Rummelpott – Leseprobe

Leseprobe aus menem Buch Rummelpott, dass am 25. September 2015 (eBook-Ausgabe) bzw. 15. Oktober 2015 (Printausgabe) erschienen ist. Der Auszug stammt aus aus der Schauererzählung An seiner Seite über ein frisch vermähltes Paar, das im soeben bezogenen Haus offenbar nicht erwünscht ist…


Mein lieber Herr von Belling, ich kann Ihnen gar nicht sagen, welche Gefühle der Anblick unseres neuen Hauses in mir auslöste. Mir fehlten förmlich die Worte. Mein Schwiegervater hatte eine wunderbare weiße Villa mit großzügigen Balkonen direkt am Fördeufer erstanden, von denen man einen wunderbaren Blick auf den wirklich herrlichen Garten und den dahinter gelegenen, pittoresk geschwungenen Fjord hatte, besonders am Abend bei Sonnenuntergang. Ich neige nicht zu überzogener Romantik, doch seit meinem Fortgang aus dem Haus habe ich nie aufgehört, diesen Anblick zu vermissen.

Die vielen großen Fenster boten einen großzügigen Lichteinfall und machten das Haus mit seinen edlen, dabei aber schlichten Möbeln zu einem hellen und freundlichen Ort. Es gab eine schiere Unmenge von Räumen, die eines Tages alle bewohnt werden sollten, womit mein Schwiegervater uns daran erinnerte, dass eine neue Generation in der Familie erwartet wurde.

Wir wollten diesen Wunsch gerne erfüllen, doch zunächst wollten wir uns in unserem Haus richtig einleben. Wir waren dazu ganz auf uns allein gestellt. Für gewöhnlich stellte es während der Sommersaison, wenn alle Hotels und Pensionen voll belegt waren, immer ein gewisses Problem da, gut ausgebildetes Hauspersonal zu bekommen, doch dass mein Schwiegervater auch nach wochenlanger Suche überhaupt niemanden für uns bekommen hatte, war außerordentlich.

Ich will ganz ehrlich sein, mein guter von Belling: Mir selber passte dieser Umstand ganz gut, denn auch wenn meine Eltern Dienerschaft hatten, war ich doch ungeübt, Bedienstete eigenverantwortlich zu führen. Daher wollte ich mich erst mit dem riesigen Haus vertraut machen, ebenso mein Mann.

Wir fühlten uns beinahe wie damals als Kinder, wenn wir auf den Anwesen von Verwandten die stillgelegten Flügel der Wohnhäuser erkundeten. Hinter einer Tür verbarg sich Zimmer, hinter einer andern ein großzügiger Alkoven, manchmal sogar nur eine kleine Besenkammer. Eine Tür widersetzte sich allen Bestrebungen, sie zu öffnen. Vermutlich hatte sie sich verklemmt. Sie schien ohnehin nur auf den Dachboden zu führen, denn mein Mann entdeckte bei einem Blick durch das Schlüsselloch eine schmucklose Treppe nach oben. Wir beschlossen, bei Gelegenheit einen Schreiner ins Haus zu bestellen.

Schon am ersten Morgen zeigte sich, wie gut wir daran taten, uns sorgfältig mit allem vertraut zu machen. Denn wenn man sich in einem Haus nicht auskennt, warten an nahezu jeder Ecke Gefahren und Unheil. So zog ich im Keller eine Tür auf. Als ich hindurchgetreten war, schnellte die Tür mit einer enormen Geschwindigkeit zu. Ich hatte überhaupt nicht gemerkt, dass dieser Teil des Hause so zugig war. Es war mein Glück, dass ich mich gerade nach vorn beugte, um den Schlüsselbund aufzuheben, den ich soeben fallen gelassen hatte. Denn so kam ich nur mit einem höchst unangenehmen Schlag auf meine Kehrseite davon. Als ich die Tür danach untersuchte, stellte ich fest, dass in ihrem Holz auf Kopfhöhe ein langer, Nagel steckte, vermutlich als provisorischer Haken für einen Besen oder ähnliches.

Ich muss Ihnen nicht sagen, werter von Belling, was dieser Nagel hätte anrichten können. Es erschreckte mich zutiefst. Auch wenn es sich nicht schickte, zu dieser Tageszeit bereits Alkohol zu sich zu nehmen, ging ich, etwas unstet auf den Knien, nach oben in den Salon, wo mein Mann begonnen hatte, einen Kabinettschrank mit ausgesuchten Spirituosen aus seinem Kontor zu bestücken.

Nach einem großzügig bemessenen Jamaika-Rum hatte ich das Gefühl, gefasster sein, doch schon wartete die nächste unangenehme Überraschung. Ein Ziertisch mit einer Glasglocke, unter der ich meinen getrockneten Brautstrauß ausgestellt hatte, war umgestürzt. Die Glocke war dabei geborsten, und der große, in den Griff eingearbeitete grüne Achat hatte die Rosenblüten mit seinem Gewicht zerquetscht.

Mein lieber von Belling, Sie kennen mich. Ich neige nicht zu Sentimentalitäten, und ganz gewiss nicht zu hysterischen Ausbrüchen. Aber diese beiden Begebenheiten so kurz hintereinander waren mir scheinbar doch ein wenig an die Nerven gegangen. Denn für einen Augenblick glaubte ich, draußen vor dem Fenster eine Frau in einem kornblumenblauen Kleid zu sehen, die mir zusah. Ihr Gesicht war regungslos, hingegen schienen ihre Augen eine unendliche Traurigkeit auszustrahlen.

Doch schon einen Wimpernschlag später sah ich wieder nur die sich im Wind wiegenden Äste des Ginsterbuschs. Ich tat dies als Streich meiner Sinne als Reaktion auf den Schrecken ab und verlor später kein Wort darüber.

Mit zitternden Knien suchte ich meinem Mann auf, der im Gartenpavillon saß und Zeitung las. Er war von meinem Bericht ebenfalls sehr bestürzt. Gemeinsam rätselten wir, was den Tisch umgeworfen haben mochte. Wir kamen zu dem Schluss, dass es eine Katze gewesen sein musste, die wie auch immer ins Haus gelangt war. Um uns von dem Schrecken zu erholen, packten wir einen Picknickkorb und fuhren mit dem nächsten Fördedampfer nach Sonderburg. Dort ließen wir uns auf einer herrlichen Wiese mit Blick auf das königlich dänische Schloss nieder und verbrachten dort den Rest des Tages.

Doch schon am Abend zeigte sich, dass der unbeschwerte Nachmittag nicht ausgereicht zu haben schien, um meine Nerven gänzlich zu beruhigen. Bei Tisch griff ich nach dem Saucenlöffel, packte jedoch mitten in die Klinge des scharfen Fleischmessers. Ich musste fahrig und unaufmerksam gewesen sein, denn ich hätte schwören können, das Messer hätte woanders gelegen.

Solche kleinen Missgeschicke passierten mir in den folgenden Tagen öfter: Scheren, die mit dem falschen Ende nach vorn in Schubladen lagen. Glasscherben im Abwaschwasser, obwohl ich mich nicht erinnern konnte, ein Glas zerbrochen zu haben. Das Rasiermesser meines Mannes fand sich nicht am Waschtisch, sondern im Sack für die Wäscherei.

Das alles machte mir sehr zu schaffen. Heutzutage würde eine Frau sich ihrer Familie wahrscheinlich offenbaren, um dann zu diesem bemerkenswerten Arzt nach Wien geschickt werden. Damals jedoch behielt man solche Dinge besser für sich, wenn man nicht in einem Asyl enden wollte. Mir wurde klar, dass ich mich zusammenreißen musste. Also ging ich in den Keller, suchte nach einer Zange und entfernte den Nagel selbst. Danach fühlte ich mich bedeutend besser.

Dieser Zustand hielt nicht lange an. Heute, aus dem Abstand von so vielen Jahren betrachtet, weiß ich, dass es Vorzeichen dafür gab. Trotz des warmen Wetters war es vor jedem Ereignis ungewöhnlich kühl im Haus, fast schon eiseskalt. Und es gab Momente, in denen ich das unerklärliche Gefühl hatte, nicht allein zu sein. Doch ich hielt es für die Nachwirkungen vergangener Ereignisse, von denen ich mich nicht weiter beeindrucken lassen wollte.

Unbeirrt holte ich mir an einem besonders schönen Nachmittag einen Korb mit verschiedenen Gartenwerkzeugen aus einem kleinen Schuppen und wollte mich einem Blumenbeet widmen, in dem dringend Unkraut gejätet werden musste. Das Beet lag im Schatten eines großen Baumes, an dessen mächtigstem Ast eine Kinderschaukel angebracht war. Diese Schaukel würde auch dort bleiben, da sie in nicht allzu vielen Jahren von unseren Kindern benutzt werden sollte, doch für die Gartenarbeit war sie mir im Weg. Bevor ich damit begann, zog ich sie zur Seite und band sie sorgfältig an einem Haken fest, der genau dafür in den Baum getrieben worden war.

Als ich meinen Mann das nächste Mal sah, lag ich auf meinem Bett und hatte einen Verband um meine Schulter.


Rummelpott ist als gedruckte Ausgabe in im deutschsprachigen Buchhandel sowie bei allen gängigen Online-Portalen erhältlich. Die eBook-Ausgabe kann bei den jeweiligen Portalen für alle gängigen eReader und eBook-Apps für Smartphones/Tablets bestellt werden.

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