Eine kleine Nachtmusik

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Nacht zum Sonnabend; Aufräumen nach einem gemütlichen Kochabend. Im Radio läuft Unconditionally, was mich an einen Blog denken lässt, den ich gelesen und kommentiert habe. Katy Perry ist so gar nicht mein Fall. Da kommt nichts rüber. In meinen Ohren singt sie einfach Arbeitsaufträge runter, die ihr die Produzenten auf den Notenständer legen. Ich mag es aber, wenn Künstler ihre Lieder nicht nur singen, sondern regelrecht leben und so viel Persönlichkeit in ihre Musik legen, dass ich ihnen jedes Wort abnehme, wie beispielsweise Dusty Springfield. Als sie 1966 Carole Kings Lebensresümeelied Goin‘ Back aufnahm, war sie erst 27 – und trotzdem passte es, weil sie es mit einer Intensität sang, die nur auf eigenen Erfahrungen beruhen konnte. Ähnliche Empfindungen hat Pink durchaus schon mal bei mir ausgelöst, eine Madonna oder eben das Käthe-Kind hingegen noch nie.

Trotz wirklich gelungener Ausnahmen ist mir die Musik aus der Zeit vor 1970 schlichtweg näher als das meiste von dem, was danach kam. Hinter dieser Musik steckte noch etwas. Goin‘ Back hat eine komplexe und doch eingängige Geschichte erzählt, mit der man sich identifizieren kann – bei einer Beyoncé bestehen von dreizehn Zeilen insgesamt sechs aus der Frage „Who run the world“. Banaler geht es kaum.

Des Weiteren sind mit vielen Liedern der old school interessante Geschichten verbunden, welche eine Aufnahme mit noch mehr Leben füllen. Wer z. B. die Hintergründe zu Ciao, Amore Ciao kennt, wird dieses Lied mit ganz anderen Augen sehen, weil es eben nicht nur ein Lied ist, sondern auch ein tragischer Teil der Biographie von Dalida.

Hinzu kamen die Künstler selbst. Gewiss, Musik war auch damals schon eine Industrie, aber ihre Vertreter waren keine Massenprodukte. Statt steriler, einheitlicher, sich jedem Trend und ohne Mumm zu Individualität unterwerfender Räder in einer Maschinerie waren sie eigenständige Menschen mit hohem Wiedererkennungswert. Sie brauchten auch keine aufwändigen Lasershows, ständige Kostümwechsel, halbnackte Tänzer und Feuerwerkskracher. Eine – abgesehen vom Orchester – leere Bühne und ein Mikrophon reichten völlig aus. Den Rest brachten die Stars mit: Talent, Stimme und vor allem individuelle, starke Persönlichkeiten, die man aus jeder Note heraushörte. Mich erstaunt gar nicht, dass ein Album mit fast 70 Jahre alten Aufnahmen es schaffen kann, aktuelle Produktionen wochenlang von Platz 1 der Charts fernzuhalten und Vera Lynn mit 91 Jahren zur ältesten Chart Topperin der Welt zu machen.

Ironischerweise waren Dame Vera und die anderen Vertreter(innen) ihrer Generation mit ihren puren Auftritten (ganz egal, ob sie dabei charmant oder zickig-divenhaft daherkamen) und der Ehrlichkeit in ihrem Vortrag genau das, was Katy Perry nicht ist: Bedingungslos – Unconditionally.

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Sockentriumph

Eigentlich sollte ich über dem Manuskript für meinen nächsten Roman brüten, doch was gerade passiert ist, muss ich einfach rasch erzählen.

Vor nicht mal zehn Minuten kam mein mir Angetrauter ganz zerknirscht zu mir ins Arbeitszimmer, ich möge doch bitte mal mitkommen. Also folgte ich ihm ins Wohnzimmer an seinen Rechner; er hatte die Mediathek einer Verbrauchersendung aufgerufen und schaute gerade einen Bericht, den er bei der TV-Ausstrahlung verpasst hatte. Es ging ums Wäschewaschen. Ein paar Minuten davon waren auch dem berühmten sockenfressenden schwarzen Loch in der Waschmaschine gewidmet (dessen anderes Ende bekanntlich ganz woanders liegt).

© 2014 by Gerrit Jan Appel

Was haben mein Mann und ich uns für verbale Kleinkriege darüber in sechzehn Jahren geliefert! Ich habe unbeirrbar auf der Existenz bestanden, wenn mal wieder ein Socken verschwunden war, während Männe mir mit lebenslangem Entzug des Nachtischs gedroht hat, falls ich „diesen horrenden Blödsinn“ noch einmal aufs Tapet bringen würde. Doch jetzt wurde es mit einer genauen Erklärung endlich aus dem Reich der Legenden gezogen und zur belegten Tatsache erklärt (sie werden beim Waschvorgang in den Schlitz zwischen Trommel und Türdichtung gezogen und die Pumpe erledigt den Rest). Fernsehen bildet! Ich glaube, mein Triumphgeheul war in der ganzen Stadt zu hören.

Eigentlich ist es ja ganz schön, wenn ein fast seit dem ersten Tag der Beziehung schwelender Disput zum Ende gebracht werden kann. Blöd ist nur, dass wir uns jetzt was für die nächsten sechzehn Jahre einfallen lassen müssen, es soll ja weiterhin spannend bleiben. Kennt zufällig jemand noch andere Haushaltsmythen, über die man sich herrlich in die Wolle geraten kann…?

„Ich brauch‘ Tapetenwechsel“, sprach die Küche

Nachdem das Vorhaben wegen mehrerer langwieriger Erkrankungen wiederholt verschoben werden musste, soll es im Juni nun endlich in die Tat umgesetzt werden: Küche streichen und neue Deko.

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Nach sechs oder sieben Jahren im Stil einer ländlichen Deel mit Motiven der ostholsteinischen Küste des Mare Balticum soll es nun mehr gen Hamburg gehen. Damit es wieder so wohnlich wird wie bisher, ist eine sorgfältige Auswahl bei den Motiven für die Bilderrahmen notwendig. Nicht ganz einfach, hat die letzte Zählung der Heimat-Fotos auf unserer Fotofestplatte doch exakt 4.493 Dateien ergeben. Die Qualität moderner digitaler Spiegelreflexkameras ist ja schön und gut, aber der klassische Zelluloidfilm mit seinen 36 Aufnahmen (und den Kosten für Entwicklung und Abzüge!) hat dem Knipstrieb wenigstens noch gesunde Zügel angelegt.

Hinzu kommen die weiteren Möglichkeiten, die das digitale Zeitalter bietet: Klassisches „gedruckt wie geknipst“, oder Spielereien mit Daguerreotypie-Optik, Farbklecksen, Leinwand-Effekt, Polaroid-Foto-Fake… Die Auswahl ist schier unendlich, zumal die Frage der ansprechenden Präsentation auch noch gelöst werden muss: Die alten Rahmen im skandinavischen Stil behalten? Auf etwas Neues umsteigen? Verschnörkelt? Rahmenlos? Sachliches Schwarz? Oder gar mal etwas Luxuriöses in Form eines Drucks auf gebürstetem Aluminium?

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Dabei ist es keinesfalls so, als würde da bei meinem Gemahl und mir ungetrübte Einigkeit bestehen! Unzählige Kannen Kaffee sind seit Sonnabend über dieser Diskussion draufgegangen, und von einer Einigung wir noch sehr weit entfernt.

Bin mal gespannt, ob wir unseren Zeitplan für die Renovierung wirklich halten können…

Wanna cup o‘ tea, luv?

Eigentlich bin ich nahezu Fernseh-Nihilist – bis auf eine Ausnahme habe ich von unserem Fernsehgerät anno 2013 keinen Gebrauch gemacht. Wozu auch? Gerade zeigt ein ursprünglich in Luxemburg beheimateter Sender wieder mit Übertragungen vom 5. Kontinent, dass man nix verpasst, wenn die Kiste aus bleibt. Es wäre wohl auch 2014 so weitergegangen, wenn mich liebe Freunde nicht auf die Sitcom Mrs. Brown’s Boys aufmerksam gemacht hätten.

Agnes Brown ist eine irische Mammy, die die Zügel ihrer Familie fest im Griff hat. Sie hat ein lautes, loses Mundwerk (fast jeder Satz beinhaltet einen Kraftausdruck und sehr rustikale Titulierungen des Gegenübers wie wie „Ye gobshite“, „F*ck off“ oder „Ye feckin‘ eejit!“) und lässt kein Fettnäpfchen aus. Im Gegenteil, sie springt munter von Fritteuse zu Fritteuse. Doch hinter der harten Schale steckt ein riesengroßes weiches Herz, das wie eine Löwin für das Glück ihrer Kinder kämpft – assistiert von ihrer besten Freundin Winnie McGoogan, mit der sie unzählige „cup o‘ tea“ schlürft.

Genau hier setzt der Charme ein: Zum Brüllen komische Pointen auf der einen Seite, herzergreifende Taschentuchmomente auf der anderen. Ich habe bisweilen vor Rührung so geblarrt, dass ich den DVD-Player auf Pause schalten musste.

Ähnlich wie The Golden Girls in den 1980ern nähert sich Mrs Brown’s Boys über das Stilmittel der Komödie auch eindringlich ernsten Themen: Die Haltung der Katholischen Kirche zur schwulen Ehe und Analphabetismus, dysfunktionale Familien – brüllend komisch aufbereitet und dabei doch so respektvoll, dass man als Zuschauer am Ende der Folge nachdenklich zurückbleibt.

Die professionellen Kritiker in England und Irland hassen Mrs Brown’s Boys förmlich; es gibt kaum eine wohlmeinende Rezension. Die Einschaltquoten sprechen jedoch eine andere Sprache: Die Weihnachtsspecials 2013 lagen weit vor dem sonstigen Publikumsliebling Downton Abbey. Das Publikum liebt Agnes Brown und ihren Clan, weil sie so echt daherkommen.

Das Gefühl, in liebevoll überzeichneter Form der Familie zu zuschauen, die man gerne selber hätte (oder sogar schon hat), kommt nicht von ungefähr: Erfinder und Hauptdarsteller Brendan O’Carroll hat seine ganze Familie und besten Freunde an der Serie beteiligt – ein richtiger Clan, und das merkt man. Da ist so viel Liebe und Hingabe dabei, dass man sie alle ins Herz schließen muss. Sie machen sich gar nicht die Mühe, dabei perfekt zu sein. Versprecher? Requisite umgeworfen? Egal, dann wird die Szene wiederholt – und die Fehlversuche werden nicht einmal aus der fertigen Folge rausgeschnitten, und obendrein wird ganz absichtlich improvisiert. Es ist alles so menschlich, was sich auch im gesprochenen Wort ausdrückt: Die Dialoge sind so gestaltet, wie der ganz normale irische/britische Durchschnittsbürger spricht – mit verschluckten Silben, lokalen Dialekten, ungefilterten Schimpfworten und so weiter. Von dem sorgfältigen polierten Haus am Eaton Place-Oxford-English aus dem Lehrbuch, wie es u. a. in der BBC-Sitcom Keeping up appearances äußerst witzreich karikiert wurde, keine Spur.

Leider ist genau deswegen nicht davon auszugehen, dass Mrs. Brown’s Boys je im deutschen Fernsehen auftauchen wird. Die Serie ist so typisch irisch, dass sie selbst mit dem besten Team einfach nicht in deutscher Synchro funktionieren würde. Hier reicht es einfach nicht, nur die Dialoge zu übersetzen. Man müsste sowohl als Sprecher als auch als Zuschauer die britische und irische Seele ausreichend kennen und verstehen, um die Serie so zu bearbeiten, dass sie in Deutschland nicht nur von den Worten, sondern auch von der Seele begriffen wird.

Aber ich find’s einfach schön, in Zeiten, in denen auf der ganzen Welt Fernsehsendungen, die nur darauf ausgelegt sind, andere Menschen vorzuführen und zu erniedrigen, in der Überzahl sind, gelegentlich auch mal auf eine echte Perle zu stoßen.

Blaue Stunde

Ich mag die blaue Stunde am Morgen. Draußen vor dem offenen Fenster fangen die ersten Vögel an zu singen. Die ersten Haustüren fallen ins Schloss, die ersten Schritte klackern über das Trottoir. Das Schwarz der Nacht wird langsam zum Blau des Tageshimmels.

Am liebsten ist mir die blaue Stunde in Altbauten. In solchen Gemäuern wird diese besondere Zeit noch von anderen Tönen untermalt.

Jedes alte Haus hat seine guten Geister, greifbare Erinnerungen an jene, die früher hier gewohnt haben. Am lebendigsten sind sie nicht um Mitternacht, sondern zur morgendlichen Schummerzeit. Sie wissen, dass das Bewusstsein der jetzt hier Weilenden nur auf Sparflamme kocht, es zwischen nicht ganz schlafend, aber auch nicht ganz wach schwankt, und die Geräusche von draußen sich mit surrealen Traumsequenzen vermischen. Darum sind sie behutsam und machen sich unaufdringlich bemerkbar. Hier und da das Knarzen einer Holzdiele, ein knackender Türrahmen, ein leiser Windhauch trotz geschlossener Fenster.

Unsichtbare Freunde, die den Weg in einen neuen Tag weisen.

Haltet den Dieb… nicht!

Aus einem der Häuser in unserer Straße wurde eine Küchengarnitur mit einem Tisch und vier Stühlen getragen und neben der Haustür abgestellt. Dazu kamen eine alte Wirtschaftswunderstehlampe und ein Karton mit einem kompletten und intakten Kaffeeservice.  Zehn Minuten später kamen ein paar junge Leute vorbei, hielten kurzen Kriegsrat und nahmen die Klamotten mit. Uneingeweihte hätten es für einen dreisten Diebstahl halten können, doch das Ehepaar, welches die Möbel nach draußen gestellt hatte, freute sich nur.

Was mir an unserem Quartier in dem kleinen Emscherdorf wirklich gefällt, ist seine Mischung aus Uhlenhorst, Eimsbüttel und Hoheluft mit einem Touch St. Georg vor der Gentrifizierung. man kann hier wirklich ganz kommodig leben.

Am meisten mag ich die unkomplizierte Art, miteinander zu teilen. Weiterlesen „Haltet den Dieb… nicht!“