Ziemlich befriedigend

Meine Augen waren groß wie Suppenteller, als sie meinem Fernseher hinterher blickten. Meine Eltern nahmen mir das Ding doch tatsächlich für das Wochenende weg! Dabei hatten sie mich nicht dabei erwischt, wie ich wieder einmal heimlich Dallas schaute, statt der Mathearbeit am nächsten Morgen entgegen zu ruhen. Ich hatte einfach nur den neuen Mercedes, den mein Großvater sich gekauft hatte, als toll bezeichnet.

Okay, der Wahrheit halber muss ich zugeben: Es war eine andere Vokabel, die ich benutzt habe. Ein neues Wort, das man jetzt bei uns in der Schule benutzte, wenn man dazugehören wollte. Ich konnte mir überhaupt nicht erklären, wie es meine Eltern so in Rage versetzen konnte, dass ich Opas ganzen Stolz so bezeichnet hatte.

Erst, nachdem der Rauch komplett verflogen war (und mir eine Samstagabendshow entgangen, auf die ich mich wegen des angekündigten Auftritts von Tina Turner so gefreut hatte), erfuhr ich Aufklärung: Unter der berüchtigten Einleitung „Zu meiner Zeit“ erfuhr ich, dass das von mir benutzte Adjektiv geil deroeinst hauptsächlich mit einer ganz anderen Konnotation belegt war.

Irgendwie ist es ja verständlich, dass in der Jugendsprache ausgerechnet geil ein Ausdruck der Begeisterung werden konnte. Erotische Erregung ist quasi eine ganz besondere Form der Begeisterung, und gerade pubertierende Teenager in ihrem Hormonüberschwang gepaart mit juveniler Renitenz interpretieren sowieso in alles mögliche einen sexuellen Kontext hinein. Ich sage nur fiktiv – man muss kein Genie sein, um das zweideutig lesen zu können.

Die Briten sind wahre Meister zweideutiger Wortspielereien, die dort auch als double entendre oder innuendo bekannt sind. Eines der hierzulande wohl berühmtesten ist der Titel der Rolling Stones-Single Satisfaction. Das heißt Befriedigung, und weitere Erklärungen erübrigen sich damit wohl. Ich wage aber zu behaupten, dass viele von uns schon mal über dieses Wort gekichert haben. Meistens in unangebrachten Situationen. Und auch da haben wir an freche Aktivitäten unterhalb der Gürtellinie gedacht.

Gewisse Wortspiele sind so prägnant und kommen so häufig vor, dass man selbst als Erwachsener in den besten Jahren gar nicht mehr anders kann, als die damit verbundenen Vokabeln in diesem pubertären „Eroddik“-Zusammenhang zu sehen. Deswegen habe ich auch immer wieder ein Störgefühl, wenn mir bei Facebook oder YouTube Videos vorgeschlagen werden, die Befriedigung versprechen: „So befriedigend anzusehen“, gelegentlich auch in Englisch als „so satisfying to watch“ vorzufinden, womit wir dann auch wieder bei der „Satisfaction“ wären. „Ich fordere Satisfaktion“ bedeutete früher übrigens auch die Aufforderung zu einem Duell, was bei schwulen Männern gleich im doppelten Sinne einen Fechtkampf mit zwei Schwertern… ach, lassen wir das.

Bei der ersten Begegnung mit dem Versprechen „So befriedigend!“ habe ich jedenfalls noch an einen Virenangriff, eine freud’sche Gedankenlosigkeit meinerseits oder einen Tippfehler geglaubt, aber der zweite Blick verriet, dass ich doch auf einem der seriösen Videokanäle in der Hoffnung gelandet war, eine mildtätige Userseele hätte vielleicht zumindest eine einzige Folge der französischen Krimiserie Ein Fall für Madame mit Danielle Darrieux hochgeladen, die ich nach dreißig Jahren einfach mal wieder sehen wollte.

Okay, Sex Sells – das hatte ich ja schon mal an anderer Stelle festgestellt. Und in einer Welt, in der wirklich keiner mehr etwas von „Der Kenner genießt und schweigt“ zu halten scheint, hat man ja nun schon so einiges an Merkwürdigkeiten zu wissen bekommen (meist unfreiwillig), mit welch ausgefallenen Hilfsmitteln und Fetischen sich gewisse Zeitgenossen ihre eroddischen Wünsche erfüllen. Da liegt es wohl nur nahe, die virtuellen Besucherzahlen für wirklich belanglose Videos mit suggestiven Vokabeln zu erhöhen – machen die Koberer vor den Stripschuppen in den einschlägigen Rotlichtvierteln nicht anders.

Ich möchte mir nur nicht die Enttäuschung vorstellen, wenn jemand auf der Suche nach eroddischer Erfüllung ein Video mit der verheißungsvollen Überschrift „So befriedigend!“ wirklich anklickt, nur um dann festzustellen, dass er sich jetzt dreißig Minuten lang anschauen darf, wie jemand in einem Riesenpott Erbsensuppe rührt.

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