Ruf doch mal an

Mein Mann (oder wie ich ihn bisweilen nenne: der Erbschleicher) und ich kloppen uns ja immer, wer länger mit meinem alten Herren telefoniert. Ischa schon komisch, näch: Mein Dad telefoniert eigentlich nicht gerne, aber im Schnack mit meinem Mann wird er plötzlich sabbelig!

Wie dem auch sei – gerade bei einem neuerlichen „Disput“ ( 😉 ) verquasselt mein Mann sich und sagt: „Was willst du denn mit deinen lächerlichen drei zweiundvierzig? Das letzte Mal habe ich acht Euro mit ihm gesprochen!“ Gemeint waren natürlich Minuten.

Hab das mit den acht Euro spaßeshalber mal umgerechnet… Das Gespräch fand vor 18 Uhr statt. Also kickte der Mondscheintarif noch nicht rein. Okay, das werden einige Leser jetzt nicht mehr kennen – das war bis vor rund 30 Jahren so eine Art Flatrate, die nur in der Nacht galt.

An Werktagen zwischen 6 und 18 Uhr kostete ein Telefonat im eigenen Ort dreiundzwanzig Pfennige pro angefangene acht Minuten. Endlostelefonate, wie sie heute jeder Teenie mit seinem Handy führt, waren somit für uns nicht mal denkbar. Wir haben ja schon strafende Blicke bekommen, wenn wir nur mit der Bitte „Maaaamaaa?! Kann ich gleich mal kurz bei Tobias anrufen? Ich habe vergessen, was wir in Mathe aufhaben“ aus der Schule kamen. „Aber mach bloß nicht so lange!“, lautete dann auch prompt die Warnung, noch bevor wir den Finger an der Wählscheibe (wie ’ne Tastatur, nur in rund) hatten. Und wenn man dann Tobias (oder Heiko, Max, Peter oder auch mal Sabine, weil die die besten Noten in Erdkunde hatte) an der Strippe in der Leitung hatte, kam man sich vor wie einmal im Monat am Donnerstagabend bei Hänschen Rosenthal: „Sie habne sechzig Sekunden Zeit. Dalli… Dalli!“ Zugegeben, da gab es gewisse Unterschiede: Bei uns gab es keinen Abzug für Doppeltes im Vokabular, kein Umrechnen in Schilling und erst recht kein „Sie sind der Meinung: Das war… SPITZE!“ für besonders gute Leistungen. Wenn unser alter Herr in die Luft ging, dann höchstens, weil die letzte Telefonrechnung wieder mal höher ausgefallen war als vom Budget zugelassen. So mancher verzweifelte Vater schraubte dann auch schon mal heimlich das allgemein übliche Schild aus der nächstgelegenen Telefonzelle ab und hängte es über dem eigenen Telefon auf: Fasse dich kurz!

Von 18 Uhr abends bis 6 Uhr am nächsten Morgen, am Wochenende und an Feiertagen ganztägig, galt dann der von Herrn Bundespostminister Gscheidle eingeführte Mondscheintarif und ein Gespräch kostete einmalig 23 Pfennige – egal, wie lange es dauerte. Meine Mutter und ihre beste Freundin haben es darin zu wahren Höchstleistungen gebracht. Wenn sich mal die Gelegenheit für einen langen, ungestörten Schnack ergab, die beiden aber nicht aus dem Haus konnten, weil beide Männer auf Nachtschicht waren, wir (hoffentlich) schlafenden Kinder aber nicht allein bleiben konnten, wurde halt telefoniert. Da wurde auch schon der Mondscheintarif auch schon mal von der ersten bis zur letzten Minute ausgenutzt.

Wo war ich denn jetzt stehen geblieben? Ach so, ja – ich hatte umgerechnet. Mein Mann wollte also für 8 Euro telefoniert haben. Die Kalkulation dazu lautete also 8 Euro = rund 16 Mark geteilt durch 23 Pfennig alle acht Minuten…

Nee! Auf gar keinen Fall! So lange quatscht mein Mann dann doch nicht mit meinem Vadder. Trotzdem isser ’n Erbschleicher – und ich fühle mich gerade sehr alt, weil ich mich noch an Herrn Bundespostminister Gscheidle und seinen Mondscheintarif erinnere.

 


Hinweis: Die Titelgraphik dieses Beitrags stammt aus dem Pool frei verwendbarer Bilder von Pixabay und befindet sich unter dem Vermerk CC0 der Creative Commons in der Public Domain.

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