Am Rande erlebt

War das jetzt gerade Torjubel? Nein, doch nicht. Zu schnell ist da nur wieder dieses unterschwellige Geräusch vieler durcheinander murmelnder Stimmen.

Obwohl ich gar kein Fußballfan bin, bin ich dennoch geübt darin, die Geräuschkulisse der Fans des lokalen Bolzvereins zu interpretieren, wenn das Wetter Balkon- und/oder Gartenfreuden verspricht. Lautstärke, Ausdauer, Tonlage können von mir (und auch von meinem Mann) so präzise gedeutet werden, dass wir auch ohne Blick auf den Glotzkasten wissen, ob es ein Heimspiel ist und wie hoffnungsvoll die Lage ist. Wir wohnen schließlich schon eine ganze Reihe von Jahren in Dortmund.

An diesem Sonnabend gab es bekanntlich viel zu gewinnen wie auch zu verlieren für die ewigen Rivalen von Emscher und Isar. Bis in die Mittagszeit konnten wir auf dem Balkon die allseits bekannte Geräuschkulisse eines ganz normalen Sonnabends mit gutem Wetter in unserem Innenstadtkarree vernehmen: Radiogedudel, probende Hobbymusiker, spielende Kinder, Rasenmäher, Hochdruckreiniger, ab und zu ein kläfffender Hund. Ab vierzehn Uhr dann wurde es recht rasch immer weniger. Bis irgenwann nur noch das Vogelgezwitscher und das Rascheln der Eichhörnchen im Efeu zu hören waren. Logisch – Grills mussten angeworfen werden, Biere gezapft, und die Vorberichterstattung wollte sich auch keiner entgehen lassen. Und so kamen wir dann pünktlich zum Anstoß in den Genuss des nicht minder bekannten Fußballsoundtracks, der während fast der gesamten ersten Halbzeit nur aus besagtem Gemurmel bestand.

Ob der unbekannte Mitmensch aus der Nachbarschaft schon frühzeitig erkannt hat, dass das mit der Meisterschaft nix wird, oder ob er auch nur wie wir dem Fußballnihilismus zuneigt, ist nicht überliefert. Jedenfalls war da plötzlich ein einsames Radio, in dem George Ezras aktuelle Single „Hold My Girl“ lief. Ein unheimlich schönes Stück über einen jungen Mann, der einer jungen verzweifelt Frau seine Schulter, seine Umarmung seine Stärke in dunkler Zeit anbietet. Dabei geht er im Moment selber durch eine schwere Zeit. George Ezra legt dabei soviel Melancholie und auch Hilflosigkeit in seine Stimme, dass man als Hörer am liebsten alle beide tröstend knuddeln möchte.

Und gerade, als er wieder und wieder in dieser besonderen Stimmung die Zeile „Give me a minute to hold my girl“ singt, rauscht die erste Welle ohrenbetäubenden Torjubels durchs Quartier und erstickt den Gesang. Die Welle ebbt ab, dafür setzt Regne ein. Und wieder ist da nur „Give me a minute“… Zwei Menschen, die nur sich in einer Welt haben, die nur Augen für unwichtige Trivialitäten hat. Erst in diesem Moment ist mir klar geworden, was für ein zutiefst trauriges Lied George Ezra da singt, und ich hatte echt einen Knoten im Hals.

Was für ein besonderer Moment am Rande eines Umfelds aus Beliebigkeit. Das beste Zeichen, dass man wirklich ü-ber-haupt nix verpasst, wenn man nicht vor der Glotze sitzt und Fußball schaut.  Das wirklich spannende Leben spielt sich nämlich ganz woanders ab.

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