„Ich brauch‘ Tapetenwechsel“, sprach die Küche

Nachdem das Vorhaben wegen mehrerer langwieriger Erkrankungen wiederholt verschoben werden musste, soll es im Juni nun endlich in die Tat umgesetzt werden: Küche streichen und neue Deko.

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Nach sechs oder sieben Jahren im Stil einer ländlichen Deel mit Motiven der ostholsteinischen Küste des Mare Balticum soll es nun mehr gen Hamburg gehen. Damit es wieder so wohnlich wird wie bisher, ist eine sorgfältige Auswahl bei den Motiven für die Bilderrahmen notwendig. Nicht ganz einfach, hat die letzte Zählung der Heimat-Fotos auf unserer Fotofestplatte doch exakt 4.493 Dateien ergeben. Die Qualität moderner digitaler Spiegelreflexkameras ist ja schön und gut, aber der klassische Zelluloidfilm mit seinen 36 Aufnahmen (und den Kosten für Entwicklung und Abzüge!) hat dem Knipstrieb wenigstens noch gesunde Zügel angelegt.

Hinzu kommen die weiteren Möglichkeiten, die das digitale Zeitalter bietet: Klassisches „gedruckt wie geknipst“, oder Spielereien mit Daguerreotypie-Optik, Farbklecksen, Leinwand-Effekt, Polaroid-Foto-Fake… Die Auswahl ist schier unendlich, zumal die Frage der ansprechenden Präsentation auch noch gelöst werden muss: Die alten Rahmen im skandinavischen Stil behalten? Auf etwas Neues umsteigen? Verschnörkelt? Rahmenlos? Sachliches Schwarz? Oder gar mal etwas Luxuriöses in Form eines Drucks auf gebürstetem Aluminium?

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Dabei ist es keinesfalls so, als würde da bei meinem Gemahl und mir ungetrübte Einigkeit bestehen! Unzählige Kannen Kaffee sind seit Sonnabend über dieser Diskussion draufgegangen, und von einer Einigung wir noch sehr weit entfernt.

Bin mal gespannt, ob wir unseren Zeitplan für die Renovierung wirklich halten können…

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Wanna cup o‘ tea, luv?

Eigentlich bin ich nahezu Fernseh-Nihilist – bis auf eine Ausnahme habe ich von unserem Fernsehgerät anno 2013 keinen Gebrauch gemacht. Wozu auch? Gerade zeigt ein ursprünglich in Luxemburg beheimateter Sender wieder mit Übertragungen vom 5. Kontinent, dass man nix verpasst, wenn die Kiste aus bleibt. Es wäre wohl auch 2014 so weitergegangen, wenn mich liebe Freunde nicht auf die Sitcom Mrs. Brown’s Boys aufmerksam gemacht hätten.

Agnes Brown ist eine irische Mammy, die die Zügel ihrer Familie fest im Griff hat. Sie hat ein lautes, loses Mundwerk (fast jeder Satz beinhaltet einen Kraftausdruck und sehr rustikale Titulierungen des Gegenübers wie wie „Ye gobshite“, „F*ck off“ oder „Ye feckin‘ eejit!“) und lässt kein Fettnäpfchen aus. Im Gegenteil, sie springt munter von Fritteuse zu Fritteuse. Doch hinter der harten Schale steckt ein riesengroßes weiches Herz, das wie eine Löwin für das Glück ihrer Kinder kämpft – assistiert von ihrer besten Freundin Winnie McGoogan, mit der sie unzählige „cup o‘ tea“ schlürft.

Genau hier setzt der Charme ein: Zum Brüllen komische Pointen auf der einen Seite, herzergreifende Taschentuchmomente auf der anderen. Ich habe bisweilen vor Rührung so geblarrt, dass ich den DVD-Player auf Pause schalten musste.

Ähnlich wie The Golden Girls in den 1980ern nähert sich Mrs Brown’s Boys über das Stilmittel der Komödie auch eindringlich ernsten Themen: Die Haltung der Katholischen Kirche zur schwulen Ehe und Analphabetismus, dysfunktionale Familien – brüllend komisch aufbereitet und dabei doch so respektvoll, dass man als Zuschauer am Ende der Folge nachdenklich zurückbleibt.

Die professionellen Kritiker in England und Irland hassen Mrs Brown’s Boys förmlich; es gibt kaum eine wohlmeinende Rezension. Die Einschaltquoten sprechen jedoch eine andere Sprache: Die Weihnachtsspecials 2013 lagen weit vor dem sonstigen Publikumsliebling Downton Abbey. Das Publikum liebt Agnes Brown und ihren Clan, weil sie so echt daherkommen.

Das Gefühl, in liebevoll überzeichneter Form der Familie zu zuschauen, die man gerne selber hätte (oder sogar schon hat), kommt nicht von ungefähr: Erfinder und Hauptdarsteller Brendan O’Carroll hat seine ganze Familie und besten Freunde an der Serie beteiligt – ein richtiger Clan, und das merkt man. Da ist so viel Liebe und Hingabe dabei, dass man sie alle ins Herz schließen muss. Sie machen sich gar nicht die Mühe, dabei perfekt zu sein. Versprecher? Requisite umgeworfen? Egal, dann wird die Szene wiederholt – und die Fehlversuche werden nicht einmal aus der fertigen Folge rausgeschnitten, und obendrein wird ganz absichtlich improvisiert. Es ist alles so menschlich, was sich auch im gesprochenen Wort ausdrückt: Die Dialoge sind so gestaltet, wie der ganz normale irische/britische Durchschnittsbürger spricht – mit verschluckten Silben, lokalen Dialekten, ungefilterten Schimpfworten und so weiter. Von dem sorgfältigen polierten Haus am Eaton Place-Oxford-English aus dem Lehrbuch, wie es u. a. in der BBC-Sitcom Keeping up appearances äußerst witzreich karikiert wurde, keine Spur.

Leider ist genau deswegen nicht davon auszugehen, dass Mrs. Brown’s Boys je im deutschen Fernsehen auftauchen wird. Die Serie ist so typisch irisch, dass sie selbst mit dem besten Team einfach nicht in deutscher Synchro funktionieren würde. Hier reicht es einfach nicht, nur die Dialoge zu übersetzen. Man müsste sowohl als Sprecher als auch als Zuschauer die britische und irische Seele ausreichend kennen und verstehen, um die Serie so zu bearbeiten, dass sie in Deutschland nicht nur von den Worten, sondern auch von der Seele begriffen wird.

Aber ich find’s einfach schön, in Zeiten, in denen auf der ganzen Welt Fernsehsendungen, die nur darauf ausgelegt sind, andere Menschen vorzuführen und zu erniedrigen, in der Überzahl sind, gelegentlich auch mal auf eine echte Perle zu stoßen.

Blaue Stunde

Ich mag die blaue Stunde am Morgen. Draußen vor dem offenen Fenster fangen die ersten Vögel an zu singen. Die ersten Haustüren fallen ins Schloss, die ersten Schritte klackern über das Trottoir. Das Schwarz der Nacht wird langsam zum Blau des Tageshimmels.

Am liebsten ist mir die blaue Stunde in Altbauten. In solchen Gemäuern wird diese besondere Zeit noch von anderen Tönen untermalt.

Jedes alte Haus hat seine guten Geister, greifbare Erinnerungen an jene, die früher hier gewohnt haben. Am lebendigsten sind sie nicht um Mitternacht, sondern zur morgendlichen Schummerzeit. Sie wissen, dass das Bewusstsein der jetzt hier Weilenden nur auf Sparflamme kocht, es zwischen nicht ganz schlafend, aber auch nicht ganz wach schwankt, und die Geräusche von draußen sich mit surrealen Traumsequenzen vermischen. Darum sind sie behutsam und machen sich unaufdringlich bemerkbar. Hier und da das Knarzen einer Holzdiele, ein knackender Türrahmen, ein leiser Windhauch trotz geschlossener Fenster.

Unsichtbare Freunde, die den Weg in einen neuen Tag weisen.

Haltet den Dieb… nicht!

Aus einem der Häuser in unserer Straße wurde eine Küchengarnitur mit einem Tisch und vier Stühlen getragen und neben der Haustür abgestellt. Dazu kamen eine alte Wirtschaftswunderstehlampe und ein Karton mit einem kompletten und intakten Kaffeeservice.  Zehn Minuten später kamen ein paar junge Leute vorbei, hielten kurzen Kriegsrat und nahmen die Klamotten mit. Uneingeweihte hätten es für einen dreisten Diebstahl halten können, doch das Ehepaar, welches die Möbel nach draußen gestellt hatte, freute sich nur.

Was mir an unserem Quartier in dem kleinen Emscherdorf wirklich gefällt, ist seine Mischung aus Uhlenhorst, Eimsbüttel und Hoheluft mit einem Touch St. Georg vor der Gentrifizierung. man kann hier wirklich ganz kommodig leben.

Am meisten mag ich die unkomplizierte Art, miteinander zu teilen. Weiterlesen „Haltet den Dieb… nicht!“

Nachschlag

Rainbowflag_neuVor einer Woche kochte das Thema Profisport & Homosexualität mal wieder etwas höher. Was hat sich seitdem getan? Wohl weniger, als wenn ein aktiver und etwas bekannterer Fußballer als Herr Hitzlsperger sich geoutet hätte. Trotzdem hat’s einiges an erhellenden, aber auch albernen Debatten gegeben. Manches war hochgradig verärgernd. Nicht nur die Kampagne gegen die Aufklärung zu sexueller Vielfalt in der Schule, sondern auch die Rufe in der Community, die Herrn Hitzlsperger den Mut seinen Schritt absprechen und den Mangel an Nutzen für eben jene Community reklamieren. Sich vor Freunden und Familie im Angesicht der Gefahr, fallengelassen zu werden, ans Coming out zu wagen, ist also nicht mutig? Wie schnell man doch die eigenen Nöte vergisst, durch die man selber gegangen ist…

Wie sehr freut mich da sein Statement, die Rolle als Symbolfigur nicht annehmen zu wollen. Warum sollte er auch die Community als Hauptintention für sein Coming out haben? In erster Linie gehört das Sortieren seines Lebens, der Unwille zum Versteckspiel gefolgt von einem Zwangsouting in der Presse nämlich allein ihm. Wenn sein Schritt darüber hinaus die Debatte zum Thema befeuert, ist das ein Nebeneffekt, an dem er aufgrund einer gewissen Bekanntheit kaum vorbeikommt, zu dem er jedoch mit Sicherheit nicht verpflichtet ist. Warum also diese Kritik an ihm, als wäre er der schwule Messias, der sich geweigert hat, seine Mission zu erfüllen?

Keine Missverständnisse, bitte: Es ist nach wie vor gut, was aus seinem Tun entstanden ist. Diskussion, weitere Coming outs, Gegenwind für die Verweigerer sexueller Aufklärung. Kaum ein Beruf steht so sehr im öffentlichen Fokus wie der Profifußball. Wenn von hier aus die Aufklärung, dass nicht jeder Homosexuelle automatisch ein Abziehbild von Albin/Zaza aus La Cage aux Folles ist, in andere “männliche”, aber weniger publicityträchtige Berufe getragen werden kann, ist das gut, denn so könnten auch schwule Bauarbeiter, Trucker, Soldaten etc. es künftig leichter im Leben haben.

Doch warum jetzt alle Erwartung und Enttäuschung in den ersten Profisportler legen, der sich geoutet hat? Ist Herr Hitzlsperger plötzlich the only gay in the village? Es muss doch nicht sein, dass jemand von einigen vorgeschoben wird, die einfach noch nicht so weit sind, ihren eigenen Kampf zu kämpfen, oder von einigen anderen verdammt wird, die sich ihr eigenes Zögern aus der Vergangenheit selbst nicht verzeihen können. Ist halt so gelaufen; man kann seine Historie nicht umschreiben, und jeder hat seinen eigenen Takt dafür, “es” auszusprechen, was auch ja auch so sein soll.

Eins sollte nämlich nicht vergessen werden: Ein prominentes Coming out bleibt für viele eine vage Sache. Man weiß um die Tatsache an sich, aber es hat keinen direkten Bezug zum eigenen Leben. Was hilft ein akzeptierter schwuler Promi in der Ferne, wo er für jene vollkommen abstrakt ist, die uns im direkten Umfeld aber Schwierigkeiten bereiten, weil sie das Thema da nicht so schön davonschieben können? Wenn eine Enkelin ihrer 75jährigen Großmutter erklärt und vorlebt, dass es den beiden Schwulen von nebenan nicht nur um den Geschlechtsakt geht, sondern darum, wem man zugetan ist, wenn es um von Liebe und Geborgenheit geht und für welchen Partner man notfalls mit seinem eigenen Leben einstehen möchte, und besagte Oma daraufhin eine Gratulationskarte zur Hochzeit des schwulen Paares schickt, sollte das ein wichtigerer Moment sein als alle prominenten Coming outs zusammengenommen.

Deswegen sei die Frage gestattet, ob es nicht mehr bringt, sich selber den Mut zum Sprechen zu erarbeiten bzw. eine eventuelle Komfortzone zu verlassen, um in seinem eigenen Mikrokosmos aufzuklären statt nach Promiidolen zu lechzen? Frei nach John F. Kennedy: “Frag dich nicht, was ein Promi tun kann – frag dich, was DU tun kannst.”

Uninteressante Interessen

Was habe ich sie geliebt, die Gilmore Girls. Lorelai und ihre Tochter Rory waren das beste Mutter-Tochter-Paar, welches das Fernsehen je hervorgebracht hat. Solange sie im TV liefen, habe ich sie immer geschaut, keine Folge verpasst. Wenn etwa mittwochs die letzte Folge lief, habe ich am Donnerstag wieder mit Folge 1 begonnen. Und das, obwohl ich deutsche Synchro wie die Pest hasse.

Als die DVDs zu einem erschwinglichen Preis erhältlich waren, habe ich mir alle sieben Seasons auf einen Schlag gekauft. Geschaut habe ich sie nie. Es ist wie mit dem schon mal erwähnten Limonenlikör: Im Urlaub hui, zuhause pfui.

Heute habe ich prüfend vor meinem DVD-Regal gestanden und ernsthaft überlegt, ob ich die Gilmore Girls nicht einfach in einem lokalen Second-Hand-Laden verkaufe.

Aber das habe ich dann auch nicht übers Herz gebracht.