KO oder OK?

Reisetagebuch 2018 – Teil 4

Hamburg – Mittwoch, 15.08.2018 – abends in der HafenCity

Junge, Junge – was für ein Tag. Da das Bergfest gestern schon war, gibt’s heute eine etwas verspätete Halbzeitbilanz „Hamburg 2018“:

Mir geht es gesundheitlich zwar besser als im letzten Jahr, aber wenn etwas rund dreiundzwanzig Jahre in dir schlummert, um irgendwann erneut fröhliche Urstände zu feiern, sollte man nicht mit einer Wunderheilung rechnen. So schön wie die Zeit bisher auch war – Depressionen gehen nun einmal mit extremer Erschöpfung einher, und machen wir uns nichts vor: Ich habe in den letzten drei Tagen wider jede Vernunft viel zuviel gemacht. Leugnen zwecklos. Heute habe ich die Quittung dafür gekriegt.

Der Reihe nach: Die Nacht war kurz. Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe. Mein Zimmer ist zwar einer Seitenstraße zugewandt, aber das Hotel liegt am Rande des Kiez von St. Georg, dementsprechend „kiezig“ geht es auch oder vielleicht sogar besonders in den Seitenstraßen zu. Darum bekam ich aus erster Hand die große Bambule unter mehreren Vertretern des horizontalen Gewerbes mit. Ob Männlein oder Weiblein lässt sich nicht genauer definieren, denn auf St. Georg gibt es eben nicht nur Damen und Herren, sondern auch die Herren Damen, die Damen Herren und beides in Personalunion sowieso. Eins haben sie alle gemein: Wenn sie erstmal in Rage sind – o-haue-ha. Da verneigen sich die Reiter der Apokalypse in Ehrfurcht!

Außerdem ist im Hotel eine Reisegruppe von 100 Kerlen abgestiegen. Zumindest haben sie solchen Lärm gemacht; in Wahrheit werden es maximal sechs gewesen sein. Aber warum auf meiner Etage und in dem Zimmer neben mir bzw. gegenüber? Schon mal gehört, wenn ein Chor aus nicht gerade mit dem Sangestalent eines Hugues Aufray oder Keen’V gesegneten Franzosen sich an deutschem Liedgut versucht, das sie vermutlich in irgendeinem Rummelschuppen auf St. Pauli aufgeschnappt haben? „Schönä Maid, ’ast du ’eut für miesch Zeit…?“

In den Gay Bars von St. Georg hört man sowas jedenfalls nicht!

Gegen halb drei wurde es dann endlich still im und ums Hotel. Bis um halb sechs die Kinder der beiden Familien vier bzw. fünf Zimmer weiter längs wach wurden.

Mit dem festen Vorsatz, mir heute in irgendeinem Drogeriemarkt irgendwas gegen Augenringe zu holen, gehe ich auf Erkundungstour. Das Frühstücksbuffet im Hotel ignoriere ich wie jeden Tag. Wenn es Mutter Naturs Plan gewesen wäre, dass ich entspannt mein Müsli mümmele, während um mich rum alle Tische mit sabbelnden Touris belegt sind, hätte sie mich nicht mit Teilen aus der Morgenmuffel-Kiste zusammengeschraubt. Außerdem bin ich im Schreiburlaub – da darf es jeden Morgen ein Franzbrötchen vom Lieblingsbäcker sein, jawoll!

Auf dem Weg nach unten zur Rezeption kommt mir jemand vom Service mit einem Tablett entgegen. Da hat echt jemand Frühstück im Zimmer bestellt. So verlockend es ist, in den Federn seinen ersten Kaffee zu schlürfen – für so etwas habe ich viel zuviel von meiner Oma abbekommen, die den Vermietern immer so wenig Mühe wie möglich machen wollte. Am Abreisetag hat sie ja auch die Urlaubsunterkunft trotz bezahlter Endreinigung immer so gründlich geputzt, dass der Vermieter nur Endkontrolle machen musste. Genau so bin ich auch! Außerdem hängt mir noch ein alter Satz meiner Mutter in den Ohren: „Wenn du im Bett frühstücken willst, penn gefälligst in der Küche!“

A propos Schreiburlaub. In diesem Jahr habe ich wieder die Spiegelreflex dabei. Wenn ich schon den Kopf frei genug habe, mal wieder an einem neuen Manuskript zu arbeiten (ich frage mich immer noch, wie ich das zuletzt in die Welt gesetzte je fertig bekommen habe), sollte ich auch mal was dafür tun. Deswegen nochmal gezieltes Aufsuchen von ein paar Orten, bei denen es in den letzten Tagen nur für Not-Schnappschüsse mit dem Ackerschnacker gereicht hat. Ich brauche nämlich noch optische Inspirationen für die Schaupätze einiger Schlüsselszenen zwischen meinen beiden Heroen. Von den ausgewählten Fotos der Ausbeute lasse ich dann später Abzüge in A4 machen. Man ist ja nicht mehr der Jüngste, und das Standardformat in Postkartengröße wird irgendwann einfach zu anstrengend. Call me Methusalix!

Alsterpanorama, von der Lombardsbrücke gesehen

Zunächst ein paar Fotos von der Lombardsbrücke aus. Eines der ersten Kapitel soll eventuell eine Ankunft in Hamburg per Zug beinhalten, wobei ich noch nicht sicher bin, ob es wirklich so kommt. Im letzten Skript habe ich Holger & Christoph auf eine lange Zugreise durch halb Nordeuropa geschickt, insofern frei nach Johannes Mario Simmel: Es muss nicht immer Eisenbahn sein. Aber vielleicht eine Taxifahrt vom Airport Fuhlsbüttel? Eine lange Mietwagentour? Wir werden sehen. Jedenfalls knipse ich neben dem Panorama mit Alsterhaus, Jungfernstiegpavillon und St. Michaelis auch ein paar Züge auf der Verbindungsbahn. Wer weiß, wozu es gut ist.


Einschub während des Tagebuchschreibens: Ich muss nochmal dringend die Namen meiner beiden Hauptfiguren überdenken. Und wenn die Namen nicht passen, kriege ich sie für mich einfach nicht zum Leben erwecht. Mit „Vincent“ für den einen bin ich ja ganz zufrieden, aber Tim ist so… Ich weiß nicht. Kleines Brainstorming – welche Männervornamen gefallen mir eigentlich so richtig? Sören, Mads, Wilko, Focko, Tobias, York, Eric, Rasmus – to be continued


Die Kreuzung Gorch-Fock-Wall/Esplanade/Dammtorstraße ist wie so viele Ecken in Hamburg von einer Baustelle dominiert. Man läuft Slalom um die vielen Absperrungen und muss dabei natürlich den ganzen Kaffeejunkies mit ihren Pappbechern ausweichen. Einem eiligen Fahrradkurier (was hat der auf dem Gehweg zu suchen???) gelingt das nicht, und die Frau im schicken Businesskostüm ganz in weiß sieht nach einem waghalsigen Sprung zur Seite, einem Aufschrei und einem empörten „Passen Sie doch gefälligst auf!“ aus wie eine unterernährte Milchkuh. Also, rein von dem interessanten neuen Muster auf ihren Plünnen, natürlich. Aber man selbst ischa plietsch, näch? Um mir so etwas zu ersparen, nehme ich die U1-Station Stephansplatz als Unterführung, und nachdem ich einem sehr sympathischen jungen Papa dabei geholfen habe, seinen Kinderwagen vom Bahnsteig zum Ausgang beim Buchantiquariat zu tragen („Rolltreppe wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb“), bin ich auch schon wieder in Planten un Blomen und den Alten Wallanlagen. Der Weg um den Wallgraben, die Bodenmosaike an der Brücke Jungiusstraße, die Wasserspiele am Sievekingplatz, die Eislauf-/Rollschuhbahn… Hier gibt es viele Stellen, an denen man wichtige Szenen spielen lassen kann.

Bodenmosaik
Der alte Wallgraben
Eine Auswahl…
… der diversen…
… Teichanlagen…
… Flussläufe…
… und Wasserspiele bei Planten un Blomen sowie in den Wallanlagen.

Der Ausgang am Millerntor gibt nicht soviel her. Hier wird derzeit umgestaltet und es sieht nicht nur dank des wochenlangen warmen Wetters sehr nach Wüste aus.

Nach dem vielen Grün geht es in die Desolation. Nein, ich steige nicht in eine U-Bahn, die mich zu den Banlieues dieser Stadt bringt – mein Weg führt mich direkt zu einem der größten Touristenziele dieser Stadt: Das Vergnügungsviertel rund um die Reeperbahn.

Da, wo ab heute Abend wieder bunte Leuchtreklamen mit schrillen Paradiesvögeln um die Wette glitzern, sieht es bei Tageslicht und leichter Bewölkung ziemlich desillusionierend aus. Vor dem einen Laden steht die Putzfrau mit Zigarette im Mund und plauscht mit dem Postboten. An Bühneneingang zu einem der Theater steht jemand und scheint seinen Text zu proben. Eine Mutter mit Kind kommt gerade vom Einkaufen zu zurück. Ein stinknormaler Tag in einem stinknormalen Wohnviertel eben.

Reeperbahn & Spielbudenplatz – bei Tageslicht bannig unspektakulär

Tscha, ob Hamburg, Amsterdam oder Kopenhagen – die Rotlichtbezirke der großen Touristenstädte sind eben im Grunde nix anderes als die die größten Verkleidungskünstlerinnen von allen. Wenn die Travestiekünstler oder die Damen der Nacht sich nach Feierabend abschminken und nach Hause gehen, sehen die auch nicht so glamourös aus wie auf der Bühne. So manche Drag Queen ist in Zivil nicht von dem pensionierten Finanzbeamten in der Wohnung neben ihr zu unterscheiden.

Durch die Davidstraße geht es runter zum Hafen. Gleich zwölf, ich bin seit fast vier Stunden unterwegs und ich habe Hunger. Heute tut’s ein Baguette auf die Hand.

Ganz schlechte Idee. Der schöne Sommer hat eine echte Wespenplage mit sich gebracht, und an manchen Ecken kann man sich nicht einmal ein Hustenbonbon aus dem Papier schälen, ohne das so ein Arschloch mit Flügeln um einen herumschwirrt. In einer der Bäckereien zwischen Davidwache und Rödingsmarkt tummeln sich soviele Wespen in der Theke, dass ich gleich rückwärts wieder rausgehe. Nix wie weg.

Das Motiv für die neue Wanddeko überm Schreibtsich?

Wo ich schon mal in der Nähe bin, kann ich auch mal eben zur Überseebrücke gehen. In meinem Arbeitszimmer im kleinen Dorf an der Emscher stehen bald Renovierungen an, un dich möchte über dem Schreibtisch ein Bild der Cap San Diego hängen. Kein gekauftes, das steht fest. Eigenes Motiv, und dann auf Leinen mit Keilrahmen gedruckt. Also hin und richtig Zeit genommen fürs Knipsen. Bis mir die Kamera fast in die Elbe fällt.

Schluss. Aus. Abbruch.

Schon den ganzen Vormittag quälst du dich mit dieser überwältigenden Müdigkeit rum. Du futterst jetzt eine Kleinigkeit. Pommes bei Daniel Wischer gehen immer. Und dann gehst du ins Hotel. Heute Nachmittag nimmst du dir frei.

So mache ich das auch. Als ich in meinem Bett liege, dauert es nur wenige Minuten, bis ich eingeschlafen bin.

Was für ein Segen. Schnelles Einpennen ist in gewissen Phasen keine Selbstverständlichkeit, wenn du depressionskrank bist. Selbst bei größter körperlicher Erschöpfung nicht. Weil du nie vollständig abschalten kannst. Weil der Schlaf, wenn er dann doch kommt, nicht erholsam ist. Deine Gedanken sind immer wie eine Waschmaschine voller Socken im Schleudergang. Du bist ein Handy, dessen Akku nicht mehr korrekt lädt. Du bist die Lottokugel, in der sich mehr als die üblichen neunundvierzig Pingpong-Bälle drehen.

Selbst Kleinigkeiten, über die nichtbetroffene Menschen gar nicht erst nachdenken, strengen dich unglaublich an. Dabei sind es Lappalien, und deswegen traust du dich manchmal gar nicht erst, darüber zu sprechen. Wer glaubt dir denn, dass es an manchen Tagen unter der Dusche für dich zu anstrengend ist, die Hände zu heben, um dir die Haare zu waschen?


Wichtig:

Falls du unter Depressionen, innerer Kraftlosigkeit, extremen Stimmungsschwankungen oder Suizidgedanken leidest, gibt es bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den Hotlines 0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 rund um die Uhr Hilfe. Diese Anrufe sind kostenlos und anonym. Gespräche, die zu diesen Rufnummern aufgebaut werden, tauchen auch nicht im Einzelverbindungsnachweis der Telefonrechnung auf.


Das ist eines der größten Probleme: Das Negieren, die Ungläubigkeit, die Bagatellisierung.

Würde ich in einer beliebigen Runde berichten, dass ich nur deswegen so müde bin, weil ich seit Sonntag täglich auf eine Gesamtleistung von rund achtzehn Kilometern per pedes komme, würde niemand was sagen. Da würde mir keiner raten, mich zu schonen – man wäre eher beeindruckt. Aber würde ich sagen, dass eine nur wenig körperliche Leistungskurve Folge einer chronischen Erkrankung an Depressionen ist, sähe das ganz anders aus. „Stell dich mal nicht so an!“, hieße es dann. ICH KANN MICH GAR NICHT ANSTELLEN, DU ARSCH, HIER IST JA KEINE SCHLANGE!

Beim ersten Mal vor über 20 Jahren musste ich mir ja sogar sagen lassen, dass alles, was mir fehle, eine ordentliche Tracht Prügel sein, die würde mir die Ausrede „Depressionen“ schon austreiben. Schöne Grüße an jenen, der mir das gesagt hat. Möge er in Frieden ruhen, bis ich dorthin komme! Okay, du musstest es nicht selber empfinden. Schön für dich, sei dankbar dafür. Aber das heißt noch lange nicht, dass es nicht für mich und Millionen anderer Realität war. Und immer noch ist.

Wie gesagt, ich schlummere schnell ein und sinke sogar in tiefen, erholsamen Schlaf. Allein deswegen bin ich froh, professionelle Hilfe zu haben. Das hat viel Druck von mir genommen. Als ich wieder wach werde, ist es schon Zeit für das Abendessen. Nicht ärgern, dass du was vom Tag verpasst hast. Haste ja nicht. Du hast nur was anderes erlebt: Guten Schlaf. Hätteste weitergemacht wie bisher und wie blöde gepowert, hätteste morgen umso teurer dafür bezahlt. Es ist OK, wenn du KO bist…

Speisen in in historischen Gebäuden

Und jetzt, nach einer leckeren Pizza Margherita zum Abendessen und einem leichten, unaufgeregten Spaziergang mit ein paar frisch geknipsten Fotos bin ich jetzt hier auf dem Ponton im Sandtorhafen der HafenCity. Schreibe Tagebuch. Schaue zu, wie hinter der Elbphilarmonie die Sonne untergeht. Höre dem glucksenden Wasser zu. Es ist der Loriot-Moment des Tages: Ich will einfach nur hier sitzen.

Zugang zum Ponton…
… im Sandtorhafen der…
…HafenCity
Letzte Ausblicke von der Hafenfähre…
… auf dem Weg zurück ins Hotel.
Der neue „Halunder Jet“ ist auch von Helgoland zurückgekehrt.

Und morgen geht’s dann mit neuen Kräften in einen neuen spannenden Tag.

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