Küchengepüttscher

StielmusDas unerwartet gute Wetter hat uns einen extrem frühen Start in die Spargelsaison beschert. Es sind immer noch zwei Wochen bis Ostern, und trotzdem findet man schon die ersten weißen Stangen in den Gemüsekisten – aus hiesiger Ernte, wohlgemerkt. Für die meisten fängt jetzt der Frühling erst richtig an – zumindest der kulinarische.

In unserer Familie ist das anders. Bei uns läutet der Stielmus die Zeit der Frühlings- und Sommergerichte ein. Darum war gestern die Freude entsprechend groß, als wir den ersten Stielmus des Jahres beim Grünhöker unseres Vertrauens entdeckten und damit das heutige Mittagsmahl ohne weitere Überlegung feststand.

Wahrscheinlich müsste es das Stielmus heißen, denn man sagt ja auch das Apfelmus. Aber in meinem Clan sagt man schon seit Generationen eben der Stielmus, weil dieses Gemüse – anderenorts auch Rübstiel oder Streppmaut genannt – bei uns nur als Eintopf auf den Tisch kommt. Und welcher grammatikalische Artikel gehört vor Eintopf? Eben!

Stielmus ist bei uns eines jener typischen Oma-Gerichte, will heißen: Nur die Großmutter bekommt ihn auf diese eine, ganz besondere Weise hin, dass sich alle danach die Finger lecken, und es gibt niemanden, der es auch nur annähernd nachmacht. Gut, das können Omas – wie hier und da schon mal erwähnt – eigentlich bei allen Gerichten, aber bei meinerOma Else war der Stielmus das Gericht, das sie in unserer Familie zur unangefochtenen Königin des Kochlöffels gemacht hat. Selbst an dem Tag, als wir uns für immer von Oma verabschieden mussten, drehte sich das nostalgische Schwelgen in schönen Erinnerungen irgendwann ums Essen: „Wenn ich an den Stielmus von unserer Else denke…“

Es hat Zeiten gegeben, da hatte Oma drei 10-Liter-Töpfe gleichzeitig auf dem Herd stehen, um alle ihre Fans aus der Familie und der Nachbarschaft satt zu bekommen. Und Oma hat sie alle satt bekommen, denn auch das können nur Omas: Es sind noch für fünf Leute Vorräte in der Speisekammer, aber es werden trotzdem locker fünfzehn Leute satt.

Aber das ist eine andere Geschichte; zurück zum Stielmus. Selbst unsere Verwandten aus Wilhelmshaven und Wormerveer bei Amsterdam sind manchmal für das erste Stielmusessen des Jahres hunderte von Kilometern angereist.

Eine verdammt hohe Messlatte, wenn nachfolgende Generationen sich an die Zubereitung wagen. Obwohl man sich genauestens an Omas Überlieferungen gehalten hat, sind zig Versuche danebengegangen. (Tyischer Dialog zu Omas Lebzeiten: „Du musst doch ein Geheimnis haben!“ – „Nein, wirklich nicht“, gefolgt von nochmaliger mündlicher Kochanleitung…)

Aber wenn dann – meist, wenn man keine Lust mehr hat, sich noch ein weiteres Mal vergebens abzumühen – der Tag kommt, an dem man bescheinigt bekommt: „Jetzt hast du’s zu 98 % geschafft“ (die letzten 2 % sind bekanntlich auf ewig unerreichbar), ist Wolke 7 ein Dreck gegen die Freude, die man verspürt.

Jetzt habe ich soviel vom Stielmus geschwärmt – wahrscheinlich wird nun das Rezept erwartet, hm…?

Sorry.

Familiengeheimnis.

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Lass das mal die Oma machen…

Manchmal wird die ältere Generation zu Unrecht als rückständig gescholten. Als meine Eltern endlich von s/w-Fernsehern auf Farbe umstiegen, hatten meine Großeltern schon mindestens zehn Jahre einen. Auch einen Videorecorder, Satelliten-TV und eine Stereoanlage mit CD-Player besaßen sie lange vorher.

© 2014 by Gerrit Jan Appel
© 2014 by Gerrit Jan Appel

Selbst in der Küche war meine Oma Trendsetterin. Nun sind Großmütter ohnehin die unangefochtenen Meister, wenn es um gutes Essen geht. Es gehört zu den unergründlichen Mysterien, wie das zustande kommt, aber Omas Gerichte sind immer besser als die von jedem anderen in der Familie. In diesem speziellen Fall hatte meine Oma die Nase ganz besonders weit vorn. Irgendwann in den 70ern kam sie von einem Besuch bei Verwandten in Wormerveer bei Amsterdam mit einem ziemlich eigentümlich aussehenden Gerät zurück, das niemand sonst in der Nachbarschaft hatte. Doch was sie damit zubereitete, gelang so gut, dass es Schule machte und ihr die halbe Nachbarschaft für den nächsten Besuch in Wormerveer Geld und Kaufaufträge zusteckte.

Ein paar Jahre später kam das Gerät auch nach Deutschland, geriet jedoch recht schnell außer Mode, weil Fertigprodukte auf den Markt kamen, welche das Gerät schlicht wieder überflüssig machten.

Auch Oma stellte das Gerät irgendwann in den „Stall“, wie die Abstellkammer im hinteren Bereich des Hauses genannt wurde, wo es dann fast zwanzig Jahre vor sich hin staubte. Eines Tages fand ich es dann bei einer Ist das noch gut oder kann das weg-Aktion und konnte es dank Omas Großzügigkeit dem eigenen Haushalt hinzufügen.

© 2014 by Gerrit Jan Appel

Was man damit zubereitet, ist eine Kalorienbombe ohne Ende, aber manchmal muss man sich einfach mal etwas gönnen. Da wir keine Fritteuse haben, schmeißen wir diese leckere Sünde zum Ausfrittieren in unseren Wok und konnten dadurch, dass wir dem Frittiergut die Möglichkeit zum „Freischwimmen“ geben, das Geschmackserlebnis noch einmal verfeinern. Darum kommt dieses ominöse Gerät nach wie vor bei uns immer wieder mal zum Einsatz. So wie heute. Es ist Freitag. Start ins Wochenende, und manchmal muss man sich… (siehe oben). Also holen wir ihn heute wieder mal raus – Omas Pommesschneider.

Cinema Paradiso

Heute war ich mal wieder am Hauptbahnhof, weil Ferries, ein Fachmagazin für Fährschifffahrt, nirgendwo anders in der Stadt zu bekommen ist. Dabei kam ich auch am größten Kino der Stadt vorbei, einem riesigen Klotz mit Glasfassade, mindestens zehn Sälen, riesigem Gastobereich und so weiter. Zuletzt war ich dort,  um Gottes Werk und Teufels Beitrag zu schauen. Danach hat es mich nie wieder dorthin gezogen. An Filmen hat es nicht gemangelt, aber die Vorführstätte hat mir die Lust darauf genommen.

Als ich das Kinogehen als Traumfabrik für mich entdeckte, lag die Betonung noch auf Traum – heute hat sie sich zu Fabrik verlagert. Ticket lösen, Popcorn kaufen, in unbequemen Sesseln platznehmen, Film gucken, raus – genauso anheimelnd wie eine Fertigungsanlage für Nirosta-Spülbecken.

Denke ich an das Kino zurück, in dem ich als Teenager komplette Monatsvorräte an Taschengeld ausgegeben habe, sehe ich sofort einen Saal mit dickem altrosa Plüschteppich, Sesseln wie aus den Salonwagen des Orient Express geklaut, verschnörkelten Lampen an der Wand und einem Vorhang mit Troddeln vor der Leinwand. Wenn man als erster Zuschauer kam, herrschte fast kirchliche Stille und kein Discogedudel, das nicht zum erwarteten Film passte. Nach und nach füllten sich die Reihen. Gedämpftes Murmeln. Dann ging es los – erstmal ein Vorfilm (meistens ein alter Cartoon), dann Werbung und schließlich der Hauptfilm, bei dem man natürlich auch den Abspann zum Ende ansah, denn da lief meist das beste Musikstück des ganzen Films. Wenn man nach drei Stunden wieder rauskam, war einem ein bisschen schwummrig, weil es natürlich keine Klimaanlage gab, aber das gehörte einfach dazu. Vielleicht hatte uns ja auch Patrick Swayze oder Robert Redford die Sinne geraubt.

Schön war auch das fahrende Überlandkino in den Sommerferien an der Ostsee. Der Ort hatte zwar ein richtiges Kino, aber das war schon Mitte der 70er dichtgemacht worden. Es gab ja den Kursaal. Einmal die Woche kam ein kauziger Herr mit Mercedes und Anhänger vorgefahren, baute im Saal einen transportablen Projektor nebst mobiler Leinwand auf, und dann wurde der einzige verregnete Nachmittag der Woche mit Bernard und Bianca oder Jenseits von Afrika überbrückt. Gespenstisch, wie das mit dem Wetter immer genau zu passen schien – als hätte die Kurverwaltung einen Vertrag mit Petrus gehabt.

Ich glaube, Disneys Zeichentrickabenteuer lief in einem Rutsch durch, aber bei dem Monumentalschinken mit Meryl Streep wurde mindestens zweimal die Filmrolle gewechselt. Also ging zwischendurch das Licht für zehn Minuten an. Man holte neue Getränke – oder brachte die alten weg. Dann ging’s weiter.

Haben diese Unterbrechungen gestört? Kein bisschen. Man hatte nicht nur die Zeit, sondern auch die Muße, sich auf einen Film und das ganze Ritual drumherum einzulassen. Einfach für ein paar Stunden in ein Paradies abtauchen, in dem es Abenteuer zu bestehen und Liebespaare zusammenzubringen galt.

Nein, ich lasse mich jetzt nicht zu einem Früher war alles besser verleiten, denn das stimmt nicht. Auch früher gab es Dinge, die kompletter Mist waren. Aber früher war einfach mehr Lametta… äh, Ambiente.