Blick zurück in Zuversicht

Es heißt doch, je älter man wird, desto mehr besinnt man sich auf die Kindheit zurück. Aus eigener, unlängst gemachter Erfahrung kann ich dazu nur eins sagen:

Stimmt.

Vor ein paar Tagen habe ich nämlich meinem Mann den Rücken mit einer Salbe eingerieben und kam mir angesichts des dem schmerzlindernden Balsam entströmenden Odeurs plötzlich wieder vor wie vor *nuschelnuschel*-zig Jahren in der Grundschule: Fröhliches Schnüffeln an den spiritusgetränkten Arbeitsblättern aus dem Matritzendrucker! Und liebe Generationsgenossen – erzählt mir nicht, dass ihr das nicht auch so gemacht habt! Fast schon ein Wunder, wie wir 70er-Kinder diese Zeit überlebt haben – das ganze ungesunde Zeugs und so, näch?

Gleichzeitig soll das ja mit dem Kurzzeitgedächtnis so bannig bergab gehen. Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Ich kann mich noch an soviel… zu viel aus der jüngeren Vergangenheit dieses Jahres 2018 erinnern, dass ich die genannte Volksweisheit als ad absurdum geführt betrachte.

Um nochmal auf die Sache mit der Grundschulzeit zurückzukommen: Was waren das damals noch für Winter! Gut, in mein letztes Kindergartenjahr fiel noch der Katastrophenwinter 1978/1979, bei dem beispielsweise die Verwalter unserer Ferienwohnung an der Ostsee so eingeschneit wurden, dass die Bundeswehr sie mit dem Panzer befreien musste. Das war  zugegenermaßen etwas zuviel des Guten. Gleich im ersten Grundschuljahr dann aber: Mittags nach Hause kommen, Hausaufgaben machen und dann so schnell wie möglich raus: Mit dem Schlitten den nächsten Hügel runter. Schneeengel machen. Schneeballschlachten. Schnee in Becher füllen, etwas von Tante Trudes selbst eingekochtem  Brombeersirup drüberkippen und das Ganze dann löffeln (Slush-Eis ist was für Weicheier). Bis weit nach Sonnenuntergang waren wir weg, und selbst dann waren wir nur unter Androhung der Ausübung elterlicher Autorität an den Abendbrottisch zu bekommen. Später dann lange Waldspaziergänge mit der ersten Liebe – natürlich ebenfalls von einer Schneeballschlacht begleitet.

Und heute? Schaue ich an mir runter, entdecke, dass meine Brustbehaarung mich durchaus qualifiziert, in schwulen Kreisen mit der entsprechenden Terminologie als „Bär“ durchzugehen, und frage mich, warum ich mich dann, bitte sehr, nicht auch zum Winterschlaf zurückziehe. Bloß nix mitkriegen von dieser verschissenen Zeit zwischen O(ktober) und O(stern). Wo andere sich über die „Zuckerwatte“ oder den „Puderzucker“ auf Feld und Flur freuen, sehe ich nur das weiße Leichentuch, das alles Lebendige und Farbige frisst. Stichwort Winterdepression. Gerade die Schlechtwettertage ohne einen Funken Sonne werden zur Belastungsprobe. Da  reichen Trivialitäten aus, um einen grundlos losflennen zu lassen. Bei mir war’s am letzten Wochenende das Uralt-Chanson Un banc, un arbre, une rue von Séverine.


Wichtig:

Falls du unter Depressionen leidest und dich Suizidgedanken verfolgen, gibt es bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den Hotlines 0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 rund um die Uhr Hilfe. Diese Anrufe sind kostenlos und anonym. Gespräche, die zu diesen Rufnummern aufgebaut werden, tauchen auch nicht im Einzelverbindungsnachweis der Telefonrechnung auf. Vertrau dich auch deinem Arzt an!


Keine Sorge, es wird in diesem Text nicht ausschließlich um dieses deprimierende (ha-ha-ha) Thema gehen. Da kommen noch andere, entspanntere Betrachtungen. Trotzdem sag ich’s euch, Kinners: Wenn man mit der Diagnose „Depression“ herumläuft, ist das per se kein Zuckerschlecken. Legt sich da noch ’ne Winterdepression daruf, wird’s richtig drollig. Seit obendrein ein paar Streiche des Schicksals mich und meine Lieben in der zweiten Jahreshälfte durchgeschüttelt haben, blüht das Ganze wie ein frisch gebundener Strauß Feldblumen. Es haben sich ein paar fiese alte „Kumpel“ dieser Erkrankung zurückgemeldet, vor denen ich zweiundzwanzig Jahre meine Ruhe hatte: Panikattacken.

Beispiel gefällig? Seit ein paar Wochen ist es mir an schlechten Tagen nahezu unmöglich, in eine Straßenbahn zu steigen. Sobald sich die Türen hinter mir schließen, kenne ich nur noch zwei Gedanken:

1: Du bist hier gefangen.

2: Raus hier, und zwar schnellstens – sonst stirbst du allein von diesem Gefühl der alles überrollenden Panik.

Das lässt sich keinem gesunden Menschen schlüssig erklären, das ist mir absolut klar. Als Patient kann man sich schließlich selbst kaum einen Reim darauf machen, warum eine alltägliche Handlung, die man zu beschwerdefreien Zeiten mehrere tausend Male ohne Probleme hinter sich gebracht hat, plötzlich eine schier unlösbare Aufgabe sein soll. Aber Zahlen sind ja immer eine ganz eindrucksvolle Illustration: Mein erster Neurologe vor über zwanzig Jahren hat mir mal vorgerechnet, dass man während einer fünfzehn Minuten dauernden Panikattacke einen Kalorienverbrauch wie ein Bauarbeiter an einem achtstündigen Arbeitstag durchmacht. Vielleicht gibt es da inzwischen aktuellere Zahlen und neue Berechnungsmethoden, aber ich finde diese Rechnung immer noch beeindruckend. Und genau solche Anomalien machen es ja zu einer Krankheit, näch? Ansonsten bräuchte man keine Hilfe in Anspruch nehmen.

Diese bekomme ich glücklicherweise. Die Suche nach einem geeigneten Therapeuten, der obendrein freie Therapieplätze im Angebot hatte, war die übliche Odyssee durch Wartelisten, die man in tausend Fernsehberichten und Zeitungsartikeln mitbekommen hat. Nie aufgeben, so schwer es auch manchmal sein mag! Denn letzlich war die Mühe erfolgreich, und ich kann mich über meinen Therapeuten überhaupt nicht beschweren.

So eine Erkrankung kann einen ganz schön beuteln – es gibt Tage, da ist schon der Weg ins Lieblingscafé drei Haustüren weiter längs ein Ding der Unmöglichkeit. Da kommen Heulkrämpfe aus heiterem Himmel. Da hast du das Gefühl, dass dein Aktionsradius stetig kleiner zu werden scheint. Und da gibt es noch einiges mehr, das ich nicht mal meinem ärgsten Feind an den Hals wünsche. Doch mit meinem Therapeuten arbeite ich daran. Und wir arbeiten gut daran. Erfolgreich. Die Gespräche sind ein anstrengender, aber auch ebenso spannender wie lehrreicher Weg zur Krankheitsursache und damit zur erfolgreichen Behandlung. Wir erarbeiten Übungen. Das hilft mir. Es bringt mich voran auf dem Etappenlauf zur Beschwerdefreiheit. Jeden Tag ein bisschen besser. In Trippelschritten, kleiner als die einer altgedienten Geisha. Aber voran. Und das ist es, was zählt.

Denn eins weiß ich: Diese Krankheit will mir was wegnehmen, das ich ums Verrecken nicht hergeben will. Und ich werde es nicht hergeben. Dafür habe ich noch viel zuviel vor. Um die geschätzte Agatha Christie zu zitieren: „Ich lebe gerne. Ich habe mich manchmal wild, verzweifelt und akut elend gefühlt, von Sorgen zerfressen, aber durch all das hindurch weiß ich immer noch ganz sicher, dass es einfach großartig ist, nur am leben zu sein.“

Genau deswegen lohnt es, sich Hilfe zu suchen, und ich kann jedem Betroffenen nur ausdrücklich dazu raten.

Zum Leben gehören natürlich auch die kleinen Ereignisse, die selbiges schöner machen. Von meinem jährlichen Hamburg-Trip habe ich schon erzählt, das muss ich hier nicht nochmal in epischer Breite auftauchen. Aber sich einfach nochmal dran zu erinnern, lässt einen realisieren, dass das Jahr nicht durchgängig kompletter Murks war. Es gibt immer noch Positives zu berichten. Ich habe dank eines Freundes, dem ich nicht genug dafür danken kann, eines meiner Lieblings-Theaterstücke endlich live gesehen. Freunde von uns haben ihr zweites Kind bekommen, und es ist so schön, ein neues Leben willkommen zu heißen und aufwachsen zu sehen. Ich schreibe an einem neuen Manuskript. Ziemlich langsam und immer nur kleine Bruchstücke, aber ich schreibe. Wir hatten einen wunderbaren Sommer. Zum ersten Mal seit meinem Unfall vor drei Jahren habe ich es an einem der wirklich goldenen Tage im Herbst wieder geschafft, wieder mehr als sechs Kilometer am Stück zu laufen – was für ein Glücksgefühl, die Depression mal so richtig auszutricksen.  Ich bin mit meiner großen Liebe nicht mehr nur verpartnert, sondern endlich richtig verheiratet. Zwanzig Jahre Gay Rights Movement haben sich wirklich ausgezahlt.

Hamburg im Sommer

Ich habe musikalische Neuentdeckungen gemacht, wie z. B. den Jazztrompeter Nils Wülker, der mir über das ElbJazz-Festival erstmals aufgefallen ist. Sein aktuelles Album Decade Live gehört neben Vu d’ici, dem aktuellen französischsprachigen Album von Petula Clark, zu meinen musikalischen Highlights des Jahres.

Es hat wundervolle Leseereignisse gegeben. Allen voran Dörte Hansens zweiter Roman Mittagsstunde. Mit ihrem Erstling Altes Land hat sie vor drei Jahren alle Bestsellerlisten gesprengt und nicht nur mich vollauf begeistert. Nun ist das ja mit Debütromanen oft so eine Sache. Wenn diese so richtig einschlagen, entsteht oft ein Erwartungsdruck von allen Seiten, wodurch Buch #2 hastig runtergeklöppelt wird und längst nicht so gut daherkommt. Bei Mittagsstunde habe ich das überhaupt nicht empfunden. Dörte Hansen hat sich Zeit gelassen, und es ist wieder eine großartige Erzählung dabei herausgekommen: Ingwer Feddersen ist aus Kiel nach Brinkebüll zurückgekehrt – in das Dorf an der schleswig-holsteinischen Westküste, in dem er geboren und aufgewachsen ist. Es gilt, den von seinem mittlerweile über neunzig Jahre alten Vater geführten Dorfkrug abzuwickeln. Und damit auch einen Teil seiner eigenen Geschichte.

Wie schon Altes Land ist auch Mittagsstunde ein Buch, wie sie einem nur alle Jubeljahre mal begegnen: Eine Sprache, die einen sofort in ihren Bann zieht, und eine Geschichte, in der man auch etwas von oder über sich selbst wiederfindet. Man kann vielleicht nicht immer genau sagen, was es ist, aber man spürt, dass es da ist. Dadurch wird es zu mehr als einem Buch – es wird ein persönliches Buch, es wird zu einem engen Vertrauten.

„Solche Bücher sollte es öfter geben – wenn du dich da drin vergräbst, sieht und hört man wenigstens den ganzen Tag nix von dir.“

Manchmal frage ich mich ja doch, warum ich vor der Standesbeamtin „Ja“ gesagt habe – dieser dummerhaftige Schnack kam nämlich von meinem Mann!

Ganz unter uns: Ich will ihn gar nicht anders haben, und solche Frotzeleien gehören zum Alltag dazu. Wir sind ja beide nicht auf den Mund gefallen. Das zeigte sich u. a. bei den Feierlichkeiten zu unserem 20jährigen Jubiläum Ende Mai und zuletzt in der vergangenen Woche bei der jährlichen Wartung der Gasthermen im Haus. Das hatte ich nämlich für fünf Wohnungen an der Backe, weil die arbeitenden/studierenden/urlaubenden Nachbarn mich so nett gefragt haben, ob ich nicht vielleicht… Bloß: Was für ein Reinfall! Der Monteur entsprach so gar nicht meinem hormonellen Reizmuster, und obendrein war er im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit seiner Zunft so stockfischmäßig stumm während der Arbeit, dass dagegen selbst die für ihre Sprachökonomie berühmten Norddeutschen wie unaufhaltsame Sabbeltüten daherkommen. Vier Stunden konnte ich nur rumsitzen und in den Wohnungen meiner Nachbarn Löcher in die Luft starren.

Wenn’s warm sein soll, muss auch die Heizung richtig funktionieren.

Bei einem Zufallstreffen mit zwei anderen Nachbarn in der Waschküche kam dann zufällig das Gespräch auf diesen stinklangweiligen Zeitvertreib. „Und? Wie war’s?“, fragte mein Mann, worauf ich nur antwortete: „Dafür hätte ich die Maschine nicht mal angeworfen!“

Was die Nachbarn für ein ganz normales Gespräch über haushaltliche Angelegenheiten hielten, war in Wahrheit das Urteil einer Fachjury. Mein Gemahl und ich fällen unser Urteil über die Attraktivität von Männern nämlich auf Basis der Waschprogramme, über die unser weiß emaillierter Domestik verfügt, und deren zeitliche Dauer. Denn genau diese Zeit kann man ja auch anderweitig füllen, näch? (*frivolzwinker*) Die ultimative Lobhudelei, die ein Mannsbild dabei erreichen kann, ist „eine Maschine Buntes mit Einweichen und Vorwäsche“ (ca. 2 ¾ Std.) und stuft sich ab über und „Pflegeleicht kurz“ (eine gute Stunde) und andere Auswahlmöglichkeiten bis zum vernichtenden „Trockenschleudern“ (so kurz, dass es nicht mal erwähnenswert ist).

Und so neigt sich das Jahr trotz aller Schwierigkeiten mit einer durchaus nicht negativen Bilanz dem Ende zu. Um in der wirtschaftlichen Metapher zu bleiben: Das Gewinnwachstum fällt deutlich geringer aus noch etwa zum Jahreswechsel 2015/2016, doch solange es nicht in ein Minus umschlägt, will ich mich wahrlich nicht beklagen. Man kann auch nach einem richtigen Scheiß-Jahr noch Bock auf das nächste haben.

Bleibt mir nur noch, mich bei allen Freunden und Lesern zu bedanken, die dem Wortgepüttscher treu geblieben sind, obwohl es hier deutlich weniger Neues zu lesen gab als in den Vorjahren. Danke auch an die Freunde und Familienmitglieder, die mich wissen lassen, dass sie immer da sind, auch wenn ich im Moment nicht so „ticke“, wie sie es von mir gewohnt sind.

Ihnen und euch allen ein frohes Weihnachtsfest sowie einen gelungenen Start ins neue Jahr. Passt auf euch auf! Ho-ho-ho!

Merry Christmas & ho-ho-ho!
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