Bleibt ganz unter uns

So ganz rund ist mein März nicht verlaufen. Neben einigen Dingen im Haushalt, die wieder mal genau zur ganz besonders falschen Zeit koppheister gegangen sind, hat mich vor allem meine Gesundheit auf Trab gehalten. Fast zwei Wochen von einer Kapselentzündung in der Schulter außer Gefecht gesetzt zu werden ist nicht schön! Wie soll man sich da um die schönsten Dinge des Frühlings kümmern? Den großen Hausputz, zum Beispiel?

Okay, das nimmt mir kein Mensch ab. Ich muss ja selber hysterisch kichern bei der Vorstellung, dass ich wie eine manische Vollblutschwäbin unsere Bude in Putzwasser und Möbelpolitur ersäufen könnte. Trotzdem habe ich mit einem Großreinmachen begonnen – in meiner Schallplattensammlung. Die ist ziemlich ins Hintertreffen geraten, weil ich in den letzten Jahren irgendwie so gar keinen Jagdtrieb auf Vinyl und Schellack mehr verspürt habe. Erst seit  dem analogmusikalischen Zuwachs im Hause ertappe ich mich wieder öfter dabei, dass ich beim Pflichtbesuch in der Innenstadt für Dinge aus dem Drogeriemarkt oder Rezepte von den Medizinalräten auch das eine oder andere halbe Stündchen für den Besuch im Schallplattenantiquariat oder Trödelladen abzweige. Nach mindestens vier Jahren ohne überhaupt einen Plattenkauf haben die letzten sechs Wochen mir die ersten beiden Alben von Charles Aznavour, eine 25-cm-LP von Rudolf Kinau mit Lesungen seiner eigenen plattdeutschen Texte und eine weitere mit Alt-Hamburger Melodien sowie eine niederländisch gesungene Single von Caterina Valente eingebracht. Im Gegenzug ist mein Budget für Bücher erheblich geschrumpft. Ein bisschen Schwund ist ja immer.

Jedenfalls habe ich wieder angefangen, mich intensiver mit meiner Plattensammlung zu beschäftigen. Das bedeutete unter anderem auch eine neue Katalogisierung. Das ursprünglich mal vollkommen ausreichende System einer Excel-Datei ist längst aus den Fugen geraten und unübersichtlich geworden. Was bedeutet: Jede Platte einzeln anfassen und in ein spezielles Datenbankprogramm für den geneigten Musikliebhaber eintragen. Ein bisschen komme ich mir dabei vor wie Aschenputtel, denn gleichzeitig wird in „Töpfchen“ und „Kröpfchen“ sortiert, und ich habe es tatsächlich schon geschafft, eine nicht gerade kleine Zahl von Scheiben, zu denen ich so gar keinen Bezug mehr habe, auszusortieren. (An dieser Stelle dürfen die geneigten Leser gerne applaudieren.)

Die ersten dreihundert zum Verbleib bestimmten Platten sind inzwischen erfasst, und ich bin nicht nur von der Ordnung begeistert. Ich kann jetzt auch nachhalten, ob bspw. die Singles in weißen Universalhüllen, bedruckten Universalhüllen der jeweiligen Label oder – der Idealfall – in einer individuellen Hülle mit Künstlerfoto und Titelaufdruck vorhanden sind.

Außerdem erfahre ich, was meine Sammlung wert ist. Das fand ich allerdings nur während der ersten zwanzig, dreißig Platten toll, die zufällig echte Bestseller zu Zeit ihrer Veröffentlichung waren. Entsprechend häufig kursieren die Platten auch heute noch, sind dadurch spottbillig zu haben und bergen keine sensationelle Überraschung.

Als die ersten Raritäten an die Reihe kamen, ließ die Begeisterung für dieses Tool jedoch schlagartig nach.

Da ziehe ich z. B. meine bislang teuerste Schellacksingle aus dem Schrank: Marilyn Monroe, Diamonds Are A Girl’s Best Friend auf der A-Seite, Bye-bye Baby auf der B-Seite. Britische Pressung von 1953 auf MGM Records (obwohl Gentlemen Prefer Blondes/Blondinen bevorzugt doch ein 20th Century Fox Film war). Das Ding sollte schlanke 100 Euro kosten, in einem heldenhaften Bieterkampf habe ich den Händler jedoch auf 80 Euro drücken können und war soooo stolz auf mich. Sammlergegengestände = je älter, desto teurer = Wertanlagen! Meinen Mann hingegen beeindruckte meine Geschäftstüchtigkeit nur wenig: „Wenn du keine Ohren hättest, könntest du jetzt im Kreis grinsen.“

Dabei war er nur neidisch, weil er sich bei seinem Posten in unserer Beziehung als gewiefter Verhandler, dem man auf einem orientalischen Bazar aus tausendundeiner Nacht als Meister gehuldigt hätte, plötzlich meiner Konkurrenz stellen musste. So sah’s nämlich aus, jawoll!

Ich jedenfalls war sehr zufrieden mit mir: Ha! Was der kann, kann ich schon lange!

AM ARSCH!

Hochmut kommt bekanntlich immer vor dem Fall, auch wenn es bis dahin schon mal zehn Jahre dauern kann. Mein Katalogisierungsprogramm hat mich dann nämlich heute auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Sammlerwert für die Monroe-Platte selbst in bester Qualität: Nicht mal 20 Euro.

Ähnlich erging es mir mit Yume no date, der von Connie Francis selbst gesungenen japanischen Version von Schöner fremder Mann.

Ich habe mir gar nicht erst die Mühe gemacht darüber nachzudenken, ob diese Diskrepanz nun einem rapiden Wertverfall zuzuschreiben ist oder man mich gepflegt über den Leisten gezogen hat.

Warum ich das hier erzähle? Ganz einfach: Irgendjemandem muss ich mich anvertrauen, ohne dass es mein Mann erfährt. Der liest meinen Blog nämlich grundsätzlich nicht. Ist auch ganz gut so – das sichert den häuslichen Frieden, so oft wie ich ihn hier schon durch den Kakao gezogen habe. Und heute erspart es mir seine zu erwartenden Unverschämtheiten über die fatal-falsche Selbsteinschätzung meiner kaufmännnischen Fähigkeiten.

Ihr könnt doch dichthalten, oder?

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