zur Strecke Richtung Münster rumpelt. Meinen Koffertrolley kann ich nicht hinter mir herziehen, sondern muss ihn tragen. Der Zug ist so proppevoll, dass es nicht anders geht. Nur ein Seemann mit Helgolanderfahrung schafft diesen Weg ohne aus dem Tritt zu geraten und über Gepäckstücke und diverse Mitreisende zu fallen.

Überraschung an meinem Sitzplatz: Alle Reservierungen im Zug sind annulliert worden! Also muss ich auf einen Zugbegleiter warten, der für mich irgendwo einen anderen Platz freischaufelt. Zu allem Überfluss ist Wagen drei nicht wie sonst ein „echter“ IC-Wagen, sondern ein umlackierter aus er Zeit, als es noch InterRegios gab: Unbequemere Sitzplätze,  weniger Gepäckablagen und es ist deutlich enger. Gruppenkuscheln bei dreißig Grad – ich bin begeistert!

(Memo an mich: In Zukunft doch wieder der 6:25 nach Westerland. Der ist auch zur besten Reisezeit angenehm leer und immer pünktlich, weil er erst in Hamburg so richtig voll wird.)

Aber mal ehrlich – ein echter Grund zur Aufregung ist das alles nicht. Und ich bin froh, dass ich das Ganze mit einem amüsierten Grinsen hinnehmen kann. Letztes Jahr ist mir das nicht gelungen. Gewiss, die Blogartikel aus dieser Zeit lesen sich recht amüsant, aber die sind ja auch nur das Reader’s Digest des gesamten Reisetagebuches gewesen. Denn da waren ja auch die anderen Momente. Die anderen Tage, wie ich sie auch zuhause erlebe. Da ringe ich mit mir selber um jeden noch so kleinen Handgriff. Um mir einen Kaffee zu kochen. Um zu essen. Um duschen zu gehen. Um mit meinem Mann zu reden. Um überhaupt mit irgend jemandem zu reden. Um überhaupt erst aufzustehen.

An diesen Tagen fahren meine Gedanken auf einer Achterbahn, deren auf einmal nur noch nach unten gehende Fahrt nie wieder zu enden scheint.

Ich weiß gar nicht, warum ich das im Blog unter den Teppich gekehrt habe. Ist doch Blödsinn. Über gesellschaftlich geächtete Krankeiten muss einfach gesprochen werden. Wie soll man sonst zur dringend notwendigen Akzeptanz gelangen?

Ich gehöre nun mal zu den Menschen auf dieser Welt, die Patienten einer echten klinischen Depression sind. Um ein Zitat aus dem Filmklassiker Die Feuerzangenbowle leicht abzuwandeln: „Da stellema uns zunäschs mal janz dumm und fraren uns: Wat issene Depression?“


Wichtig:

Falls du unter Depressionen leidest und dich Suizidgedanken verfolgen, gibt es bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den Hotlines 0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 rund um die Uhr Hilfe. Diese Anrufe sind kostenlos und anonym. Gespräche, die zu diesen Rufnummern aufgebaut werden, tauchen auch nicht im Einzelverbindungsnachweis der Telefonrechnung auf.


Hm. Schwierige Frage. DIE Depression gibt es ja gar nicht. Es gibt diverse Varianten und Symptome, und wer es genau wissen will, dem kann ich eigentlich nur raten, sich mit dem Hausarzt des Vertrauens zu unterhalten. Und eine Behandlung zu veranlassen, sobald er/sie die Symptome von Depressionen an sich selber feststellt.

Grob gesagt kann man zwischen der depressiven Verstimmung und der echten Depression unterscheiden. Bei mir liegt letzteres vor. Begonnen hat es vor mittlerweile achtundzwanzig Jahren: Als Folge einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigten sich Antriebslosigkeit, ein so gut wie vollständig ausgerottetes Selbstbewusstsein, Niedergeschlagenheit, ein permanentes Gefühl von „hat doch eh alles keinen Zweck“ und so weiter.

Zum Glück bin ich damals recht schnell an einen guten Therapeuten gelangt, der mir wieder auf die Beine geholfen hat und durch den ich gelernt habe, dass ich diese Erkrankung wegen einer genetischen Veranlagung, die sich über mittlerweile fünf Generationen hinweg nachverfolgen lässt, wahrscheinlich den Rest meines Lebens mit mir herumschleppen werde, man damit aber dennoch klarkommen kann. Durch ihn erlernte ich verschiedene Techniken, mit diesem Scheiß umzugehen. Schreiben, ganz besonders auf humoristische Art, sind nur eine davon. Mir hilft es neben meinen Medikamenten, mit dem Abstand auf die Dinge zu schauen, der notwendig ist, um den Weg aus den ganz besonders heftigen Phasen zu finden.

Das hat über zwanzig Jahre ganz gut geklappt, bis ich irgendwann als Pflegender Angehöriger und durch diese kreuzverdammte preußische Erziehung, die einem unbedingtes Funktionieren einbläut, in jene Falle getappt bin, aus der man so leicht nicht wieder rauskommt: Völlige Selbstaufgabe. Zwei Jahre habe ich das durchgezogen, bis der Tod meiner Mutter mir endgültig den Rest gegeben und aufgezeigt hat: Du steckst wieder so schlimm drin, wie damals, als es zum ersten Mal losging.

Na, super.

Als ich letztes Jahr meine Heimatzeit in Hamburg verbracht hat, war ich noch nicht wieder in Behandlung. Das alte Lied: Zuerst die innere Lähmung durch die Krankheit an sich, danach volle Wartelisten bei den Therapeuten. Entsprechend beschissen ging es mir an der Elbe, und ich war kurz davor, die ganze Chose nach zwei Tagen abzubrechen, nach Dortmund zurückzufahren und mich einfach nur zu verkriechen.

Es war letzten Endes das Schreiben in mein Reisetagebuch, das mir half, doch noch Gutes aus dieser Zeit zu ziehen, indem ich nämlich beim Schreiben in meine „Schriftstellerpersönlichkeit“ schlüpfte, das Ganze von außen betrachtete und mich gerade über das, was schiefging, so lustig wie nur irgend möglich machte. Damit kriegte ich den Kopf genügend frei, um den Urlaub tatsächlich bis zum Ende durchzuziehen und in bescheidenem Maße sogar noch zu genießen. (Hey, Adam & Steve – if you should read this: „I’m so glad we had this time together“ as our mutual favourite comedienne Carol Burnett used to sing).

Trotzdem war ich froh, als wenige Wochen nach dem Urlaub endlich der erlösende Anruf kam, dass ich auf einer Therapeutenliste an die erste Stelle gerückt war. Und ich hatte das Glück, an einen Therepeuten zu geraten, mit dem ich gerne und erfolgreich zusammenarbeite. Arbeit an der Seele ist eine verdammt harte Angelegenheit, aber sie lohnt sich, weswegen ich gar nicht oft genug dazu raten kann, Depressionen umgehend zu behandeln und nicht zu ignorieren. Letzeres geht sowieso früher oder später unweigerlich nach hinten los. Ich weiß, wovon ich rede.

Durch die Therapiearbeit der vergangenen Monate dräute die Reise diesmal nicht schon Wochen vorher wie ein Menetekel über mir. Ich freue mich auf alles, was mich erwartet, und ich sag mal so: Langweilig ist es bisher ja nun wirklich nicht gewesen.

Nur einer kleinen Sache werde ich mir angesichts der übermäßigen Sabbelei der Leute hier um mich im Waggon immer sicherer: Für „Reunions“ mit alten und neueren Bekannten reicht meine Kraft noch nicht. Ich muss alleine sein auf dem Weg, wieder ganz zu mir zu finden. Zum Glück kann ich da auf ganz viel Verständnis vertrauen, für das ich nicht genug danken kann. Werte Marlene Dietrich, es zählen eben nicht nur die Freunde, die du nachts um vier Uhr anrufen kannst, sondern auch jene, die auch in einer Phase zu dir halten, in der du sehr, sehr still bist weil dir sogar für dich selbst die Worte fehlen.

früher Nachmittag, im Hotel

Eingecheckt. Endlich. Im Hauptbahnhof war es unerträglich voll. An diesem Wochenende tummeln sich insgeamt acht (8!) Kreuzfahrtschiffe in Hamburg, und scheinbar alle hatten Passagierwechsel! Während des (je nach Ankunft) drei bis fünf Stunden langen Limbos zwischen Ankunft und Zimmerfreigabe im Hotel schließe ich meinen Kram immer im Schließfach ein, und ich habe nur mit Mühe und Not das wirklich letzte bekommen. Uffa!

Schon Mae West wusste: Zuviel von einer guten Sache ist wundervoll. Deshalb habe ich dieses Jahr eine bessere Zimmerkategorie als sonst gebucht. Das Zimmer ist größer, heller und hat eine bessere Aussicht. Ik frei mi bannig!

Auspacken, frisch machen, runter zum Hafen. Endlich wieder Elbluft schnuppern!

Wunderschönes Grau. Hamburg eben, näch?

Natürlich zeigt sich auch hier der Kreuzfahrerandrang. Es ist voll, voll, voll. Unter den Touristen sind wieder alle Typen vertreten – vom Schwaben, der in vollkommener Ahnungslosigkeit seiner ehrfürchtig lauschende Frau die Seefahrt erklärt, über schon am frühen Nachmittag sturzbesoffene Jungesellinnenabschiede bis zur Kegeltour und der Seniorentruppe Die Rollator-Bande.

Die witzigste Szene spielt sich auf Landungsbrücke 4 ab (meine geliebte Brücke 3 ist besetzt): Mit einem Latte Macchiato (natürlich im Mehrwegbecher!) setzte ich mich auf eine der Bänke neben einen älteren Mann mit wettergegerbtem Gesicht. Wahrscheinlich ist er altgedienter Seemann, der viel zu erzählen hat, wenn er in der Stimmung dazu ist. Im Moment ist das nicht der Fall. Wir tauschen nickend ein knappes „Moin“ aus („Moin, moin“ wäre schließlich übermäßige Sabbelei) und schauen schweigend auf die Elbe. Nach ein paar Minuten zieht eine Familie vorbei: Der Vater im typischen Touri-Outfit aus The North Face-Jacke zu Jack Wolfskin-Trekkingsandalen, die Mutter mit dem jüngsten Stammhalter im Brustbeuteltuch (oder wie immer das heißen mag) und Fjällräven-Rucksack. Mehr Klischee der Vollwert-Familie geht nun wirklich nicht. Die beiden älteren Kinder schlurfen lustlos hinterher. Der älteste Bruder (ca. 6 Jahre) nörgelt mit der Regelmäßigkeit eines zuverlässigen Leuchtfeuers: „Maaamaaa! Maaamaaa! Wo gehen wir hin? Ich will doch Boot fahren! Maaamaaa! Maaamaaa! Wo gehen wir hin? Ich will doch Boot fahren!“

Das geht so lange, bis der Seemann neben mir, den ich schon beinahe für tot gehalten hatte, doch noch Lebenszeichen von sich gibt. Mit schnarrender Stimme krächzt er: „Kinder mit’n Willen kriggn wat op de Brill’n!“

Das zeigt Wirkung: Vollwert-Junior verliert sämtliche Gesichtsfarbe. So bleich werden Kinder für gewöhnlich nur, wenn Papi und Onkel Gustav am 6. Dezember den Nikolaus und Knecht Ruprecht geben! Ich muss mich heftigst zusammenreißen, um vor lauter Lachen meinen Latte M. nicht quer über Brücke 4 zu prusten.

Nachdem der Becher geleert ist, mache ich mich auf eine kleine Wanderung längs der Hafenkante mit Abstechern ins „Hinterland“.

Bismarck. Vom Erfinder des gleichnamigen Herings…
…ist es nicht weit bis zum Michel.

An der Überseebrücke wird Swing getanzt, an der Hafenpolizeiwache bei der Niederbaumbrücke an er Südwestspitze der Speicherstadt stoße ich auf den ersten Akkordeonspieler. Und – o Wunder! – er spielt nicht La Paloma, das hier sonst wirklich so penetrant oft erklingt, dass ich fast schon nicht mehr leiden kann. Ich muss sogar ein paar Sekunden lang ganz genau hinhören, bis ich die erklingende Weise als Bésame mucho erkenne, das nach einigen Takten fließend in Parle più piano, das Thema aus The Godfather I, übergeht. Wirklich sehr, sehr schön.

Ausflugsdampfer im alten Zollhafen

Irgendwann wird’s mir allerdings zu voll. Zeit für ein Eis und ein bisschen runterkommen im Alsterpark.

Auft dem Weg zum Alsterpark: Nikolaifleet mit Theaterschiff

abends, im Hotel

Kreuzfahrtgedrubbel zum Dritten. Das hatte ich ja ganz vergessen! Dabei hat es schon Wochen vorher im Hamburger Abendblatt gestanden: Die Queen Mary 2 – oder wie ich sie, inspired by the late great Evelyn Künneke, immer nenne: Die Fette aus Dingsda – war wieder mal da! Tut mir leid, aber find sie nun mal so hässlich, dass ích sie mir nicht mal schönsaufen könnte.

Gut verdeckt: Das Lieblingsschiff der Hamburger

Sie war aber nun mal da, und entsprechend voll war es beim abendausklingenden Hafenspaziergang an den Landungsbrücken. Zusätzlich wurde nämlich auch noch das 10jährige von Blue Port gefeiert, jener Kunstinstallation, bei der das Hafenpanorama in blaues Licht getaucht wird. Bis zum Beginn des Spektakels war noch Zeit, also noch schnell rauf auf die noch recht neue Elbfähre von den Landungsbrücken zur Elbphilharmonie. Näher kommt man an einem Sonntag nicht an den Reiherstieg ran, und dort liegt auf einer Werft derzeit die Saareema, eine estnische Fähre, mit der von 2015 bis 2017 ein weiteres Mal versucht wurde, auf Dauer eine Fähre zwischen Cuxhaven und Brunsbüttel einzurichten. Wieder einmal ist das Vorhaben gescheitert, und jetzt wartet die Saareema hier auf eine neue Aufgabe. Ihre Schwester, die Muuhuumaa, ist woanders untergebracht.

Die estnische Fähre“Saareemaa“ – nur aus der Ferne abzulichten…
… und als Kontrast ein geringfügig größerer Pott.

Der kleine maritime Ausflug endet pünktlich zum geplanten Auslaufen des englischen Vehikels für betreutes Reisen, das passend zur Abendämmerung von einem Feuerwerk begleitet werden soll.

Ich bin also da. Und mit mir um die 3.000 andere Zuschauer. Wer wieder mal auf sich warten lässt, ist die Madamm. Die berühmte akademische Viertelstunde lasse ich verstreichen, und weil ich so gute Laune habe, gebe ich noch eine Viertelstunde drauf. Schließlich folgere ich messerschaff, dass ich zum mittlerweile vierten Mal versetzt werde. Ich beschließe, die Nase voll zu haben, und mache lieber noch einen Abendspaziergang an der Alster. Ich lass mich doch von so einem Haufen Blech nicht verarschen!

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