In Hamburg sagt man „Tschüß“

Reisetagebuch 2018 – Teil 6

Intercity 2213 Hamburg -> Dortmund, zwischen Bremen und Osnabrück – Freitag, 17.08.2018 – am Nachmittag

Wenn sich da mal nicht ein Kreis schließt. Der Urlaub endet, wie er auch begonnen hat: Geänderte Waggonreihenfolge, aufgehobene Sitzplatzreservierungen, und wieder habe ich meinen bei der Buchung eigens auf dem Waggonplan rausgesuchten Einzelplatz nicht bekommen. Stattdessen teile ich mir ein 1.-Klasse-Abteil mit fünf anderen Reisenden, die von der nicht funktionierenden Klimaanlage genauso „begeistert“ sind wie ich. Aber unsere Konstellation passt: Statt wie so viele andere auf dem Gang und in den angrenzenden Abteilen über Dinge rumzunölen, die sich sowieso nicht ändern lassen, üben wir uns in Humor, scherzen und unterhalten uns überhaupt ganz passabel miteinander.

Obwohl meine Mitreisenden deutlich mehr Gepäck haben als ich, liegt mein Koffer zwar etwas gequetscht, aber immerhin im Gepäckfach über mir und ich muss ihn nicht ständig im Auge behalten, weil er draußen auf dem Gang steht. Ab Bremen entspannt sich die Lage merklich, denn zwei Reisende steigen dort aus und ich bleibe nur mit einer älteren Dame und alleinreisenden Teenager zurück. Dem letzten in unserem Bunde wurde es schon kurz hinter Harburg zu eng. Er verschwand im Bistrowagen und kommt jetzt nur zwischendurch kurz zurück um zu checken, ob sein Gepäck noch da und sein Platz nicht von jemand anderem besetzt wurde. Sein Atem riecht jedes Mal ein bisschen mehr nach Bier. Wohl bekomm’s!

Ich hatte meinen Koffer gestern schon gepackt, also konnte ich – 15 € Extrasalär für das Spätauschecken bis 14 Uhr sei Dank – den heutigen Vormittag frei gestalten. Einfach nochmal entspannt irgendwo ’nen Kaffee mit Alsterblick trinken, am Hafen Schiffchen gucken und natürlich die Reiselektüre besorgen. Dann mal tschüß!

„Gleich werde ich noch katholisch!“, hat Tante Martha von der Uhlenhorst früher immer gesagt. Das bedeutete Alarmstufe rot, Tante Martha wird langsam füünsch, und gleich ist Schluss mit lustig! Denn bei vielen der vorrangig protestantischen Ur-Hanseaten – auch jenen, die der Krieg nach Wilhelmshaven verschlagen hat – bedeutet „kathoolsch“ sein nur sekundär, diesem Glauben anzugehören. In der Hauptsache steht es für „verrückt, wunderlich sein“. Oder eben auch so richtig in Rage zu sein.

Auf einige Leute, die man so im Dunstkreis des Hamburger Hauptbahnhofes findet, könnte alles drei zutreffen. Jedenfalls lässt ihr fanatisches und nicht immer den Gesetzen der Logik folgendes Auftreten diese Idee durchaus zu. „Jauchzet, frohlocket“ und „Frohe Botschaft“ hatte ich mir immer anders vorgestellt. Das hier hat was von ausgewachsenen Wutanfälllen. Selbst wenn ich vorhätte, mir einen imaginären Freund zuzulegen – damit, dass man mich so ankeift, könnte man mich jedenfalls nicht dazu bewegen, mich ausgerechnet diesem Fanclub anzuschließen. Die nur stumm dastehenden Hinhalter von Druckerzeugnissen mit ihrem festgetackerten Grinsen sind nicht minder gruselig. Die haben auch ohne Ballons in der Hand sowas Kingeskes (Stephen King als Namensgeber des Äquivalents zum „Kafkaesken“).

Erstmal runter zum Viertel um den Sprinkenhof. Gestern Abend hatte ich nicht nur plötzlich Lust, mal wieder eine Schauergeschichte zu schreiben, mir kam sogar gleich eine passende Idee dafür. Darum musste noch eine kleine Lokalrecherche auf die Schnelle her. Der Weg dorthin führte über den Johanniswall, vorbei an den City-Höfen. Zugegeben, schön sind diese Hochausklötze nicht, aber als wichtiges Zeugnis deutscher Nachtriegsarchitektur halte ich sie für unersetzlich. Schade, dass sie Neubauten weichen sollen und man dafür wieder mal den Denkmalschutz und sogar die Warnungen der UNESCO, den Weltkulturerbestatus zu verlieren, ignorieren will.

Morgens um kurz vor acht ist das Umfeld der City-Höfe ein einziges Gewusel. Die Pendler aus Hamburg und umto, also dem Umland, kommen an. Einige laufen direkt vom Hauptbahnhof ins Kontorhausviertel und rüber in die Speicherstadt, andere kommen an den Stationen Steinstraße und Meßberg wie Ameisen aus dem Untergrund gekrabbelt. Ich bin immer mucksch, wenn ich in so eine morgendliche Menschentraube gerate. Vor ein paar Jahren wäre der sehnlichst erhoffte Absprung aus meiner Nemesis, dem Ruhrgebiet, beinahe geglückt und ich wäre selbst Teil dieser Traube geworden: Beim alten Arbeitgeber auf die intern ausgeschriebene Stelle beworben, bekommen, Versetzung und Umzug in die aktive Vorbereitungsphase überführt, sogar schon auf Wohnungssuche gewesen. Eine Wohnung in Barmbek hätte es werden sollen. Rübenkamp, oberste Etage mit Blick auf die U3-Strecke in Richtung Wandsbek-Gartenstadt. Fünf Minuten Fußweg bis zum Stadtpark, acht Minuten zum Freibad Stadtparksee… Tja, und dann hat der oberste Boss unseren Konzern an die Wand gesetzt, und ich als Teamjüngster fand mich plötzlich als Teil der im Sozialplan erwähnten Quote an zu entlassenden Mitarbeitern wieder. Abfindung wegen zu kurzer Zugehörigkeit zu lächerlich, um damit trotzdem Umzug zu wagen. Alle Signale auf rot, Vollbremsung und atschüß, Leben in der Heimat statt im Exil…

Komisch, dass mir das jetzt beim Schreiben während der Zugfahrt in den Sinn kommt. Vorhin in der Situation an sich war ich ja mit was ganz anderem beschäftigt. Wahrscheinlich ist es ein reines Ablenkungsmanöver meiner Gehirnwindungen, damit ich mich nicht weiter in der Denksportaufgabe hier aus dem Zug verbeiße!

Erkenntnis dieser Fahrt ist nämlich: Ich sollte gelegentlich auch mal deutsches TV gucken statt mich nur auf BBC One und Two zu beschränken. Es ist es frustrierend, in der 1. Klasse vom Zug jemandem gegenüber zu sitzen, von dem du genau weißt, dass du ihn in der Vergangenheit mehrmals im Glotzkasten gesehen hast, ihn aber dennoch partout nicht genauer einsortieren kannst… Zu fragen trauste dich natürlich auch nicht, weil 1 % deines Inneren dir sagt: Und wenn du nun falsch liegst? Man will sich ja nicht zum Gespött des ganzen Zuges machen, näch?

Ein heimliches Foto von dem Mitreisenden traue ich mich nicht zu machen – also reiche ich in meinem Inner Facebook Circle eine Beschreibung herum. Zuerst ganz vage: „Der sieht so öffentlich-rechtlich aus. Tendiere zu diversen Gastrollen in sowas wie dieser Pinguin… äh, Nonnenserie oder die Anwaltsserie mit der Schauspielerin, die auch den Bremer Tatort macht.“

Später wird’s konkreter: „Er sieht aus wie der junge Peter Sattmann, spricht wie Christoph Maria Herbst, hat einen Humor wie Markus Barth – MARKUS sagte ich, nicht der andere… bäh! – und von der Stimme her könnte er Hannes Jaenicke sein.“

Mit solch schwammigen Angaben direkt aus der Schwärmereienwerkstatt für Backfische kann natürlich kein Mensch arbeiten, ergo kommt die Schwarmintelligenz nicht mit der erhofften Lösung um die Ecke. So’n Schiet ook! Mr. Unbekannt ist leider schon in Bremen ausgestiegen, somit kann ich auch nicht mehr nach weiteren Hinweisen in seinem Aussehen und Gebaren suchen. Ich komme einfach nicht drauf, wer er ist.

UND DAS MACHT MICH WAHNSINNIG, weil mein Gehirnkasten offene Fragen nicht loslassen kann. Mal sehen, ob ich heute Nacht überhaupt die Ankerklüsen dicht bekomme. Notfalls versuche ich mal wieder, Goethes Totentanz (Realschule, 5. Klasse, Deutsch bei Herrn W.) zusammenzukriegen, darüber penne ich regelmäßig ein.

abends – in Dortmund, auf unserem Balkon

Im Zug weiterschreiben ging nicht mehr – die ältere Dame brauchte ein bisschen Aufmerksamkeit. Sie war eine wirklich charmante Person, ein bisschen so wie Miss Marple, wenn sich umständlich, schwatzhaft und leicht zerstreut gibt. Nur dass es bei Miss Marple halt Tarnung und nicht echt ist.

Jedenfalls war die Dame aus Ribnitz-Dammgarten auf dem Weg zum Besuch bei ihrer Enkelin und musste in Dortmund nach Schwerte umsteigen, wie ich erfuhr. Obwohl sie die Strecke schon ein paarmal gefahren ist, findet sie den Dortmunder Bahnhof unübersichtlich und hektisch (kein Einspruch von meiner Seite). Fünf Mal hat sie mir ihre Reiseunterlagen hingehalten und sich von mir erklären lassen, wie sie von Gleis 20 zu Gleis 5 kommt. So hat das keinen Sinn, merkte ich irgendwann, und als wir in Dortmund ausstiegen, musste mein Mann seine Wiedersehensfreude erstmal zügeln, bis wir die Dame samt Gepäck quasi als Begleitschutz in den Regionalexpress nach Schwerte verfrachtet hatten.

Von Hamburg bleibt ohnehin nicht mehr soviel zu erzählen. Der letzte Vormittag plätscherte ebenso genussvoll wie ereignislos dahin. Nur im Hotel wurde es nochmal spannend. Ich stand gerade vollkommen nackt im Zimmer und wollte duschen gehen, als es trotz Bitte nicht stören‑Schild an der Tür klopfte. Bademäntel gehören in meiner Zimmerkategorie nicht zum Service, also Badelaken um die Hüften geschlungen und gebetet, dass es mir nicht runterfallen möge. Vorsichtiges Spicken durch die halb geöffnete Tür. „Entschuldigung, aber wir müssen Sie leider darauf hinweisen, dass Sie den Ausschecktermin versäumt haben.“

Hektischer, leicht panischer Blick zur Uhr. Verwirrung. „Wieso? Es ist doch erst Viertel vor eins? Ich hab‘ doch Spätausschecken gebucht.“

Verlegenheit auf der anderen Seite. „Das ist uns wohl nicht übermittelt worden.“

Ja, un wenn de Buuer nich swimmen kunn, is de Badebüx doran schuld, näch? Ich vermute nämlich ganz stark, dass da einfach nicht vernünftig gelesen wurde. Die beiden jungen Damen haben heute morgen schon bei den Frühauscheckern schon alles durcheinander gebracht. Einem Touri, der nach Bad Segeberg will, rät man jedenfalls nicht zum Zug auf der Strecke Hamburg – Husum – Westerland!

Ich konnte mich also in aller Ruhe fertig machen, um zehn vor zwei habe ich ausgescheckt. Rüber zum Bahnhof, noch ein zusätzliches Buch für die Fahrt gekauft (das ich dann nicht gebraucht habe – siehe oben), und ab in den Zug.

Resümee: Auch wenn ich immer noch gesundheitliche Einschränkungen habe, ist Hamburg 2018 deutlich besser gewesen als Hamburg 2017. Ich konnte meine Heimatzeit vollkommen genießen. Natürlich ist da noch Luft nach oben, z. B. möchte ich beim nächsten Heimatbesuch einen deutlich größeren Aktionsradius haben und nicht wie in diesem Jahr diese merkwürdige Elbdampferlotterie spielen müssen. Aber ich bin da ganz zuversichtlich: Das wird.

Was vom Urlaub übrig blieb: Arbeit für die Waschmaschine und Lesefutter für den Reisenden.

 

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