Ein bisschen wie Jekyll und Hyde

Es gibt Menschen, vor denen ist jedes Verstellen sinnlos. Die wissen genau, wie man(n) tickt. Die wissen manchmal schon vor dir selbst, was du als Nächstes tun willst.

Manchmal liegen sie allerdings auch gehörig daneben. Neulich lief im Ersten z. B. ein Tatort – aus Köln, Ballauf und Schenk. Es ging da um diesen Polizisten, der nach einem Trauma geistig aus den Fugen geraten war. Mein Mann lag auf dem Sofa und schaute den, ich bekam es aus dem Nebenzimmer als Hörspiel mit. An besonders spannenden Stellen kam ich sogar rüber und schaute mir das Geschehen wahrlich auf der Mattscheibe an.

Mein Mann ist ja eiskalt beim abendlichen Fernsehen. Du kannst ihm den spannendsten Krimi vorsetzen – wenn er müde ist, ist er müde. Dann schaltet der im Zweifelsfalle auch eine Minute vor Enttarnung des ruchlosen Meuchelmörders den Glotzkasten aus und dreht sich um. Da weiß ich ganz genau, wie er tickt. Dafür war ich bei besagtem Tatort derjenige, der aus dem Ruder lief.

Gegen Viertel nach neun hörte ich sein umissverständliches Gähnen. Soweit eine bekannte Situation. Doch dann rief ich: „Glotze anlassen!“

„Wieso?“, kam es zurück. „Ich will pennen.“

„Schön für dich – ich aber nicht!“

„Jetzt sagt bloß, du willst das gucken???“

„Ja, will ich.“

„Okay, Mister, Schluss mit dem miesen Spiel: Wer sind Sie und was machen Sie im Körper meines Mannes?“

Hätte ich ihm gesagt, dass er mich künftig Loretta nennen soll (Monty Python-Fans wissen Bescheid) – er hätte nicht entsetzter sein können. Es war ja auch verwirrend.

Tatort – WDR-Produktion – Ballauf und Schenk: Diese Kombination verkörpert eigentlich die Quintessenz von allem, was ich an deutschem Fernsehen schrecklich finde und mich schon vor vielen Jahren zum leidenschaftlichen Fan des TV-Programms der British Broadcasting Corporation, kurz: BBC, gemacht hat. Ich glaube, als ich zuletzt einen kompletten Tatort gesehen habe, hat Oberinspektor Marek (natürlich echt weahnerisch als „Oberinschpecktor“ ausgesprochen) noch in Erstausstrahlungen ermittelt. Aber hey, Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel, und diesmal war’s scheinbar gut genug, dass ich aus meiner üblichen Rolle gefallen bin. Als ich meinem Mann am anderen Morgen nämlich auch noch gesagt habe, dass ich den oben erwähnten Tatort recht gelungen fand, hätte er mir beinahe ein Kruzifix und zwei Knoblauchknollen unter die Nase gehalten. Dabei weiß ich doch selber nicht, was da in mich gefahren ist. Ich habe dann auch – Mediathek sei Dank – gleich mit drei Ausgaben meiner Lieblingssendung in Folge einen hoffentlich ausreichenden Exorzismus begangen. Ich war mir ja selbt unheimlich geworden! Was würde als nächstes kommen? Max Giesinger gut finden? Fußballfan werden? Bewahre!

Ansonsten bin ich, glaube ich jedenfalls, für jene, die mich gut kennen, eine ziemlich vorausschaubar agierende Type. So vorausschaubar, dass es manchmal regelrecht vergessen wird. Ich bin z. B. unheimlich schlecht darin, einfach mal anzunehmen, wenn mir jemand etwas Gutes tun will.

Ein lieber Freund, den regelmäßige Leser dieses Blogs als den Saftschubser kennen, hat sich Anfang der Woche eine neue Stereoanlage mit allem Zisslaweng zugelegt und hatte dadurch einen gebrauchten Kofferplattenspieler übrig. Mit meiner Leidenschaft für Vinyl und Schellack hinreichend vertraut, hatte er rasch die passende Idee für einen Abnehmer: „Willste den haben?“

„Klar, was kriegste dafür?“

„Den schenke…“

„ÄHEM!!!“

„Okay, okay… ich hab’s vergessen. Also: Du lädst mich und Gemahlin zweimal ein, wenn du wieder Stielmus kochst?“

„Dreimal.“

„Verkauft.“

Geht doch.

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