Nikolaustag

Heute ist der 6. Dezember – traditionell der Tag, an dem man eine kleine vorweihnachtliche Überraschung in seinem Stiefel finden kann. Eine solche kleine Überraschung in Form einer weihnachtlichen Kurzgeschichte habe ich hier in einem virtuellen Nikolausstiefel versteckt. Viel Freude beim Lesen!

Doch nicht 42…

Keine Ahnung, ob wir den großen Rumpelkammergott verärgert haben, doch nachdem mein Mann und ich zu der Erkenntnis gelangt sind, dass das Eigenleben unserer Rumpelkammer ein wenig zu ausufernd geworden ist, haben wir sie heute von heute Mittag an aufgeräumt. Bis gerade eben, etwa 22:45 Uhr

Dabei wurde die kürzlich hier erwähnte These, dass „42“ wirklich die Frage auf alle Antworten ist, eindeutig widerlegt. Denn bei der Aktion sind alleine 83 Gefrierdosen, 19 davon ohne Deckel, aufgetaucht. Beide Zahlen lassen sich weder glatt durch 42 teilen noch sind sie durch potzenzieren, Wurzel ziehen oder Logarithmen mit ihr in Einklang zu bringen.

Lediglich die Theorie mit dem schwarzen Loch in der Waschmaschine ist bestätigt worden.

Farewell, Mr. Pumpernickel

Chris Howland hat mich Anfang der 1980er an die deutschen Oldies herangeführt. Zuvor kannte ich nur die Handvoll Schlager auf einer LP, die mir meine Oma mal geschenkt hatte. Fünfundzwanzig Lieder waren es – teilweise gekürzt, damit die Menge auf einer Platte untergebracht werden konnte, und garantiert seniorenfreundlich. Harmlose Sachen wie Tanze mit mir in den Morgen von Gerhard Wendland etwa.

Total uncool für einen Elf- oder Zwölfjährigen.

Doch mit Souvenirs, Souvenirs hat Chris Howland mir gezeigt, dass die Musik aus der Jugend meiner Eltern auch cool sein konnte. Durch ihn habe ich Beatmusik kennengelernt – mit Sachen wie Sandie Shaws Und sowas nennst du nun Liebe zwar nur auf Deutsch, aber immerhin. Später, als Erwachsener, habe ich in Wiederholungen auch die Sänger der etwas anspruchsvolleren Texte zu schätzen gelernt – Bibi Johns mit Wie sich Mühlen dreh’n im Wind etwa, einer deutschen Fassung von The Windmills of your Mind.

Dazu kam seine lockere Art. Wenn er die Sendung mit „… sagt Ihnen der gute alte Heinrich Pumpernickel Tschüß, auf Wiedersehen – und: Bye-bye!“ beschloss, wusste man selbst als so junger Mensch wie ich irgendwie: Der ist wirklich so locker. So ganz ungekünstelt.

Das hob ihn von den viel zu distanzierten oder auch zum Ego-Höhenflug neigenden Kollegen seiner Generation ab. Für jemanden, der allmählich vom ZDF-Ferienprogramm zu den etwas „erwachseneren“ Fernsehsendungen überging, aber noch nicht wusste, dass es mal das (aus damaliger Sicht) noch viel coolere Privatfernsehen geben würde, war er echt ein Lichtblick.

Chris Howland ist am 30. November 2013 im Alter von 85 Jahren verstorben. Er wird sehr fehlen.

Gabe ist nicht gleich Gabe

Heute ist der 1. Advent, und in einigen Städten gibt es einen verkaufsoffenen Sonntag. Für viele Menschen mag das der Auftakt zum Weihnachtsshopping sein. Sie strömen in die Geschäfte, um all die schönen Gaben zu erstehen, die am 24. Dezember unter dem Weihnachtsbaum liegen sollen.

Für mich persönlich ist der 1. Advent allerdings schon seit einigen Jahren der Zieleinlauf. Alle Einkäufe sind erledigt. Mich bekommt bis zum 27. Dezember kein Mensch mehr in Buchhandlungen, CD-Shops, Parfümerien und so weiter.

Nein, ich habe keine Angst, von den konsumfreudigen Menschenmassen überrannt zu werden wie von den Stieren in Pamplona.

Es ist nur so… Da ist diese besondere Gabe… Weiterlesen „Gabe ist nicht gleich Gabe“

Douglas Adams hatte recht

Wenn sie leer ist, sieht sie aus wie ein Plumpsklo, aus dem das wichtigste Möbel ausgebaut wurde: Schmal, nicht besonders tief und sehr schmucklos. Also beginnt man, sie mit etwas zu befüllen. Nur ein, zwei kleine Teilchen. Ab dann benimmt sie sich wie ein Hefeteig und legt beständig an Umfang zu. Schon bald ist sie randvoll gefüllt, und nun ist sie Ärgernis, Fundgrube, Schatztruhe, Abenteuerspielplatz und Folterkammer zugleich.

Ein scheinbares Chaos tobt in ihr, und doch hat alles seinen Platz. Der Nachbar, der sein neues Bett aufbauen möchte, braucht einen ganz bestimmten Schraubenschlüssel? Findet sich hier. Mit einem Griff. Die Kladde mit Omas gehüteten Familienrezepten ist verschwunden? Schau mal hier nach. Es ist Altjahrsabend und man hat vergessen, Feuerwerksgedöns zu kaufen? Hier sind ganz bestimmt noch ein paar nicht verfeuerte Raketen vom letzten Jahr.

Sie ist ein kapriziöses Wesen, Weiterlesen „Douglas Adams hatte recht“

Herzlichen Glückwunsch, es ist eine Buchhandlung!

Mit gespannter Erwartung reiße ich das Paket auf. Da ist es, das Objekt meiner Begierde. Ich schlage es auf, blättere in den ersten Seiten. Sieht gut aus. Doch jetzt die Nagelprobe: Seite 126, 127, 128, 97… NEIN! Nicht schon wieder! Dreimal habe ich dieses Buch bereits zu diesem blöden Online-Versand zurückgeschickt, jetzt ist es zum vierten Mal mit dem gleichen appeldwatschen Fehler geliefert worden: Seite 97 bis 128 sind doppelt, dafür fehlen Seite 129 bis 160. Hatte man mir an der Kundenhotline nicht beim letzten Mal versprochen, die neuerliche Sendung überprüfen zu lassen, bevor sie rausgeht? Aber ich habe meiner Mutter ja früher auch immer versprochen, den Müll mit rauszunehmen…

Bei einem etwas teureren Buch würde ich das Pingpong-Spiel solange durchziehen, bis endlich ein fehlerfreies Exemplar geliefert wird. Aber bei einem Buch mit Geistergeschichten von Edith Nesbit für 3,95 ist mir das einfach zu albern. Schon vor einem Jahr hat in unserem Quartier ein kleiner Buchladen seine Pforten geöffnet, aber ich habe meine Schritte bisher noch nicht dorthin gelenkt – warum zweihundertfünfzig Meter selber gehen, wenn der Online-Händler bis an die Wohnungstür liefert? Doch jetzt habe ich endlich einen Grund, dieser Buchhandlung meine Aufwartung zu machen – ich brauche Hilfe bei meinem literarischen Problem, das der Online-Händler offenbar nicht in der Lage ist zu lösen.

Da ich ohne Umschweife von der Eingangstür bis zum Tresen durchgehe und mein Anliegen vortrage, ist der eigentlich zweite Eindruck gleich der erste: Das Team ist nicht nur freundlich, es ist auch kompetent und echt engagiert. Gemeinsam baldowern wir aus, wie sichergestellt werden kann, dass das von mir so ersehnte Buch hier in der richtigen Ausstattung ankommt. Alles schön unaufgeregt, im Anschluss ergibt sich sogar eine kleine Fachsimpelei über die großen anglophonen Schauerautoren wie M. R. James, Amelia B. Edwards und natürlich Edith Nesbit. Herrlich, man weiß hier nicht nur über die aktuellen Bestseller Bescheid, sondern kann sich auch zu Special Interests äußern.

Allein dieses Gespräch lässt mich schon viel länger hier verweilen, als ich eigentlich geplant habe. Trotzdem nehme ich mir danach die Zeit, noch ein bisschen zu stöbern. Und ich kann meine freudige Überraschung kaum verbergen: Es ist eine echte Buchhandlung!

Derlei ist man gar nicht mehr gewohnt – die großen Buchfilialisten lassen ihre Verkaufsflächen immer mehr zu Gemischtwarenläden verkommen, in denen man nicht nur das passende Buch mit dem Rezept für Ossobuco alla milanese bekommt, sondern auch das passende Kochgeschirr nebst Servierplatten, Geschirr, Besteck, Tischdeko und Rotwein. Fast erwartet man auch eine Kühltheke, aus der man sich obendrein die Hauptzutat mitnehmen kann. Dazu herrscht eine Geräuschkulisse wie auf dem Heiligengeistfeld beim Sommerdom. Die gedämpfte, unaufgeregte Atmosphäre einer echten Buchhandlung gibt es in solchen Filialschuppen schon lange nicht mehr.

Doch hier in diesem kleinen unabhängigen Ladenlokal in der Nachbarschaft: Keine Dosen mit Chai, keine Backformen, keine Zen-Tischgartensets für echtes Feng Shui-Feeling, sondern nur Bücher, nichts als Bücher! Der Geruch von frisch bedrucktem Papier und Buchbinderleim liegt in der Luft. Und wie ruhig es hier ist…

Als ich den Laden verlasse, sind nicht nur fast neunzig Minuten vergangen, sondern ich habe auch noch über fünfzig Euro in anderes Druckwerk investiert. Drei Tage später halte ich auch das online so oft reklamierte Buch mit den Schauergeschichten in Händen. In fehlerfreier Ausfertigung. Und gebe noch mal mehr als die eigentlich budgetierten 3,95 aus. Aber ich habe einfach endlich wieder mal Freude daran gehabt, nach Büchern zu stöbern.

Man sollte sich nicht jedem Trend anschließen, denn wer nur in anderer Leute Fußstapfen tritt, hinterlässt bekanntlich keine eigenen Spuren. Aber Shop Local werde ich künftig beherzigen. Es hilft nicht nur den kleinen Händlern vor Ort, die nicht die geballte Marktmacht eines Großunternehmens in der Hinterhand haben, es ist auch für mich als Käufer eine Bereicherung. Sicher bleibe ich auch weiterhin Online-Kunde, aber ich möchte schon darauf achten, künftig hauptsächlich Dinge dort zu besorgen, die ich über Shop Local nicht bekommen kann, was es ja durchaus immer noch gibt.

Ansonsten möchte ich versuchen, hauptsächlich hier im Viertel zu kaufen – nicht nur um die kleinen Läden gegen die Großkonzerne zu unterstützen, sondern auch weil ich das Einkaufserleben wieder etwas mehr lernen möchte, wie mir dieser Buchkauf gezeigt hat. Es macht einfach mehr Spaß, sich im Laden mit einem kundigen Menschen von Angesicht zu Angesicht auszutauschen, als nur online gesichtslose Rezensionen durchzublättern.

Inzwischen habe ich übrigens auch einen neuen Gemüsehändler (ohne Verkauf für Handy-Prepaidkarten), Friseur (ohne Tintenpatronentankstelle) und Blumenladen (ohne Coffee-to-go-Shop) gefunden…

Hinweis: Hierbei handelt es sich um einen Beitrag vom 20.11.2013 aus meinem alten Blog

Sand in den Schuhen…

20131130-01… und völlig falsche Vorstellungen im Hirn.

1973 war insgesamt ein gutes Jahr: Luxemburg gewinnt mit einem wirklich schönen Lied den Grand Prix Eurovision. Der US-Wissenschaftler Martin Cooper benutzt das allererste Mobiltelefon. Elvis Presleys Aloha from Hawaii-Konzert bricht alle Rekorde.

Ob mein Erscheinen auf diesem Planeten auch zu den guten Ereignissen gehört, können allerdings nur meine Eltern beurteilen. Jedenfalls bin ich ein waschechtes Kind der 1970er, so richtig mit Bazooka-Kaugummi, Snickers in der roten Verpackung, Muppet Show im Fernsehen, Bernard und Bianca im Kino und Hui Buh auf Schallplatte. Nicht zu vergessen die ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck. Da gab es irgendwann mal ein Lied Ich hab‘ noch Sand in den Schuhen aus Hawaii; Bata Illic sang von seligen Urlaubserinnerungen und wie anders es doch zuhause ist.

Wir haben das Phänomen alle schon mal erlebt: Der Limonenlikör, der abends auf der Hotelterrasse mit Blick auf die Bucht von Palermo so wunderbar schmeckt, wird nach dem ersten Verkosten auf der heimischen Terrasse im Ausguss der Spüle versenkt. Das schicke bunte T-Shirt mit dem I’m too sexy for this shirt-Aufdruck, das so richtig zum sonnigen Strandleben gepasst hat, wirkt im grauen Ruhrpott viel zu schrill und wird zur Dunkelhaft im Kleiderschrank verdonnert. Et cetera.

Heute wurde ich an einen eigenen solchen Fehltritt erinnert. Der Winter naht mit großen Schritten, also der ideale Zeitpunkt, das zu tun, was man über den ganzen Sommer hinweg vor sich hergeschoben hat. Bei mir heißt das gelegentlich „Aufräumen des Kleiderschranks“. Dabei bin ich auf ein Paar Schuhe gestoßen. Auf dem Boden lagen sie, ganz hinten an der Rückwand, unter einem Stapel mit nicht sortierter Socken (auch so eine Baustelle!) vergraben. Vier, fünf Jahre müssen sie da gelegen haben. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber warum? Ich hatte sie doch wirklich gerne gekauft und getragen. Zumindest damals. Im Urlaub. An der Ostsee. Im Mai. Zur Rapsblüte.

Genau. Die Rapsblüte hatte den Ausschlag gegeben. Denn in genau so herrlich strahlendem Gelb, wie der Raps sich im Mai in Ostholstein präsentiert, hatten auch die Schuhe in dem kleinen Laden an der Strandpromenade um Käufer gebuhlt. Die schmalen schwarzen Zierstreifen hatten das Gelb noch betont. Anprobiert, für bequem befunden, gekauft. Und natürlich auch getragen.

Dann war der Urlaub zu Ende. Ich nahm die Schuhe natürlich mit nach Dortmund, wo ich und mein Lieblingsmensch wohnen. Dort waren mir noch paar freie Tage vergönnt, an denen ich die Schuhe natürlich auch trug. Ich trug sie sogar, als es am ersten Arbeitstag wieder ins Büro ging. Bis mein Kollege während der Mittagspause auf dem Weg in die Kantine sagte: „Ziehst du die morgen auch zum Heimspiel an?“

Es dauerte eine Weile, bis bei mir der Groschen fiel. Klar. Dortmund. Schwarz-gelb. Nix mit Raps – in Dortmund ist man als absoluter Fußball-Nihilist mit dieser Assoziation ziemlich alleine. Ende der Urlaubsillusion. Aber ich verstand, warum mein Lieblingsmensch mich gewarnt hatte, dass ich diesen Kauf noch bereuen würde.