Aretha, Amerigo und ein bisschen Arbeit

Reisetagebuch 2018 – Teil 5

Hamburg – Donnerstag, 16.08.2018 – morgens im Hotel

Was für eine Ungerechtigkeit. Da wirst du morgens wach und hörst als erstes in den Radionachrichten, dass Aretha Franklin tot ist. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, bekommst du drei Minuten später den neuesten Schlager der Saison von irgendeinem deutschen Sangesternchen um die Ohren gehauen und damit erstmal so richtig vorgeführt, mit welcher Lücke wir zurückgelassen werden. Im Hintergrund hörst du dabei den großen Vinylius – oder wer immer der Schutzpatron der Popmusik ist – grausam lachen.

Was ist das bloß wieder für ein appeldwatscher Text? Sich lebensunfähig in blinden Eskapismus flüchtend, wollen da welche dorthin rennen, wo niemand ihre Namen kennt – aber drei Zeilen später wollen sie Legenden sein. Setzt das nicht einen Namen voraus? Okay, man kann natürlich auch als Junge mit Klampfe und Arztwartezimmerlyrik zur Legende werden. Dann steht man halt in einer Reihe mit anderen Leuten, deren bürgerliche Namen nicht so wirklich bekannt sind: Der Würger von Boston – Der Schleifer von Paris – Der hustende Henker…  Tscha, wer’s für erstrebenswert hält…

Ach, nee, komm. Draußen ist der schönste Himmel seit du hier angekommen bist – da musst du nicht rumsitzen und dich über einen der unlogischsten deutschen Texte seit Nachtexpress nach St. Tropez mokieren. St. Tropez hat bekanntlich keinen Bahnanschluss, und der Texter hat 1962 bestimmt noch nicht daran gedacht, dass das Lied irgendwann mal als Jingle geeignet sein könnte, um Werbung für Flixbus… Schluss jetzt! Raus hier!

vormittags – Hafenfähre, Linie 62 zwischen Landungsbrücken und Övelgönne

In dem weißen Haus mit den Balkonen liegt die dank Ina Müller wohl bekannteste Kneipe Deutschlands: Der Schellfischposten

Mensch, ich sitze endlich auf der Hafenfähre. Kaum zu glauben, dass das noch geklappt hat. Vier Hafenfähren habe ich betreten – und sofort wieder verlassen, weil das Bord-WC außer Betrieb war. Sehr merkwürdig, sowas kenne ich von den Schiffen gar nicht. Im Gegenteil, ich habe die Bordtoiletten trotz ihrer starken Beanspruchung stets sauber und problemlos nutzbar vorgefunden. Da bin ich von den ÖPNV-Sch***häusern im Ruhrpott viel Schlimmeres gewohnt.

Normalerweise bin ich bei sowas ja nicht so pingelig, aber was verläuft schon normal, wenn man zu jenen gehört, die aus gegebenem Anlass täglich Medikamente nehmen müssen? Ich werde derzeit auf eine andere Dosis eingestellt, und das hat während der Eingewöhnungsphase die „wunderschöne“ Nebenwirkung, dass der Bedarf einer Toilette sich recht überfallartig und obendrein sehr dringlich meldet. Dabei dann ohne schnell erreichbares WC fast eine halbe Stunde über die Elbe schippern? Gar nie nich! In dem Punkt bin ich derzeit regelrecht neurotisch und habe dadurch ein schönes Thema für die nächsten Sessions bei meinem Therapeuten.

Klar, ich bin somit in meinem Aktionsradius eingeschränkt. Der zum festen Programm gehörende 14-km-Elbuferspaziergang vom Falkensteiner Ufer bis zu den Landungsbrücken ist dieses Jahr definitiv nicht drin. Trotzdem ist es ein Quantensprung für mich, weil die Medis mir die diesjährige Reise überhaupt erst möglich machen. Warum sollte ich mich also beschweren? Wie auch im letzten Jahr gilt: Ein altes Motto vom letzten Jahr lässt sich auch wieder aufgreifen: Nützt ja nix! Und was haben die Altvorderen immer gesagt, wenn man sich als fünfjähriger Buttscher mal wieder das Knie aufgeschlagen hatte und heulend sein Leid klagte? „Bis zur Goldenen Hochzeit denkst du da gar nicht mehr dran.“ Eben!

Tscha, und jetzt sitze ich mit der Elbmeile halt auf der fünften Fähre des Tages, die mich dann auch endlich nach Övelgönne bringt. Irgendwie kriegt man eben alles hin.

Kreuzfahrtterminal und Dockland-Haus
Neues Leben im alten Holzhafen

späte Mittagszeit – Hafenfähre, Linie 62 von Övelgönne nach Finkenwerder und zurück zu den Landungsbrücken

Mann, was habe ich ein Glück – ich erwische wieder die Elbmeile und muss nicht befürchen, noch einmal fröhliches Fährschiffbingo spielen zu müssen. Bevor ich an Bord gegangen bin, habe ich allerdings erstmal einen Zehner (soviel hat mich letztes Jahr auch der Einlass in das Museum für Hamburgische Geschichte gekostet, also ein ortsüblicher Obulus) in die alte Kompasssäule auf dem Fähranleger geschmissen. Die gehört zum Museumshafen, und eine Hinweistafel erklärt, dass sie als Spendendose gedacht ist. Der Museumshafen wird ehrenamtlich betrieben und alles kann kostenlos bestaunt werden. Okay, man kann die schwimmenden Exponate nicht betreten und live von innen besichtigen, aber dieses schöne Ensemble mit Schiffen vom alten Ewer bis zur Lotsenbarkasse und dem großen Dampfeisbrecher will auch als reine Außenansicht erhalten werden; da kann man ruhig sein Scherflein beitragen. Ich bin offensichtlich der Einzige, der das so sieht. Dass da jemand vor mir nur einen einzigen Cent reingeworfen hat, ist echt ein Schlag ins Gesicht jener, die sich soviel Mühe mit dem Museumshafen geben. Tja, der gemeine deutsche Tourist will eben sein Hamburg für 5.000 € erleben, aber bloß nicht mehr als 5 € dafür bezahlen.

Nur nicht aufregen.

„Ich war schon drin – bis zu den Füßen / Und möchte von der Ostsee grüßen“ – diese Postkarte mit einem lütten Buttscher, der sich tapfer den heranrollenden Ostseewellen stellt, haben wir früher bei den Familienurlauben am häufigsten verschickt. Ersetzt man „Ostsee“ durch „Elbe“, passt es zum just erlebten Vormittag.

Im Museumshafen Övelgönne…
… in dem es viel zu sehen gibt.

Erstmal den Teil mit der Kamera abhaken. Mal nur Schnappschüsse mit dem Ackerschnacker, mal gezielte Motivsuche mit der Spiegelreflex. Das aktuelle Manuskript „in der Mache“ soll ein Haus hier am Elbstrand als zentralen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte haben. Natürlich gibt es nicht das eine Haus, das alle Anforderungen für meine Story erfüllt. Also sichte ich die Fotos später am Schreibtisch und setze die Location für die Story dann aus verschiedenen Komponenten zusammen, die in der Realität verdammt weit auseinander liegen können. Der Elbuferweg von Övelgönne bis zum Falkensteiner Ufer hinter Blankenese ist ja nur bummelige zehn Kilometer lang. Das Haus an Fotostandort A kombiniere also ich mit dem Elbblick von Fotostandort B, dem Vorgarten von Fotostandort C, dem wunderschönen Rhododendron von Fotostandort D, dem Flaggenmast von Fotostandort E etc. und schaffe so das perfekte Haus für die Story. Wobei ich mich heute nur auf den Teil zwischen Övelgönne und dem Findling Der Alte Schwede bei Schröders Elbpark beschränke. Dieses Areal gibt wirklich genug her.

Das Elbufer…
… und sein Hinterland…
… präsentiert sich…
… mit vielfachen…
… bunten…
… und abwechslungsreichen…
… Ansichten.

Außerdem soll der Tag mit dem bislang schönsten Wetter mehr Urlaub als Arbeit sein. Irgendwann bleiben beide Kameras dann auch in der Tasche. Einmal barfuß am Elbstrand lang bis zum Café bei Schröders Elbpark und zurück. Und da, wo keine Steine den Weg ummöglich machen, lasse ich mir natürlich das Elbwasser um die Füße spülen. Weil’s so schön war, drehe ich kurz vor der Strandperle wieder um und laufe das gleiche Stück noch mal auf und ab.

Flüchtige Fußspuren von anderen zeigen…
… dass nicht nur ich mir gerne das Elbwasser um die Füße spülen lasse.

In einer Großstadt sein und doch Meeresfeeling. Geht’s noch perfekter? Nicht nur die Lunge freut sich, auch der Kopf wird so richtig durchgepustet. Hier gelingt es mir mal, komplett loszulassen und meine Gedächtnishalle so frei wie schon lange nicht mehr zu bekommen.

früher Abend – Ponton Sandtorhafen

Ist das ruhig hier auf der Bank dicht bei dem alten Segelkutter. Nur ein paar Hafengeräusche, die der Wind von Steinwerder und dem Kleinen Grasbrook rüberweht. Aus einer der Wohnungen in dem schicken neuen Apartmenhaus hinter mir hört man Musik. I say a little prayer for you…

Da nimmt wohl noch jemand anders wehmütig Abschied von der Queen of Soul.

Schon gediegen: Obwohl sich die HafenCity quasi täglich mit mehr und mehr Leben füllt, geht es an einigen Stellen in 1a-Lage dennoch verdammt sinnig un suutje zu. Klar, die Elbphilharmonie schöpft jetzt den Rahm der Besuchermassen ab, trotzdem sollte man meinen, dass in so einem spannenden neuen Quartier alle Ecken ihren gerechten Anteil abbekommen. Tscha, tatsächlich sitzen außer mir hier auf dem Ponton höchstens noch zehn weitere Menschen auf den nur wenige Meter entferntliegenden Magellan-Terrassen. Die Überzahl der großzügig vorhandenen Sitzgelegenheiten ist frei.

Im Kontrast dazu muss festgestellt werden: Dafür, dass die Cap San Diego locker zu den zehn meistbesuchten Touristenattraktionen der Stadt gehört, gibt es in ihrem unmittelbaren Dunstkreis, sprich: direkt auf dem Ponton der Überseebrücke, verdammt wenige Möglichkeiten, sich zwecks Pause niederzulassen, ohne eine Eintrittskarte für den Weißen Schwan des Südatlantik lösen zu müssen. Von der Rumstherei beim Warten tun mir meine Treter fast noch mehr weh als von der ganzen Lauferei heute. Das waren doch bestimmt auch wieder rund achtzehn Kilometer. Aber das Warten auf das maritime Highlight dieser Woche hat sich gelohnt: Das italienische Segelschulschiff Amerigo Vespucci hat sich vor traumhafter Wetterkulisse schöner für uns interessierte Fotografen in Szene gesetzt als Gina Lollobrigida zu ihren besten Zeiten für die Paparrazzi. Auch wenn sie beim Anlegen von einem Schlepper unterstützt wurde, konnte man hier noch wirklich traditionelle Seemannsarbeit erleben.

Der maritime Star dieser Woche,…
… die „Amerigo Vespucci“ aus Italien.

Schade, dass sowas nicht mehr so gefragt ist. Ich hätte echt sowohl mit mehr echten Schiffsfans gerechnet als auch mit Touris, die einfach „nur mal gucken“ wollten. Aber richtig viel Aufsehen hat die Amerigo nicht verursacht. Aber morgen, wenn „die Dicke aus Southampton“, also die Queen Mary 2, sich zum zweiten Mal in nur sechs Tagen hier breit macht, kennt die Begeisterung wieder keine Grenzen. Aber ischa auch egal, näch? Jedem sei das, was ihm am besten gefällt, von Herzen gegönnt.

Von meiner Fotoausbeute bin ich jedenfalls mehr als begeistert. Vor allem die von heute Vormittag. Da waren wirklich Motive bei, die sofort eine ganze Szene fürs Manuskript in mir getriggert haben. Hatte ich schon lange nicht mehr. Vor allem die Heimwehgärten haben es mir angetan. Das sind diese Vorgärten, die durch den Fußweg Övelgönne und Hans-Leip-Ufer von den jeweiligen Häusern getrennt sind. Die meisten sind richtig toll zurechtgemacht und absolut einladend. Aber da waren auch zwei oder drei bei, die regelrecht verwildert waren. Dabei sahen die zugehörigen Häuser nett und adrett aus. Warum waren die Gärten nur so verlottert? Will ich gar nicht wissen. Da spinne ich mir lieber selber was zurecht. Ich habe auch schon eine vage Idee, was das sein soll…

Abendstimmung im Sandtorhafen

So, und was stelle ich jetzt noch mit meinem letzten Abend hier an?

Gar nicht mehr so viel, würde ich sagen. Ich bringe jetzt meine Tasche mit Kamera, Reisetagebuch und so weiter ins Hotel, und mache mich dann auf einen letzten großen Spaziergang durch meine Stadt, in der jetzt bald langsam die Sonne untergeht.

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