Liebesgrüße aus Hamburg

Von Christian Morgenstern gibt es einen Spruch, dass das Erste, wonach Herr und Frau Müller fragen, wenn sie in den Himmel kommen, Postkarten sind. Zu seinen Lebzeiten ist das sicherlich so gewesen und auch noch lange Zeit danach. In meinen Kindertagen hat es keinen Urlaub gegeben, ohne dass wir unseren Daheimgebliebenen Unmengen von Postkarten geschrieben hätten: „Hallo von der Ostsee, uns geht’s gut, das Wetter ist großartig, Opa hat schon den ersten Sonnenbrand. Liebe Grüße!“ -was man alles eben auf so ein kleines Stück Papier kritzeln kann.

Zumindest beim deutschen Teil unseres Clans ist das so gewesen. Die Verwandten aus den Niederlanden sind nicht ganz so emsig bei der Sache gewesen. Mein Onkel ist zwar noch mit über achtzig für einen ganzen Tag in einen Flieger gestiegen, um seine Verwandten in Adelaide zu besuchen, was bekanntlich in Australien liegt. Aber zum Kartenschreiben hat er sich nicht aufraffen können. Seine Postkarten sind bis auf die Empfängeradresse leer gewesen. Bloß in die äußerste Ecke hat er noch ganz klein „Oom Jip“ geschrieben. Das ist aber kein besonder australischer Gruß, nein, das heißt bloß „Onkel Jip“ auf Niederländisch, damit wir auch ja gewusst haben, von dem diese Karte gekommen ist.

In Zeiten der ganz smarten Smartphones ist das Postkartenschreiben aus der Mode geraten. Was sollst du dich mit älteren Bildern von fremden Fotografen aufhalten, wenn du ein aktuelles ganz einfach und vor allem sofort mit WhatsApp verschicken kannst?.

Dieses Jahr wollte ich das auch mal so machen – zumndest mal ausprobieren. Manchmal muss man ja doch mit der Zeit gehen. Vielleicht blüht mir ja sogar noch eine Karriere als „Instagrammer“ mit Millionen von „Followern“. Warum nicht? Gibt nix, was es heutzutage nicht gibt!

Darum war in diesem Jahr der Plan für meine Sommerzeit in Hamburg: Meinem Mann jeden Morgen per WhatsApp ein Selfie von mir schicken. An dem kleinen Schreibtisch in meinem Hotelzimer, beim Biss ins Franzbrötchen zum Frühstück, auf dem Weg zum Hafen. Vielleicht auch mal ein bisschen pikanter – so ganz ohne Klamotten in der Dusche oder so. Ist ja bloß für ihn, nicht wahr?

Nun bin ich wahrlich nicht der Beste im Selfies machen, also klein anfangen:

Ich liege an meinem ersten Morgen in Hamburg rücklings im Bett, das Laken ist etwas nach unten gerutscht, so dass man meinen bloßen Brustkasten sehen kann, und er steht ja so auf das olle Gestrüpp darauf. Also greife ich nach dem Smartphone, mache die Kamera klar und strecke den Arm in die Höhe. Das ist schon  ziemlich unpraktisch, das Ding bloß mit vier Fingern zu halten – den Zeigefinger brauche ich ja noch für das Knipsen.

Versuch Nr. eins: Verwackelt.

Versuch Nr. zwei: Mir zittert der Arm wegen dieser blöden Haltung, dann fällt mir das Phone aus der Hand und landet neben meinem Bett. Zum Glück ist der Teppich flauschig und weich. Nichts kaputt.

Versuch Nr. drei: Diesmal mit dem anderen Arm. Wieder fällt das blöde Teil mir runter und rutscht dieses Mal sogar in die Besucherritze vom Bett. Jetzt kann ich auch noch nach dem blöden Apparat graben wie Lord Carter nach Tut-ench-Amun!

Versuch Nr. vier: Diesmal fällt mir das Handy sogar auf die Schläfe und ich kriege gleich ’ne kleine Beule.

Eins wird mir klar, als ich mir die Flasche Wasser aus dem kleinen Kühlschrank gegen die Beule halte: Scheiß was auf die Karriere als „Instagrammer“! Wenn der Weg zu diesem neumodischen Kram mit nichts als Ärger gepflastert ist, bleibe ich lieber altmodisch und schreibe Postkarten!

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