Blaue Stunde

Ich mag die blaue Stunde am Morgen. Draußen vor dem offenen Fenster fangen die ersten Vögel an zu singen. Die ersten Haustüren fallen ins Schloss, die ersten Schritte klackern über das Trottoir. Das Schwarz der Nacht wird langsam zum Blau des Tageshimmels.

Am liebsten ist mir die blaue Stunde in Altbauten. In solchen Gemäuern wird diese besondere Zeit noch von anderen Tönen untermalt.

Jedes alte Haus hat seine guten Geister, greifbare Erinnerungen an jene, die früher hier gewohnt haben. Am lebendigsten sind sie nicht um Mitternacht, sondern zur morgendlichen Schummerzeit. Sie wissen, dass das Bewusstsein der jetzt hier Weilenden nur auf Sparflamme kocht, es zwischen nicht ganz schlafend, aber auch nicht ganz wach schwankt, und die Geräusche von draußen sich mit surrealen Traumsequenzen vermischen. Darum sind sie behutsam und machen sich unaufdringlich bemerkbar. Hier und da das Knarzen einer Holzdiele, ein knackender Türrahmen, ein leiser Windhauch trotz geschlossener Fenster.

Unsichtbare Freunde, die den Weg in einen neuen Tag weisen.

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Haltet den Dieb… nicht!

Aus einem der Häuser in unserer Straße wurde eine Küchengarnitur mit einem Tisch und vier Stühlen getragen und neben der Haustür abgestellt. Dazu kamen eine alte Wirtschaftswunderstehlampe und ein Karton mit einem kompletten und intakten Kaffeeservice.  Zehn Minuten später kamen ein paar junge Leute vorbei, hielten kurzen Kriegsrat und nahmen die Klamotten mit. Uneingeweihte hätten es für einen dreisten Diebstahl halten können, doch das Ehepaar, welches die Möbel nach draußen gestellt hatte, freute sich nur.

Was mir an unserem Quartier in dem kleinen Emscherdorf wirklich gefällt, ist seine Mischung aus Uhlenhorst, Eimsbüttel und Hoheluft mit einem Touch St. Georg vor der Gentrifizierung. man kann hier wirklich ganz kommodig leben.

Am meisten mag ich die unkomplizierte Art, miteinander zu teilen. Weiterlesen „Haltet den Dieb… nicht!“

Nachschlag

Rainbowflag_neuVor einer Woche kochte das Thema Profisport & Homosexualität mal wieder etwas höher. Was hat sich seitdem getan? Wohl weniger, als wenn ein aktiver und etwas bekannterer Fußballer als Herr Hitzlsperger sich geoutet hätte. Trotzdem hat’s einiges an erhellenden, aber auch albernen Debatten gegeben. Manches war hochgradig verärgernd. Nicht nur die Kampagne gegen die Aufklärung zu sexueller Vielfalt in der Schule, sondern auch die Rufe in der Community, die Herrn Hitzlsperger den Mut seinen Schritt absprechen und den Mangel an Nutzen für eben jene Community reklamieren. Sich vor Freunden und Familie im Angesicht der Gefahr, fallengelassen zu werden, ans Coming out zu wagen, ist also nicht mutig? Wie schnell man doch die eigenen Nöte vergisst, durch die man selber gegangen ist…

Wie sehr freut mich da sein Statement, die Rolle als Symbolfigur nicht annehmen zu wollen. Warum sollte er auch die Community als Hauptintention für sein Coming out haben? In erster Linie gehört das Sortieren seines Lebens, der Unwille zum Versteckspiel gefolgt von einem Zwangsouting in der Presse nämlich allein ihm. Wenn sein Schritt darüber hinaus die Debatte zum Thema befeuert, ist das ein Nebeneffekt, an dem er aufgrund einer gewissen Bekanntheit kaum vorbeikommt, zu dem er jedoch mit Sicherheit nicht verpflichtet ist. Warum also diese Kritik an ihm, als wäre er der schwule Messias, der sich geweigert hat, seine Mission zu erfüllen?

Keine Missverständnisse, bitte: Es ist nach wie vor gut, was aus seinem Tun entstanden ist. Diskussion, weitere Coming outs, Gegenwind für die Verweigerer sexueller Aufklärung. Kaum ein Beruf steht so sehr im öffentlichen Fokus wie der Profifußball. Wenn von hier aus die Aufklärung, dass nicht jeder Homosexuelle automatisch ein Abziehbild von Albin/Zaza aus La Cage aux Folles ist, in andere “männliche”, aber weniger publicityträchtige Berufe getragen werden kann, ist das gut, denn so könnten auch schwule Bauarbeiter, Trucker, Soldaten etc. es künftig leichter im Leben haben.

Doch warum jetzt alle Erwartung und Enttäuschung in den ersten Profisportler legen, der sich geoutet hat? Ist Herr Hitzlsperger plötzlich the only gay in the village? Es muss doch nicht sein, dass jemand von einigen vorgeschoben wird, die einfach noch nicht so weit sind, ihren eigenen Kampf zu kämpfen, oder von einigen anderen verdammt wird, die sich ihr eigenes Zögern aus der Vergangenheit selbst nicht verzeihen können. Ist halt so gelaufen; man kann seine Historie nicht umschreiben, und jeder hat seinen eigenen Takt dafür, “es” auszusprechen, was auch ja auch so sein soll.

Eins sollte nämlich nicht vergessen werden: Ein prominentes Coming out bleibt für viele eine vage Sache. Man weiß um die Tatsache an sich, aber es hat keinen direkten Bezug zum eigenen Leben. Was hilft ein akzeptierter schwuler Promi in der Ferne, wo er für jene vollkommen abstrakt ist, die uns im direkten Umfeld aber Schwierigkeiten bereiten, weil sie das Thema da nicht so schön davonschieben können? Wenn eine Enkelin ihrer 75jährigen Großmutter erklärt und vorlebt, dass es den beiden Schwulen von nebenan nicht nur um den Geschlechtsakt geht, sondern darum, wem man zugetan ist, wenn es um von Liebe und Geborgenheit geht und für welchen Partner man notfalls mit seinem eigenen Leben einstehen möchte, und besagte Oma daraufhin eine Gratulationskarte zur Hochzeit des schwulen Paares schickt, sollte das ein wichtigerer Moment sein als alle prominenten Coming outs zusammengenommen.

Deswegen sei die Frage gestattet, ob es nicht mehr bringt, sich selber den Mut zum Sprechen zu erarbeiten bzw. eine eventuelle Komfortzone zu verlassen, um in seinem eigenen Mikrokosmos aufzuklären statt nach Promiidolen zu lechzen? Frei nach John F. Kennedy: “Frag dich nicht, was ein Promi tun kann – frag dich, was DU tun kannst.”

Uninteressante Interessen

Was habe ich sie geliebt, die Gilmore Girls. Lorelai und ihre Tochter Rory waren das beste Mutter-Tochter-Paar, welches das Fernsehen je hervorgebracht hat. Solange sie im TV liefen, habe ich sie immer geschaut, keine Folge verpasst. Wenn etwa mittwochs die letzte Folge lief, habe ich am Donnerstag wieder mit Folge 1 begonnen. Und das, obwohl ich deutsche Synchro wie die Pest hasse.

Als die DVDs zu einem erschwinglichen Preis erhältlich waren, habe ich mir alle sieben Seasons auf einen Schlag gekauft. Geschaut habe ich sie nie. Es ist wie mit dem schon mal erwähnten Limonenlikör: Im Urlaub hui, zuhause pfui.

Heute habe ich prüfend vor meinem DVD-Regal gestanden und ernsthaft überlegt, ob ich die Gilmore Girls nicht einfach in einem lokalen Second-Hand-Laden verkaufe.

Aber das habe ich dann auch nicht übers Herz gebracht.

Gefüllte Schleusenwärter

Nachdem meine Erkältung inzwischen so passé ist, dass ich sie regelrecht vergessen habe, ist nun mein mir Angetrauter an der Reihe. Da er mit so etwas immer etwas… nun ja, anders umgeht (mit anderen Worten: er jammert ganz entsetzlich) als ich („Is vun alleen kamen, mutt ook vun alleen wedder weggohn!“), bedarf es immer einiger Trostpflaster, um die Laune im Haus nicht allzu sehr kippen zu lassen. Also habe ich ihm vorhin Gefüllte Schleusenwärter kredenzt. Okay, okay – eigentlich sind es Gefüllte Arme Ritter, aber da Ritter in Hamburg bekanntlich bereits seit 1276 nicht einmal mehr Wohnrecht besitzen, ist dieser Name natürlich inadäquat.

Da es sich nicht um ein gehütetes Familienrezept handelt, hier die Zubereitung – vielleicht hat ja noch jemand anderes ein quengelndes Kleinki… ich meine, einen leidenden Ehemann zu trösten:

Gefüllte Schleusenwärter• 20 Scheiben Toastbrot

80 g Butter, geschmolzen

300 g Frischkäse

30 g Puderzucker

85 ml Milch

1 Päckchen Vanillezucker oder Mark 1 Vanilleschote

Zucker & Zimt nach Geschmack gemischt

  1. Backofen auf 180° Ober-/Unterhitze vorheizen.
  2. Vom Toastbrot die Kruste entfernen und anderweitig verwenden
  3. Toastbrotscheiben mit einem Nudelholz sehr flach rollen.
  4. Den Frischkäse mit Puderzucker, Milch und Vanille gut verrühren (wer mag, kann auch noch einen Esslöffel Orangensirup hinzugeben)
  5. Zehn Scheiben Toast in 2 Reihen zu 5 Stück eng zusammen auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen. Einen Backpinsel nehmen und die Scheiben dünn mit Butter bestreichen.
  6. Die Käsecrème gleichmäßig auf dem Toast verstreichen.
  7. Mit den übrigen 10 Toastscheiben abdecken. Die restliche Butter darauf verstreichen. Nach Geschmack mit der Zucker & Zimtmischung bedecken.
  8. 15 Minuten auf mittlerer Schiene im vorgeheizten Backofen backen, bis die Ecken leicht gebräunt sind. (Wer eine Grillstufe im Backofen hat, kann diese für die letzten 5 Minuten dazuschalten)
  9. Die 10 Toast-„Doppeldecker“ nacheinander vom Blech nehmen, jedes einmal in der Mitte durchschneiden, so dass man am Ende 20 Stück hat, und warm servieren.

Gutes Gelingen!

Nachtrag: Ich vergaß zu erwähnen, dass die Mengen in diesem Rezept natürlich für vier Personen (oder für zwei Personen für zwei Tage) gedacht sind…

Fastenkur

Seit Montag bin ich auf Diät. Nein, nicht die mit kalorienzählen. Die mit Bits und Bytes zählen. Sprich: Ich will meinen Internetkonsum deutlich reduzieren. Ich hänge beruflich schon genug vor der flimmernden Scheibe rum, da darf es außerhalb der Bürostunden künftig gerne weniger sein.

Vom Browser meines Smartphones habe ich sämtliche „Spaßlinks“ aus den Favoriten bzw. Apps gekillt und nur die nützlichen (Zugfahrplan etc.) behalten. Ähnlich konsequent ging’s am Schlepptop weiter – auch hier haben sich die Reihen der Favoriten merklich gelichtet. Fast alle Forumsmitgliedschaften sind komplett gekündigt; nur eine habe ich noch behalten, und die wird künftig auf maximal zwei Stunden am Wochenende beschränkt.

Nach fast einer Woche steht fest: Es hat sich gelohnt, weil ich nicht das Gefühl habe, etwas zu verpassen. Im Gegenteil. Ich hab‘ mich mal mit Freunden zu richtig tollen, intensiven Klönschnacks getroffen, mal nachmittags noch eine weitere kleine Joggingrunde eingeschoben, mal ein paar immer wieder verschobene Kleinigkeiten im Haus erledigt und generell das Gefühl gehabt, viel mehr Sinnvolles gemacht zu haben.

Ich hab‘ auch mehr gelesen. Nur an der Literatur an sich sollte ich noch schrauben – die zauberhaften Memoiren My Life in France der amerikanischen Köchin Julia Child und Fannie Flaggs Fried Green Tomatoes at The Whistle Stop Café haben mich zu Höchstleistungen in der Küche animiert. Da muss ich echt aufpassen. Sonst wird trotz Sport am Ende doch noch eine Diät fällig. Dann aber doch die mit den Kalorien.