Frühjahrsputz

Balkon ist gut, Loggia ist besser. Auch wenn man noch eine Jacke braucht, ist unser wind- und regengeschütztes Open-Air-Zusatzzimmer mangels richtigen Winterwetters in diesem noch recht jungen Jahr schon mehrmals in Gebrauch gewesen, denn ein, zwei Becher Kaffee lang kann man es an dem einen oder anderen Tag durchaus schon draußen aushalten.

Nun soll man den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben oder besser den Winter nicht vor Ostern, trotzdem haben wir gestern beschlossen, dass das Gröbste vorüber ist, und in einem Anflug von Kühnheit den „Ostflügel“ für die neue Saison hergerichtet. Natürlich haben wir nicht erwartet, alles so sauber und schier vorzufinden wie dereinst Omas gute Stube, die nur zu Geburts- und Feiertagen „hochgefahren“ wurde, aber es ist trotzdem erstaunlich, was sich in knapp fünf Monaten ohne Nutzung an vom Winde verwehter Erde, Blätter, Tannennadeln in den Ecken ansammelt.

Außerdem waren unsere gefiederten Freunde auch nicht untätig. Einigen heimischen Vogelarten wird mitunter Lernfähigkeit attestiert, doch den hier im Garten beheimateten Piepmätze scheinen die einschlägigen wissenschaftlichen Publikationen unbekannt zu sein, sonst würden sie nicht wieder und wieder auf der stets vergeblichen Suche nach schmackhaften Gewürm unsere Blumenkästen umgraben und alles, was ihnen dabei im Weg ist, wild durch die Gegend schmeißen.

Aber nun ist alles wieder nett hergerichtet, und wenn jetzt noch Mutter Natur mitspielt, sieht es bald bei uns wieder so aus:

© 2014 by Gerrit Jan Appel
© 2014 by Gerrit Jan Appel
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Malwine

© 2014 by Gerrit Jan Appel
© 2014 by Gerrit Jan Appel

Neue Woche, neue Energie, neue Ideen. Ich wollte einfach mal in einem ganz anderen Genre als sonst schreiben. Dabei herausgekommen ist eine Story im Stil einer altviktorianischen Geistergeschichte à la H. D. Everett oder Amelia B. Edwards. Ich freu‘ mich bannig, das geschafft zu haben! Mal schauen, vielleicht gibt’s bald eine Veröffentlichung für eBook-Reader…

Hafengayburtstag

© 2014 by Gerrit Jan Appel
© 2014 by Gerrit Jan Appel

Der Hafengeburtstag gehört zu Hamburg wie der Hafen selbst. In diesem Jahr wird das 825. Wiegenfest begangen, und neben 300 Schiffen werden wie immer auch hunderttausende Menschen aus aller Welt erwartet, die an dem bunten Programm mit Schiffsbesichtigungen, Einlauf-/Auslaufparade, Regatten, Schlepperballett und zahlreichen Rahmenveranstaltungen teilnehmen. In diesem Jahr wird es, wie der Lokalpresse zu entnehmen ist, mit Harbour Pride erstmals einen reinen LGBT-Programmpunkt geben. Auf einem eigens reservierten Areal soll es Veranstaltungen wie auf der Gay Pride im August geben mit Travestie, Infoveranstaltungen und einem Gay Village.

Prima, da weiß ich schon, was nicht besuchen werde, wenn ich zum Hafengeburtstag in der Heimat weile. Nicht etwa, weil ich eventuell fehlende maritime Elemente beklage – statt im Discofummel treten die Travestiekünstler halt in Rollkragenpulli und weißen Leinenhosen auf, singen Ein Schiff wird kommen statt I Am What I Am und die Sache ist geritzt.

Der Punkt ist, dass ich diese Extrawürste (wie etwa auch den schwulen Abend beim Oktoberfest in München) hochgradig kontraproduktiv finde. Natürlich wird von allen Beteiligten nach außen propagiert, dieser Festivalbeitrag solle die Toleranz und Weltoffenheit der Stadt betonen, und hinter dem gemeinsamen Feiern stünde die Absicht, Vorurteile abzubauen. Nette Worte, würden sie in meinen Augen nicht durch die Art der Ausführung durch beide Seiten konterkariert. Wie kann ich denn gleichwertige Behandlung in der Gesellschaft erwarten, wenn ich es zulasse, dass ich durch eine solche Organisation eher als eine Besonderheit herausgestellt werde? Wirklich schade, dass die Veranstalter sich darauf eingelassen haben.

Auch für Hamburg an sich finde ich das Vorhaben – sollte es denn wirklich in dieser Art kommen – eher peinlich. Eine Stadt, die immer wieder mit ihrer Weltoffenheit prahlt, unterwandert doch ihre erklärte Absicht, wenn sie die schwulen Programmpunkte auf eine Stelle abseits des Hauptgeschehens zwischen Landungsbrücken und Chicagokai konzentriert, wodurch sie wie ein neu präsentiertes Gehege bei Hagenbeck wirken.

Los, Leute, setzt euch zusammen, hebt diese Abgrenzung auf und schmeißt alles in einen Pott. Nächstes Jahr beim Hafengeburtstag finden die Travestieacts dann an der Hafenmeile auf derselben Bühne statt wie die NDR-Livesendungen, und der Veranstalter für Gay-Kreuzfahrten hat seinen Stand direkt neben der Tourist-Info aus dem Gastland des Jahres. Dann ist es wirklich so bunt, wie es sein sollte, „un denn kiek ik mi dat ook bannig gern an“.

Crazy Kitchen

Manchmal sorgt das Web echt für spannende Ideen. Kürzlich las ich nur das Wort Colabraten und dachte reflexhaft: Igittigittpfuideibelbäh. Ein paar Tage vergingen, dann wollte ich mal wieder Buttermilchkartoffeln als Beilage kochen und griff ins Bücherregal zu meinem Hamburger Kochbuch. Daneben stand das Buch zur ehemaligen TV-Show Kochduell, das mir vor Ewigkeiten zum Geburtstag geschenkt worden war. Zur Erinnerung: Die Aufgabe für die Kandidaten bestand darin, für 15 Mark (da sieht man, wie alt das Werk ist) möglichst absurde Zutaten zu kaufen, welche einen Profikoch vor die heldenhafte Aufgabe stellten, etwas möglichst Delikates daraus zu zaubern.

Als ich das Buch in der Hand hielt, fiel mir der Colabraten wieder ein. Die Buttermilchkartoffeln wurden verworfen, weil ich mich zum Kochduell mit mir selber aufforderte. Der erste Blick auf die seit fast zehn Jahren nicht mehr gelesenen Rezepte ließ mich kurzzeitig am Verstand der Rezepterfinder zweifeln. Edles Lammfleisch mit schnöden Salzstangen kombiniert? Schillerlocken im Kohleintopf? Maronen mit Alete Fruchtbrei für Babies?

Andererseits – mit einem britischen Großvater liegt mir Exzentrik quasi im Blut, also Herausforderung angenommen! Inhaltsverzeichnis aufgeschlagen, Augen zu und mit dem Zeigefinger auf eine beliebige Stelle getippt. Was soll ich sagen… die im Mandel-Mehl-Ei-Milch-Teig frittierten Broccoliröschen war so lecker, dass sie nicht mal lange genug „überlebt“ haben, um für diesen Eintrag fotografiert zu werden.

Wer ist Daphne?

Nach der Rumpelkammer habe ich mich in den letzten Wochen immer wieder mal für ein halbes Stündchen unserem Hängeboden gewidmet, jene eingezogene Zwischendecke über der Küchen- oder Wohnungstür, die in gutsituierten Familien des 19. Jahrhunderts als Schlafgelass für das in der Hierarchie weiter unten stehende Personal diente (Näheres hierzu verraten die Werke von einschlägigen Autoren wie Hedwig Courths-Mahler, Theodor Fontane oder Utta Danella), heute in Altbauten jedoch als Lagerraum für Dinge herhalten muss, für die der Keller zu kalt, überfüllt und feucht ist.

Auch auf so einem Hängeboden sammelt sich eine ganze Menge Plunder an, den man „irgendwann“ mal aussortieren will. Inzwischen habe ich endlich die Kurve gekriegt, und jeden Tag werden einige Teile wieder in den Haushalt integriert oder ins lokale Recyclingsystem gespeist.

Gestern hielt ich plötzlich ein einzelnes Blatt aus einem Buch in Händen. Keine Ahnung, wann es aus dem zugehörigen Werk der Hochliteratur gefallen ist, es muss nur schon eine ganze Weile her sein, denn eigentlich hatte ich in diesem Karton seit Jahren Tischdecken gelagert; besagtes Blatt musste also noch von der vorherigen Füllung stammen. Ich las die wenigen Zeilen auf beiden Seiten, in denen es um eine Daphne ging, die in ziemlich schmalzigen Worten und unnötig epischer Breite darüber resümiert, wie die Mutterschaft sie verändert hat.

Nun gibt es zwar in einem meiner Romane eine Daphne, aber die kann keine Mutter sein, weil sie eigentlich Sven heißt und nur abends als Teil eines Travestieakts in Frauenkledaasche auf die Bühne geht. Aber auch da geht es dann nicht um Mutterfreuden.

Es muss sich also um eine ganz andere Daphne handeln. Seitdem ist mein kriminalistischer Spürsinn geweckt – vielleicht findet sich das um eine Seite beraubte Werk ja doch noch irgendwo in meiner Riesenbibliothek. Sachdienliche Hinweise der Leser des Wortgepüttscher werden natürlich auch gerne entgegengenommen!

Eine kleine Nachtmusik

Balkon Collage 1

Nacht zum Sonnabend; Aufräumen nach einem gemütlichen Kochabend. Im Radio läuft Unconditionally, was mich an einen Blog denken lässt, den ich gelesen und kommentiert habe. Katy Perry ist so gar nicht mein Fall. Da kommt nichts rüber. In meinen Ohren singt sie einfach Arbeitsaufträge runter, die ihr die Produzenten auf den Notenständer legen. Ich mag es aber, wenn Künstler ihre Lieder nicht nur singen, sondern regelrecht leben und so viel Persönlichkeit in ihre Musik legen, dass ich ihnen jedes Wort abnehme, wie beispielsweise Dusty Springfield. Als sie 1966 Carole Kings Lebensresümeelied Goin‘ Back aufnahm, war sie erst 27 – und trotzdem passte es, weil sie es mit einer Intensität sang, die nur auf eigenen Erfahrungen beruhen konnte. Ähnliche Empfindungen hat Pink durchaus schon mal bei mir ausgelöst, eine Madonna oder eben das Käthe-Kind hingegen noch nie.

Trotz wirklich gelungener Ausnahmen ist mir die Musik aus der Zeit vor 1970 schlichtweg näher als das meiste von dem, was danach kam. Hinter dieser Musik steckte noch etwas. Goin‘ Back hat eine komplexe und doch eingängige Geschichte erzählt, mit der man sich identifizieren kann – bei einer Beyoncé bestehen von dreizehn Zeilen insgesamt sechs aus der Frage „Who run the world“. Banaler geht es kaum.

Des Weiteren sind mit vielen Liedern der old school interessante Geschichten verbunden, welche eine Aufnahme mit noch mehr Leben füllen. Wer z. B. die Hintergründe zu Ciao, Amore Ciao kennt, wird dieses Lied mit ganz anderen Augen sehen, weil es eben nicht nur ein Lied ist, sondern auch ein tragischer Teil der Biographie von Dalida.

Hinzu kamen die Künstler selbst. Gewiss, Musik war auch damals schon eine Industrie, aber ihre Vertreter waren keine Massenprodukte. Statt steriler, einheitlicher, sich jedem Trend und ohne Mumm zu Individualität unterwerfender Räder in einer Maschinerie waren sie eigenständige Menschen mit hohem Wiedererkennungswert. Sie brauchten auch keine aufwändigen Lasershows, ständige Kostümwechsel, halbnackte Tänzer und Feuerwerkskracher. Eine – abgesehen vom Orchester – leere Bühne und ein Mikrophon reichten völlig aus. Den Rest brachten die Stars mit: Talent, Stimme und vor allem individuelle, starke Persönlichkeiten, die man aus jeder Note heraushörte. Mich erstaunt gar nicht, dass ein Album mit fast 70 Jahre alten Aufnahmen es schaffen kann, aktuelle Produktionen wochenlang von Platz 1 der Charts fernzuhalten und Vera Lynn mit 91 Jahren zur ältesten Chart Topperin der Welt zu machen.

Ironischerweise waren Dame Vera und die anderen Vertreter(innen) ihrer Generation mit ihren puren Auftritten (ganz egal, ob sie dabei charmant oder zickig-divenhaft daherkamen) und der Ehrlichkeit in ihrem Vortrag genau das, was Katy Perry nicht ist: Bedingungslos – Unconditionally.

Sockentriumph

Eigentlich sollte ich über dem Manuskript für meinen nächsten Roman brüten, doch was gerade passiert ist, muss ich einfach rasch erzählen.

Vor nicht mal zehn Minuten kam mein mir Angetrauter ganz zerknirscht zu mir ins Arbeitszimmer, ich möge doch bitte mal mitkommen. Also folgte ich ihm ins Wohnzimmer an seinen Rechner; er hatte die Mediathek einer Verbrauchersendung aufgerufen und schaute gerade einen Bericht, den er bei der TV-Ausstrahlung verpasst hatte. Es ging ums Wäschewaschen. Ein paar Minuten davon waren auch dem berühmten sockenfressenden schwarzen Loch in der Waschmaschine gewidmet (dessen anderes Ende bekanntlich ganz woanders liegt).

© 2014 by Gerrit Jan Appel

Was haben mein Mann und ich uns für verbale Kleinkriege darüber in sechzehn Jahren geliefert! Ich habe unbeirrbar auf der Existenz bestanden, wenn mal wieder ein Socken verschwunden war, während Männe mir mit lebenslangem Entzug des Nachtischs gedroht hat, falls ich „diesen horrenden Blödsinn“ noch einmal aufs Tapet bringen würde. Doch jetzt wurde es mit einer genauen Erklärung endlich aus dem Reich der Legenden gezogen und zur belegten Tatsache erklärt (sie werden beim Waschvorgang in den Schlitz zwischen Trommel und Türdichtung gezogen und die Pumpe erledigt den Rest). Fernsehen bildet! Ich glaube, mein Triumphgeheul war in der ganzen Stadt zu hören.

Eigentlich ist es ja ganz schön, wenn ein fast seit dem ersten Tag der Beziehung schwelender Disput zum Ende gebracht werden kann. Blöd ist nur, dass wir uns jetzt was für die nächsten sechzehn Jahre einfallen lassen müssen, es soll ja weiterhin spannend bleiben. Kennt zufällig jemand noch andere Haushaltsmythen, über die man sich herrlich in die Wolle geraten kann…?