Verachtet, verehrt und unvergänglich

Vor einiger Zeit habe ich hier die BBC-Fernehsendung Only Connect vorgestellt. In diesem verdammt schweren Quiz geht es darum, die gemeinsame Verbindung von maximal vier Hinweisen zu finden, die auf den ersten Blick überhaupt nichts gemeinsam haben können.

Genau das machen wir jetzt auch mal. Die vier Hinweise sind:

  • Hinweis 1: Nirvana – Smells Like Teen Spirit
  • Hinweis 2: Frank Sinatra – Strangers In The Night
  • Hinweis 3: Alexandra – Sehnsucht (Das Lied der Taiga)
  • Hinweis 4: Diana Ross & The Supremes – Baby Love

Keine Idee, was diese Songs und ihre Künstler gemeinsam haben könnten? Okay, weil es hier nicht um den Turniersieg einer kompletten 38-Folgen-Staffel Only Connect geht, gebe ich nochmal vier Tips:

  • Hinweis 5: Petula Clark – Monsieur
  • Hinweis 6: Madonna – Like A Virgin
  • Hinweis 7: Doris Day – Que sera, sera
  • Hinweis 8: Beastie Boys – (You gotta) Fight For Your Right (To Party)

Immer noch nicht? Auch nicht wenn ich Rosemary Clooney mit Come On-A My House, R. E. M. mit Shiny Happy People, Led Zeppelin mit Stairway To Heaven und Connie Francis mit Who’s Sorry Now in den Topf schmeiße? Nein?

Okay, genug der Rätselei, schreiten wir zur Auflösung: Die gemeinsame Verbindung ist, dass all diesen Greatest Hits nachgesagt wird, sie werden/wurden von ihren jeweiligen Künstlern wie die Pest gehasst. Nun kenne ich nicht bei allen die jeweiligen Hintergründe dafür, doch bei einigen gibt es noch ein weiteres Muster, das sie vereint.

Petula Clark selbst hat in ihren Konzerten jahrelang erzählt, ihre erste deutsche Single Monsieur so sehr gehasst zu haben, dass man sie quasi schreiend ins Studio tragen und vor dem Mikrophon abstellen musste, damit sie „the wretched thing“ überhaupt aufgenommen hat. Ziemlich spöttisch und lustlos, was sich auch nach siebendundfünfzig Jahren problemlos heraushören lässt. Monsieur wurde mit Platz eins dennoch ein verdammt gutes Debut auf dem deutschen Markt.

Für Connie Francis war Who’s Sorry Now nach ihren ersten neun gefloppten Singles im Oktober 1957 die letzte Chance, doch noch was im Musikbusiness zu werden. Doch sie hasste den von ihrem Vater ausgesuchten Song so sehr, dass sie beinahe freiwillig auf die Karriere verzichtet hätte und aktiv die Aufnahme sabotierte, damit allerdings scheiterte und den Song in den letzten vier Minuten der Session doch noch aufnehmen musste. Unüberhörbar störrisch und unwillig. Die Folge: # 4 in den USA und sogar für sechs Wochen # 1 in Großbritannien. Ähnlich verlief es bei George Clooneys Tante Rosemary Clooney und ihrem ersten großen Hit Come on-a My House.

Was Frank Sinatra über Strangers In The Night zu sagen hatte, ist nicht geeignet, in stilvoller Gesellschaft wiederholt zu werden, doch es heißt darüber hinaus, dass sein improvisiertes „Doo-be-doo-be-doo“ nur zustande kam, weil er einfach keine Lust mehr hatte, weiterzusingen.

Verhasste Songs, hörbar umotiviert dahingesungen – und trotzdem zu den größten Hits geworden. Das haben die in Only Connect-Weise aufgeführten Hinweise also gemeinsam, wie sich in Online-Enzyklopädien oder auf den Webseiten namhafter Musikmagazine nachlesen lässt. Ich frage mich schon lange, wie es zu so einer Kombination kommen kann. Wir sehen das doch an uns selber: Was wir an ungeliebten Aufgaben nur widerwillig verrichten, ist im Endergebnis meistens Murks. Ich käme jedenfalls nicht auf die Idee, die in frisch geputztem Zustand zwar sauberen, aber nur selten streifenfreien Fenster in unserer Wohnung als meine „Greatest Hits“ zu bezeichnen.

Vielleicht ist es in der Musik einfach anders? Egal, in welcher Epoche der Popmusik ich mich umsehe – Musikproduktionen sind den jeweiligen technischen Bedingungen ihrer Zeit ausgefeilt ohne Ende. Zu einer Zeit, als – übertrieben gesprochen – jede Wachswalze einzeln besungen werden musste, sicherlich eine Notwendigkeit, die über die vorausgehenden Proben erzielt wurde. Aber in meiner bescheiden Laiensicht glaube ich, je günstiger und verfügbarer die Möglichkeit von „Versuch macht kluch“ per aufnehmen – anhören – verwerfen – neu aufnehmen wurde, desto größer wurde auch die Gefahr, dass man es mit der Perfektion übertreibt. Jetzt, im Zeitalter der digitalen Speicherung, die quasi neben einem fingernagelgroßen Chip keinen physischen Materialeinsatz mehr erfordert, hat das die größte Ausprägung erreicht. Vermutlich klingen auch deswegen die Aufnahmen unter aktuellen Produktionsbedingungen in meinen Ohren so verdammt langweilig und seelenlos wie Tütensuppen.

Denn gerade bei Retrospektiven über das Gesamtwerk lang etablierter Künstler geht es mir beim Anhören der Bonustracks nämlich sehr oft so, dass mir die über Jahrzehnte in Archiven versteckten Roh-, Demo- oder Probeversionen viel, viel besser gefallen als das fertig abgemischte Produkt für die offizielle Veröffentlichung. Mit all ihren Ecken, Kanten und sonstigen kleinen Unzulänglichkeiten wirken sie auf mich viel ehrlicher und echter.

Das könnte meinem Empfinden nach auch der Grund für den Erfolg dieser von ihren Sängern so verhassten Welthits sein. Lustlosigkeit ist kein sehr schönes Gefühl, aber es ist ein Gefühl, und diese Sänger(innen) lassen uns bei diesen wenig geliebten Hits wahrscheinlich mehr in ihr persönliches Innenleben schauen als bei all ihren anderen Aufnahmen. Wir erleben den Menschen an sich und nicht seine Bühnenpersönlichkeit. In dem Fall hat Abneigung – zumindest für uns Musikfreunde – durchaus etwas Gutes…

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