Vincent und die Schumanns

Manchmal sind es Trivialitäten, die einen dazu veranlassen, sich mit gewissen Punkten seiner eigenen Biographie zu beschäftigen. Vorgestern bin ich bei Facebook in einen Thread über die Fernsehserie Ich heirate eine Familie gestolpert. Für alle, die es nicht kennen oder ihre Erinnerung auffrischen müssen: Ganz stark durch den Zufall und ein bisschen durch ihre Freundin Bille wird die geschiedene Angi Graf mit dem Werbefachmann Werner Schumann verkuppelt. Was er nicht ahnt – Angi hat Kinder, nämlich Tanja, Tom und Markus, die alle gerade im besten Flegelalter sind. Werner hat nichts gegen Kinder, er wäre nur am liebsten selber an der Produktion beteiligt. Trotzdem haben Angi und Werner miteinander das große Los gezogen, es wird geheiratet, und charmante Wiener wird plötzlich Oberhaupt einer ganzen, sozusagen bereits fertigen Familie. Das bringt eine Menge Chaos mit sich – und geht natürlich am Ende gut aus, Werner wird sogar noch Vater der kleinen Franziska.

Als Ich heirate eine Familie sich auf den Fernsehbildschirmen ausbreitete, war ich gerade zehn Jahre alt. Was mich gerade beschäftigt, geschah dann wohl eher zur ersten oder zweiten der vielen Wiederholungen seitdem. Ich schätze, ich war so vierzehn oder fünfzehn, als mich die Serie mit einer ziemlichen Sehnsucht erfüllte. Das hatte weder mit dem Handlungsort Berlin zu tun, der mich bis heute nicht wirklich anzieht, noch mit einzelnen Figuren. Meine Eltern hatten wie alle ihre Mucken, was ich durch meine eigenen ausglich, und darum gehörte es nun wirklich nicht zu meinen innersten Wünschen, lieber Eltern wie Angi und Werner zu haben.

Lange habe ich die Natur des inneren Bedürfnisses, das ich mit Ich heirate eine Familie verband, nicht erkannt. Es lag sowohl an noch nicht wirklich vorhandener Lebenserfahrung als auch an einem deutlichen Mangel an Vergleichsmöglichkeiten. Ich wohnte auf’m Dorf und weder im realen Leben noch in der bunten Welt des Fernsehens gab es Vergleichsmöglichkeiten für einen männlichen Teenager, der zu seiner eigenen Konfusion feststellte, dass das mit ihm und der Frauenwelt nichts werden sollte. Ja, was sollte es denn dann geben?

Als ich in die wirklichen Teenagerjahre kam, bestimmte vor allem das Fernsehen, welches Bild wir allgemein von Gays hatten. Und das war eine sehr polarisierende Angelegenheit. Im öffentlich-rechtlichen TV gab es nur die hanebüchenen Handlungskonstrukte in der Lindenstraße und Alfred Biolek, den man nur mit der Vokabel Homosexualität verband, aber nie mit der Auslebung. Er war einfach zu seriös-bieder dafür.

Wobei ich gerade merke, dass meine Wahrnehmung nicht ganz stimmt. Im NDR gab es noch Schmidt – Die Mitternachtsshow aus dem Schmidt Theater in Hamburg, in der für die damalige Zeit echt gewagte Typen wie Lilo Wanders, Frau Jaschke, Tamara Press, Georgette Dee und Kay Ray auftraten. Das war so schrill, dass man fast das Gefühl hatte, beim falschen Sender gelandet zu sein. Die Mitternachtsshow passte eher zu den Privatsendern, wo man unter anderem Hella von Sinnen als Lebendbeispiel für das Leben im LGBTQ+-Bereich hatte, auch wenn es diese Bandwurm-Abkürzung (ja, ich weiß, das ist ein Widerspruch in sich) damals noch gar nicht gab.

Es gab also nur Schrill oder Ungeoutet. Schwarz oder Weiß, Yin oder Yang, Nord oder Süd, Brust oder Keule  – wie immer man es nennen will. Nichts dazwischen. Es fehlten die Nuancen.

Heute kann ich das Bedürfnis benennen: Ich wollte weder das eine noch das andere. Ich wollte schlichtweg die Mitte, eine ganz „normale“ Familie haben, wie immer die aussehen sollte, wenn es nur zwei Gründungsväter (ha-ha-ha) gab. Genaue Vorstellungen konnte ich mir da gar nicht machen. Ich sah mich jedenfalls nicht an der Seite einer Type wie Boy George. Hätte es die Serie damals schon gegeben, wäre es wohl eher Will aus Will & Grace gewesen. Ziehen wir mal die typisch amerikanisch Marotte, alles over the top zu machen, mal ab, wäre wohl mit Will am ehesten das hinzubekommen gewesen. Aber den gab es nun mal nicht. Was ich mir wünsche, war das, was die Familie Schumann ausstrahlte. Das war es, was in mir eine Saite zum klingen brachte, was ich mir für mein noch vor mir liegendes Leben wünschte: Zwei Menschen, die einander aufrichtig zugetan waren, die beide recht gewöhnlichen Jobs ohne Glitzer und schrille Töne nachgingen und die nicht nur in einem Haus wohnten, sondern in einem Heim. Eine echte Familie eben.

Heute haben wir Sarah Connors Vincent, der keinen hoch kriegt, wenn er an Mädchen denkt, und am Ende Mann und zwei Kinder hat. Ich kann die Aufregung, die es in den letzten Monaten um das Lied gegeben hat, nicht nachvollziehen. Genau mit dem „einen hochkriegen“ (oder eben nicht) fängt das Entdecken der eigenen Sexualität doch an. Wie ich schon einmal schrieb, diskutiert man in gewissen Altersgruppen nicht über den homosexuellen Subtext in Thomas Manns Der Tod in Venedig. Das ganze Gefühlskuddelmuddel kommt doch erst nach und nach hinzu.

Vincent mag „nur“ ein Popsong sein, manche mögen ihn sogar als Schlager abtun, aber in vier Minuten nochwas wird eine kleine Geschichte erzählt, in der genau das wahr wird, was ich mir vor dreißig Jahren gewünscht hab und von dem ich damals gedacht habe, dass ich es nie erleben würde. Heute habe ich zwar keine Kinder, aber ich habe genau wie Vincent ’nen starken Mann und ich kann heranwachsenden Gays sagen, dass die Story aus dem Lied tatsächlich Wahrheit sein kann. Ist doch eigentlich schön, dass wir in dreißig Jahren von der Utopie zur Realität gefunden haben. Und wir sollten alles tun, damit uns die Neanderthaler, die sich allenthalben wieder ausbreiten, uns das nicht wieder wegnehmen.

Werbeanzeigen

Kommentare sind geschlossen.