Nur drei Buchstaben…

Hach, was war das heute für eine tolle Laufrunde… Siebzehn Kilometer und somit nur noch von vier von meinem Trainingsziel Halbmarathon entfernt. Ich war richtig beflügelt, als ich die letzten Meter zwischen meiner eigentlichen Laufstrecke und zuhause in lockerem Entspannungstrab zurücklegte.

In der Nähe des Westfalenstadions hielten mich zwei asiatische Touristen an. „Excuse me…? Can you help us?“ kam es zögernd von den beiden, junge Kerls so um die Zwanzig.

„Good morning“, erwiderte ich fröhlich. „What can I do for you?“

Um das Ganze abzukürzen: Die beiden fragten mich sehr höflich nach dem Weg zum BVB-Fanstore, ich erklärte selbigen. Dann fragten sie noch, warum am Stadion nicht Westfalenstadion, sondern der Name eines Versicherungskonzerns stünde, und ich erklärte auch das: Bruch mit alten Traditionen für schnöden Mammon.

Die beiden bedankten sich höflich und verabschiedeten sich: „Have a nice day…“ Und, quasi wie ein zusätzliches Aufblitzen: „… Sir!“

Toll.

„Sir“ hatten sie mich genannt, mich mit jenem Wort belegt, das einen Mann schlagartig um ganze Dezennien altern lässt.“Have a nice day!“ – die hatten gut reden mit ihrem „Sir“… Gerade eben hatte ich mich noch wie Chris Meloni gefühlt: In den besten Jahren, fit wie ein Turnschuh, True Blood-Hauptdar… Naja, zumindest Nebendarstellermaterial. Doch ein Wort, ein einziges Wort mit lausigen drei Buchstaben hatte gereicht, dass ich mir nun vorkam wie Bruce Forsyth.

Hundemarke

2011031-01Mein mir rechtmäßig Angetrauter ist immer so besorgt um mich, was ihn natürlich ehrt. Ständig fürchtet er, dass ich bei meinem morgendlichen Lauftraining zu Schaden kommen könnte. Dabei bin ich doch erst einundvierzig, und in jungen Jahren hat mir eine mir nicht ganz wohlwollende Anverwandte mal ein sehr langes Leben prophezeit, denn „der Teufel hat solche Angst vor dir, der wird es so weit wie möglich rausschieben, bis du zu ihm kommst.“ Na, schönen Dank aber auch!

Am meisten missfällt meinem Mann, dass ich grundsätzlich nur meine Schlüssel mitnehme und vor allem das Phone zuhause lasse. Das ist mir wichtig. Diese eine Stunde, in der ich meine zehn bis vierzehn Kilometer laufe, ist meine Stunde. Ich will für niemanden erreichbar sein, ich will nicht mal mitkriegen, wenn jemand versucht, mich zu erreichen. „Aber wenn du mal im Wald einen Unfall hast und bewusstlos bist…“ – „… soll bitte wer den Rettungsdienst rufen? Die Eichhörnchen?“

Diese Logik hat er durchaus eingesehen, dann aber drauf bestanden, dass ich mein Portemonnaie mitnehme. Wegen dem Personalausweis. Doch auch das ging nicht, weil meine Trainingsplünnen keine Taschen haben und ich mich schlichtweg weigere, mir so eine pottenhässliche Kängurutasche um die Taille zu binden.

Endlich hat sich eine Lösung gefunden. Mein Mann ist ein wirklich geschickter Handwerkler und Bastler. Darum hat er mir aus einem alten Stück Leder eine kleine Tasche genäht, die ich an einem Halsband hängend mitnehmen kann. Darin befindet sich ein kleines laminiertes Kärten, auf dem sich neben einem Foto von mir und Angaben zur Person (Name, Adresse, Blutgruppe, Allergien) auch die Anweisung „Bitte verständigen Sie im Notfall…“ findet sowie eine Verfügung, wie bei Herz-/Atemstillstand (Reanimation ja oder nein) mit mir umzugehen ist.

Heute bin ich zum ersten Mal mit diesem Ding um den Hals auf der Piste gewesen. Und was soll ich sagen – es läuft sich irgendwie entspannter damit. Safety First! Aber wehe, es kommt jetzt jemand auf die Idee, mich wegen dieser Hundemarke Rin Tin Tin zu nennen…

Ausge-Bremst

Am Freitagmorgen hat mich unterwegs beim Lauftraining irgendein Viehzeug hinten in den Oberschenkel gestochen. Erstmal nix Besonderes für ’n Jung vun’t Dörp. Da ist man mit dem, was da kreucht und fleucht so sehr auf Du und Du, dass man den Weberknechten zum Geburtstag gratuliert und zur Beerdigung der Eintagsfliege einen Kranz schickt. Unterwegs Speichel drauf, zuhause dann Gel und gut is‘.

Am Sonnabendmorgen war die Stelle allerdings auf Untertassengröße angeschwollen und knüppelhart geworden, so dass ich den ganzen Tag wie ein Kollateralschaden der Französischen Revolution durch die Gegend gehumpelt bin. Wie erniedrigend ist das denn, bitte schön? Wegen eines Insektenstichs! So eine Petitesse eignet sich nun wirklich nicht für dramatische Heldenepen beim Bierchen mit Freunden. Das sind die Momente, in denen einem ein zünftiger Sportunfall mit Wadenzerrung deutlich lieber wäre! Diese bunten Kinesio-Tapeverbände sehen auch allemal cooler aus als ein ausrangiertes, mit Essig getränktes Küchenhandtuch für einen kalten Umschlag.

Mein Mann hatte mit mir nix zu lachen…! Ich bin kein einfacher Patient. Betüddelt werden und viktorianisches Leidensritual (bleiche Gestalt mit Märtyrermiene in bodenlangen Gewändern, ein mit billigem Eau de Cologne-Abklatsch getränktes Tuch an die Stirn gehalten, drumherum unberührte Speisen) sind Dinge, die mich zur Nitroglyzerinampulle machen. Ich bin eher der Typ, den man mit Zwangsjacke und Hochleistungssedativum davon abhalten muss, auch mit 39,8 Fieber, Lungenentzündung und gebrochenem Bein ganz normal Haushalt, Arbeit und Sport zu machen.

Dennoch bin ich kein ganz hoffnungsloser Fall. Nachdem die Einstichstelle in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag nochmal etwas fieser geworden war, fand ich mich gestern Morgen dann in der Ambulanz der örtlichen Klinik wieder. Da war wohl ein Antibiotikum angesagt.

Drei Stunden hat die Warterei gedauert – für nicht mal 10 Minuten Behandlung! Diagnose: Bremsenstich mit mittlerer Reaktion ohne Komplikationen, kein Antibiotikum notwendig. Es gab ein Allergielgel und die Empfehlung, zuhause kalte Umschläge mit Essig oder essigsaurer Tonerde zu machen, das Bein hochzulegen und zu schonen.

DANKE! SOWEIT WAR ICH SCHON!!!

Dann die Krönung: Kein Lauftraining bis mindestens Mittwoch. Ausgebremst von einer Bremse…. Hey, wo kommt auf einmal dieses aggressive Pochen in meiner Halsschlagader her???

Nun ja, der Wahrheit und Vollständigkeit halber: Besser so, als wenn’s schlimmer gekommen wäre.

Eins wundert mich trotzdem – warum immer so spät in der Saison? Letztes Jahr hat mich der einzige bemerkenswerte Insektenstich sogar erst auf den letzten Drücker an Altjahrsabend ereilt. Was bin ich für die Viecher eigentlich? Eine Spätlese?

Schwule sind Ganoven

Rainbowflag_TopSecretZeitlebens sind mir aus der heterosexuellen Welt die aberwitzigsten Gedankenspiele und Theorien präsentiert worden, wie sich das Leben im Zeichen des Regenbogens wohl abspielen mag, so dass mich kaum noch etwas an Hanebüchenem aus den Latschen hauen kann. Heute wurde mir allerdings eine seltene Ausnahme zuteil.

Meine Joggingpiste führt unter anderem durch ein Waldgebiet, dessen Hauptweg eine beliebte Verbindung zwischen zwei Stadtteilen ist. Hier kommen einem neben Hunden mit ihrem menschlichen Anhang und anderen Joggern auch Mitbürger jeglicher Couleur auf dem Weg zu Arbeit und Schule entgegen. Die Bänke längs des Wegs werden öfter als Treffpunkt genutzt, besonders von jüngeren Menschen bis etwa fünfundzwanzig. In diesem Alter befand sich auch jene  vorrangig in Grün gewandete Clique, die eigentlich damit beschäftigt war, sich um die Beseitigung der letzten Sturmschäden zu kümmern. Als ich mich diesem Rudel näherte, machten die jungen Männer jedoch gerade Frühstückspause. Als ich an ihnen vorbeitrabte, gab ein besonders bulliges, stiernackiges Exemplar ein unüberhörbares und unzweifelhaft an mich adressiertes „Blöde Schwuchtel“ von sich.

Für gewöhnlich lasse ich gerade das auf sich beruhen. Schwuchteln ist ein altdeutsches Wort für tänzeln, vermutlich mit dem Berliner schwoofen verwandt, und bei manchen Bewegungen, gerade wenn man die Gelenke zur Lockerung ein wenig ausschüttelt, sieht man als Jogger ja wirklich aus wie ein bekannter Zeichentrickbär mit Tanzerfahrung und der erklärten Absicht, alles mit Gemütlichkeit probieren zu wollen.

Man muss solchen Bildungsmangel gelegentlich einfach mal nur mit Humor nehmen, sonst käme man aus dem Empörtsein gar nicht mehr raus. Aber heute war mir irgendwie nicht danach, amüsiert den Sabbel zu halten.

Nun sollte man sich bei solchen von extremem Hormonüberschuss geplagten Gestalten grundsätzlich nie dazu verleiten lassen, ihnen eine Replik entgegenzuschleudern, die sie verstehen. Das kann übel enden. Aber Plattdeutsch ist im Pott nicht nur zum ungestörten Lästern im Straßencafé gut, man kann auch herrlich damit fluchen: „Bregenklöteriges Pastüür…“*

Der Stiernacken drehte sich um: „Wat hatter gesacht?“

Worauf ein anderer der Rotte sein geballtes Weltwissen zur Schau stellte: „Die Homos haben doch so ’ne Geheimsprache – wie die von der Mafia. Damit machen die auch ihre Dates klar.“

Klar. Wir sind ein Geheimbund. Eine Schattengesellschaft. Schlimmer als die Illuminati. Unser Gründervater ist Fantômas, unsere Anführer sind Bonnie Johnny & Clyde. Unsere Waffe ist die Puderquaste. Und wir bedienen uns einer geheimen Sprache.

Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!!!


* 1.) bregenklöterig: Bregen = das Gehirn / klöterig = nicht ganz gesund. Man könnte auch sagen, jemand der davon geplagt ist, hat nicht alle Tassen im Schrank.  2.) Pastüür: unerträgliche Gestalt

Heute vor einem Jahr: Hamburg

AlsterHamburg, 17.06.2013, morgens gegen acht Uhr. Jogging rund um die Außenalster. Der Weg führt unter anderem am Ruderclub Favorite Hammonia und am Konsulat der USA vorbei. Eine Bodenwelle im Sandweg etwa auf Höhe der Fontenay bringt mich zu Fall, ich stürze. Ich presse ein rustikales „So’n Schiet ober ook“ hervor, aber abgesehen davon, dass ich eine Handvoll Alsteruferstaub gefressen habe, ist nix weiter passiert.

Zu dieser Zeit anwesend: Ein Herr im Businessanzug, zwei Jogger, eine ältere Dame mit Hund und eine junge Frau auf einem Fahrrad. Alle kommen sofort auf mich zu und bieten mir Hilfe an. Der Geschäftsmann zückt sein Handy, um ggf. den Rettungswagen zu bestellen. „Alles in Ordnung? Ist was passiert?“-Fragen aus fünf Kehlen. Ich bedanke mich höflich, versichere, dass es mir bestens geht, und verabschiede mich von allen. Natürlich bei jedem einzeln mit Handschlag, Struppi bekommt einen Kinnkrauler.

Ich schüttele noch etwas Dreck von meiner Hose, dann setze ich meine Joggingrunde ohne weitere Zwischenfälle fort.

Zur Erinnerung und zum Vergleich verweise ich auf das, was vor einem Jahr, zwei Wochen und fünf Tagen passiert ist. Noch Fragen, warum ich mich in der norddeutschen Heimat wohler fühle als im Exil? Weitere Beispiele verfügbar.

Heute vor einem Jahr: Dortmund

Barop1bDortmund, 29.05.2013, morgens gegen neun Uhr. Jogging in Richtung Hombruch. Der Weg führt unter anderem an der großen Umsteigestation Barop Parkhaus vorbei, Knotenpunkt für eine Stadtbahnlinie und vier oder fünf Buslinien. Ein hochstehender Pflasterstein beim Wartebereich für die Busse bringt mich zu Fall, ich stürze, schabe über einige andere Pflastersteine, schlage mir dabei Knie und Stirn blutig, mein T-Shirt bekommt einen klaffenden Riss. Den Schmerz merke ich nicht, denn ich bin so verdattert, dass ich erstmal regungslos liegen bleibe. 10 Sekunden? Eine Minute? Who knows. Dann sortieren sich meine Sinne langsam wieder und ich merke: Wäre ich noch zwanzig Zentimeter weitergerollt, wäre ich mit dem Kopf noch mitten in einer Glasscheibe gelandet.

Zu dieser Zeit anwesend: Drei Busfahrer, die auf ihren Stadtbahn-Anschluss gewartet haben, und rund 25 Passagiere beim Ein-/Aus-/Umsteigen. Nicht einer von denen kommt zu mir rüber und bietet mir Hilfe an. Keiner zückt sein Handy, um ggf. den Rettungswagen zu bestellen. Desinteresse allenthalben. Ich rappele mich auf, hinke los und mache mich so gut es geht auf den Weg nach Hause. Dabei muss ich die Straße überqueren und komme am Wartebereich für die Busse in die Gegenrichtung vorbei. Da gröhlt mich einer, der meinen Unfall von einem Logenplatz auf einer Bank aus beobachtet hat, im breitesten Dr. Stratmann-Ruhrpöttlerisch und mit schadenfrohem Grinsen an: „Dat hat gezz abba wehgetan, woll?“

Kein Kommentar.

Nur der Verweis auf das, was knapp drei Wochen später in Hamburg passiert ist.

So oder so ist das Leben

Es gibt Tage, die besondere Überraschungen bereit halten. Der vergangene Ostersonntag startete eigentlich ganz normal. Ja, mein Wiegenfest stand an, dennoch hieß es auch an diesem Morgen wie an jedem Tag: Wecker. Aufstehen. Frühstücken. Anziehen. Joggen.

Bis vor etwas über einem Jahr bestand mein Tagesbeginn nur aus den ersten vier Punkten. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass Punkt fünf einmal unverzichtbar sein würde. Von allen sportlichen Aktivitäten war Jogging irgendwie für mich immer die am wenigsten reizvolle. Durch einen Zufall entdeckte ich es im Frühjahr 2013 aber doch für mich, seitdem jogge ich jeden Tag zwischen acht und zwölf Kilometern.

Es ist eine Art Meditation, denn inzwischen bin ich an dem Punkt angelangt, an dem es mir wirklich gelingt, beim Jogging an nichts, rein gar nichts zu denken. Wenn die Welt sich entscheidet, ausgerechnet in diesen fünfundsiebzig Minuten unterzugehen – bitte, gerne. Aber ohne mich. Bin beschäftigt. Unabkömmlich. Neue Vitalität sammeln.

Mit jedem Laufschritt werfe ich Ballast ab und werde entspannter, gleichzeitig aber auch offener und sensibler für das, was der Tag so bringt.

So auch am Ostersonntag. Da läuft plötzlich ein anderer Jogger an mir vorbei – ich weiß nicht mal, ob Mann oder Frau – und zieht eine parfümierte Duftwolke hinter sich her, durch die sich die Eisenbahnbrücke, über die ich grade laufe, in das Badezimmer unserer Ferienwohnung in Dahme an der Ostsee verwandelt. Ich bin wieder sechs Jahre alt, und bekomme von Oma das Gesicht gewaschen – mit einem eiskalten Waschlappen, auf dem sie vorher großzügig Seife der heute längst vergessenen Marke Atlantik verteilt hat. Eines dieser besonderen, willkommenen, von einem Duft, einem Geräusch oder auch nur einem Windhauch getriggerten Déjà vu-Erlebnisse, die längst vergangene Momente zurückbringen und die Erinnerung für den Nanobruchteil einer Sekunde wieder zur Realität werden lassen.

An Ostersonntag habe ich viele liebe Geburtstagsüberraschungen bekommen, doch dieser Die Atlantik an der Ostsee-Moment war die schönste, der lange nachgehallt hat.

Gestern am späten Nachmittag dann die traurige Überraschung, dass just an diesem Ostersonntag Ilse Gräfin von Bredow in Hamburg verstorben ist. Abschied von einer geschätzten Autorin, deren Geschichten in Büchern wie Kartoffeln mit Stippe und Ein Bernhardiner namens Möpschen graue Alltagsmomente verschwinden ließen – und die letztlich auch einer der Anstoßgeber war, warum ich selber mit der Schreiberei angefangen habe.

Hier wird gefeiert, dort wird Abschied genommen.

So oder so ist das Leben.* Viva la vida!**

* Hildegard Knef // ** Coldplay