Möbelgepüttscher

Wenn ich mal wieder sehen möchte, wie meinem Mann sämtliches Blut aus dem Gesicht entweicht wie das Wasser aus einer Badewanne bei gezogenem Stöpsel, stelle ich mich einfach mitten in die Küche (wahlweise auch Wohn- oder Schlafzimmer) und lasse ganz sinnig und suutje den Blick schweifen. Ringsum.

„Was hast du nun schon wieder vor?“

Der Stöpsel ist gezogen.

„Och, nix Großartiges, aber ich dachte, wenn wir den Tisch…“

An dieser Stelle ist die „Badewanne“ bereits leer.

Nichts kommt einem Kampf der Titanen näher als unsere verschiedenen Ansichten über die perfekte Einrichtung einer Wohnung. Wenn wir nicht in unzähligen anderen Punkten so gut harmonierten, hätten wir kaum die letzten fünfzehn Jahre miteinander ausgehalten. Es passt einfach nicht wirklich, wenn einer am liebsten wie eine Mischung aus Wirtschaftswundermuseum und Stilaltbau meets norddeutsche Klarheit leben will, während der andere am liebsten so minimalistisch leben möchte, dass das 15-m²-Wohnzimmer die Illusion vermittelt, ein 150-m²-Loft zu sein.

Alle meine Versuche, durch ständige geschickte Neuarrangements der vorhandenen Möbel einen Kompromiss herzustellen, sind sowas von fehlgeschlagen, dass jeder andere längst aufgegeben hätte. Aber ich bin nun mal sturer Stier, außerdem macht mir die Möbelrückerei unheimlichen Spaß. Ergo gibt’s auch weiterhin in unregelmäßigen Abständen neue Anläufe. Mein Mann hat sich darüber in stille Resignation geflüchtet. Nur selten wagt er noch offene Opposition.

Vorhin waren wir gemeinsam einkaufen. Auf dem Weg zum Bezahlen hat er mich so vom Weg abgedrängt, dass wir letztlich an der Kasse standen, die am weitesten entfernt von den Zeitschriften und Tabakwaren war. Woher hat er nur gewusst, dass ich mir heute nach längerer Pause wieder mal ein Einrichtungsmagazin kaufen wollte?

Rache ist süß. Manchmal muss man etwas drauf warten, aber diesmal ging’s schnell – er hat vergessen, sich Zigaretten zu kaufen und musste nochmal los.

Die Dr.-Frankenstein-Versuchsküche empfiehlt…

Letzte Woche habe ich bei meiner privaten Facebook-Seite mal wieder das Titelbild geändert. Ein schon etwas älteres Motiv, vor etwa zwei Jahren aufgenommen, als ich gerade meine erste Spiegelreflexkamera bekommen hatte und alles Mögliche knipste. Es zeigt einen Elefanten. Nein, keinen echten, sondern eine Erdbeere, die – aus der richtigen Perspektive betrachtet – tatsächlich die Silhouette eines niedlichen kleinen Babyelefanten hat. Etwa wie der Sohn von Colonel Hathi und Gemahlin Winifred aus Disneys „Dschungelbuch“.

Zur Entstehungszeit hatte ich das Foto schon mal als Titelbild, da ist es aber weitgehend unbemerkt geblieben – wohl auch deshalb, weil ich es bereits einen Tag später wieder durch ein anderes Motiv ersetzt hatte, das ich noch ein bisschen besser fand. Typischer Fall von „Mann & neues Spielzeug“ eben.

Diesmal aber hat der kleine Erdbeerfant mehr Aufmerksamkeit erregt. In Kommentaren und privaten Nachrichten war davon die Rede, „was Genmanipulation doch alles so anrichten kann.“

Kartoffeln in Herzform, Karotten wie aus dem Baukasten für Voodoopuppen oder eben auch ungewöhnlich geformte Erdbeeren haben wir aber doch immer wieder mal in unserem Einkaufskorb gehabt – lange bevor genmanipulierte Lebensmittel in aller Munde waren (no pun intended). Die Spontanreaktion darauf war meist ein „Och, wie niedlich“ – heute verleitet es scheinbar dazu, zuerst an Negatives zu denken. Irgendwie schade.

Das Bier von Radio Andorra

Ratgeber gehören zu den meistgekauften Sachbüchern überhaupt. In manchen Buchhandlungen ist die entsprechende Abteilung inzwischen manchmal größer als alle anderen. Die meisten beschäftigen sich mit dem uralten Thema Schönheit. Ich bin sicher, schon Kleopatra hatte irgendwo die Papyrusrollen einer Vorgängerin gehortet, die ihr so ganz von Pharaonin zu Pharaonin verrieten, warum ausgerechnet Eselsmilch so gut für das Hautbild sein sollte und nicht etwa die von Gnus.

Gestern ist mir beim Stöbern in meinem Regal mit Buchantiquariat das Werk Schön sein – schön bleiben von einer gewissen Lilo Aureden, erste Auflage Juli 1955, in die Hände gefallen. Eigentlich hatte ich mal wieder die Memoiren von Hubert von Meyerinck lesen wollen, aber Frau Aureden erwies sich als mindestens ebenso kurzweilig.

Die meisten ihrer Tipps für die äußere und innere Schönheit sind selbst nach achtundfünfzig Jahren immer noch hochaktuell, wenn sich auch einige Rohrkrepierer darunter befinden. So befindet Frau Aureden unter anderem, dass man beim Sonnenbad die Sonnenbrille ruhig durch zwei Ahornblätter auf den Augen ersetzen könne. Ha – den Menschen, der von diesem Muster in seinem Teint begeistert wäre, möchte ich zu gerne kennenlernen! Obwohl… heutigentags wundert einen ja nix mehr.

Wie dem auch sei – hauptsächlich ist es die herrliche Ausdrucksweise, die das Buch zu so einem Vergnügen macht. Da gibt Frau Aureden zum Beispiel folgenden Rat für anmutiges Gehen: „Setzen Sie die Füße nicht überkreuz [sic], sonst rollen Sie wie eine Korvette in mittelschwerer See.“

Was für ein Vergleich! Margaret Rutherford hat die Beine auch nicht überkreuz gesetzt, trotzdem nannte man sie in England Die Korvette mit guten Manieren

Oder wenn Frau Aureden vom Kleinkrieg gegen das Alter spricht: „Es ist ein Guerillakrieg mit List und Tücke, den jede Eva hartnäckig wie eine Partisanin führt.“

Heute ist es ja ganz egal, ob Mann oder Frau einen Schönheitsratgeber konsultiert, aber Tarnfarbe ist wohl das Letzte, was man sich gegen Falten ins Gesicht kleistern würde, und so ein Netz, unter dem man sonst Panzer versteckt, ist auch nicht wirklich kleidsam.

Mein persönliches Highlight der blumigen Ausführungen war: „Eine brillante Stimme, die so zärtlich, zart und eindrucksvoll Gute Nacht wünscht wie eine Radioansagerin von Andorra, die vergisst kein Mann.“

Das glaube ich gerne! Selbst wenn besagte Radioansagerin eine Stimme hat wie Fingernägel, die über eine Schiefertafel kratzen, und ihr Gute Nacht sich wie der Befehl zur Evakuierung eines sinkenden Schiffs anhört, wird sie unvergessen bleiben, denn wie viele Männer können sich schon rühmen – und das gilt für 1955 ebenso wie für 2013 – überhaupt einmal eine Radioansagerin aus Andorra gehört zu haben?!

Solche Perlen finden sich auf fast jeder der knapp 450 Seiten. Mitunter lustiger als jede Komödie – eine echte Leseempfehlung für alle, die neben der Funktion des Ratgebers auch den Unterhaltungswert zu schätzen wissen.

Nur einmal ist mir wirklich nicht zum Lachen zumute gewesen – da empfiehlt Frau Aureden doch tatsächlich als Patentmittel für die längere Haltbarkeit einer Dauerwelle eine Haarspülung aus Bier! Es versteht sich doch wohl von selbst, dass dieses Gebräu nur innerlich anzuwenden ist!

Einer kam durch

Zugegeben – er ist ungenießbar. Dieser Umstand hat ihm vermutlich das Leben gerettet, doch gleichzeitig auch eine lange Wanderung beschert.

Zu Anfang, im letzten März, lag er gleich am Eingang, noch vor der Gemüseabteilung, in einem Pappkarton mit schätzungsweise hundert seiner Artgenossen. Diese wurden mit der Zeit immer weniger, bis schließlich nur noch er, dieser eine besondere, übrig blieb. Niemand nahm von ihm Notiz obwohl er wirklich auffiel, wenn er zwischen den Gurken saß oder auf den Radieschen thronte.

Zwei Monate später lag er weiter hinten auf der Aktionsfläche in den Drahtboxen. Mal in der einen, mal in der anderen. Von einem exponierten Platz auf einem Stapel Flaschen mit Maibowle arbeitete er während des Sommers über Pakete mit Lichterketten für den Balkon, Grillbesteck und Rosenscheren bis zu den letzten Flaschen Mixgetränk, Geschmacksrichtung Caipirinha, vor.

Danach schien er verschwunden zu sein, doch kurz vor St. Martin tauchte er zwischen Laternen und Backmischungen für Martinsbrezel wieder auf. Und auch danach war er immer wieder mal zu entdecken.

So wie heute. Als ich mit einem Paket Cornflakes in der Hand zur Kasse ging, lag er in der kleinen Kiste mit extrem reduzierten Artikeln – zwischen einer einzelnen Zahnbürste, einem Paket Kaffeepads und Weinbrandbohnen kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums.

Der kleine Kerl tat mir leid, darum habe ich ihn fünfzehn Tage vor Heiligabend gekauft – den letzten Keramikosterhasen.

Jetzt bin ich nur auf eins gespannt: Wie lange halten wohl die Keramikrentiere durch, die nun am Eingang liegen?