Auftakt

MonroeDen dünnen Papierumschlag von allen Seiten betrachten. Die Werbung lesen.

Darin eine schwarze, runde Scheibe aus Schellack. Vorsichtig rausziehen und in die Hand nehmen. Ins Licht halten, das sich bricht in etwas, das wie tausend mikroskopisch kleine Schluchten wirkt, in Wahrheit aber nur eine einzige spiralförmige Rille ist.

Die schwarze Scheibe auf den Plattenteller legen.

Den Spieler in Gang setzen. Die Platte beginnt, bei 78 Umdrehungen pro Minute zu rotieren.

Den Tonarm vorsichtig auflegen.

Statisches Knistern.

Dann endlich die Klänge, auf die man sich gefreut hat.

Schöner kann man dem Wochenende kaum seinen Auftakt geben: Musik nicht einfach konsumieren, sondern zelebrieren.

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Unterschätzt

The Golden Girls, Episode 108: Dancing in the Dark. Rose hat sich in einen Mann verguckt, der sich zu ihrem Entsetzen als Collegeprofessor entpuppt. Auf einer Party bei ihm kommt folgende Frage auf: „Wenn Sie zwei beliebige Menschen, egal ob lebendig oder tot, bei sich zum Abendessen einladen könnten – wen würden Sie fragen?“

Die ganzen brillanten Köpfe werfen mit beeindruckenden Namen wie Winston Churchill um sich. Als Rose gefragt wird, antwortet sie: „Nur zwei? Oh, ich würde mich schuldig fühlen, wenn meine besten Freundinnen Dorothy und Blanche nicht dabei sein könnten.  Aber wäre es okay, wenn Jesus zum Nachtisch vorbeischaut?“

Sich nicht von prominenten Namen blenden lassen, die richtigen Prioritäten setzen, den wirklich wichtigen Leuten gegenüber loyal sein… Wer behauptet eigentlich immer, Rose sei das Dummchen? Eigentlich ist sie die Klügste von allen.

Indiebookday

Morgen ist Sonnabend, und für die meisten wird es ein ganz normaler Sonnabend sein mit allem, was sie sonst so am Sonnabend anstellen. Wahrscheinlich gehört auch ein ausgedehnter Einkaufsbummel dazu, sei es virtuell am datenverarbeitenden Endgerät des Vertrauens, sei es „live“ in der Fußgänerzone der Wahl.

Ein Vorschlag an die Leser des Wortgepüttscher – und gleichzeitig eine Bitte: Gebt diesem Einkauf an diesem Sonnabend (Samstag), den 22. März 2014 doch eine besondere Note, in dem ihr der Veranstaltung des Indiebookday etwas Beachtung schenkt. Mit diesem Tag soll die Aufmerksamkeit für den Literaturbetrieb im Bereich Independent gestärkt werden, also für jene unabhängigen Autoren und Verlage, hinter denen nicht die geballte Marktmacht von Großkonzernen steht, in denen Controller und sonstige Finanzjongleure den Ton angeben.

OLYMPUS DIGITAL CAMERANatürlich wollen auch wir Indie-Autoren und unsere Verlage unsere Werke verkaufen, dennoch steht bei uns die Leidenschaft für das geschriebene Wort im absoluten Vordergrund, nicht die BWL. Wir brennen für das, was wir tun, und es beflügelt uns, wenn sich andere von diesem besonderen Feuer mitreißen lassen. Leider werden wir oft von einem rein pekuniär agierenden System überrannt, und welche unschönen Folgen das auch für euch als Lesefreunde oder auch die Freunde anderer Kunst haben kann, hat der Stilpirat in wunderbare Worte gefasst.

Darum die Bitte: Nehmt am Indiebookday teil – in vielen Buchhandlungen gibt es längst eigene Ecken; die Online-Händler haben „Indie“ (oder auch „Independent“) in ihre Suchfilter eingebaut. Lasst euch beraten, stöbert nach Lust und Laune. Überschüttet das Indiebook-Segment mit eurer Aufmerksamkeit und seid neugierig auf das, was die Literatur abseits der Modeströmungen zu bieten hat. Und dann lasst es alle wissen, z. B. so, wie es die Buchstabenfängerin vorschlägt. In den Social Networks findet ihr unter dem Hashtag #indiebookday ganz viel zum Thema.

Indie-Literatur bietet für jeden etwas – ob nun bspw. humoristische Belletristik, wie ich sie mit meinen eigenen Büchern schreibe, Krimis, Fantasy oder etwa auch ein Drama aus den schottischen Highlands, wie es Stefan Radoi mit „Susannah“ erzählt. Es gibt keine Limits.

Gebt Indie eine Chance, lasst euch in andere Lesewelten entführen. Es lohnt sich.

Opulentes Mahl

SouvenirGestern beim Kramen in der Kiste mit Urlaubssouvenirs gefunden – eine Banknote im Wert von 50 thailändischen Baht. Könnte man ja mal in ein schickes Frühstück umsetzen. Mit einem Umrechnungswert von 1.11 € hätt’s glatt für zwei Kürbiskernbrötchen gereicht.

Zeitenwende

Soziale Kälte. Manchmal erlebt man sie am eigenen Leib oder wird sogar gezwungen, unfreiwillig zu ihrem Handlanger zu werden.

Es wurde wieder mal Zeit, eine Kiste mit Büchern und ähnlichem nach altbewährtem Muster vor die Tür zu stellen. Nach einer Viertelstunde war die Kiste halb leer. Nach einer halben Stunde klingelte ein Mitarbeiter unserer Wohnungsbaugesellschaft und verlangte sowohl die Entfernung der Kiste und verbot künftige Spenden nach diesem Muster.

Aus die Maus nach sechzehn Jahren, weil unsere angeblich gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft nicht mehr wünscht, dass ihre Mieter sich sozial verhalten und das, was sie zuviel haben, mit denen teilen, die nicht so viel haben. Wieder ist die Stadt ein Stück kälter geworden.

„Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“ (Max Liebermann)

Geschmack? Wo?

Feinkost_2bGestern nach Feierabend war ich mit meinem Mann einkaufen. Wir hatten eine Kleinigkeit zu feiern und waren deswegen in einem der alteingesessenen Feinkostläden der Stadt.

Wir haben uns richtig Zeit gelassen und die hausgemachten Delikatessen mit Sorgfalt ausgesucht, denn es ist dort wirklich nicht billig, und die große Auswahl kann einen schon in Entscheidungsnot bringen. Aber am Ende hatten wir fünf tolle, sündhaft teure Sachen, auf die wir uns richtig freuten und natürlich auch zuhause nett anrichteten.

Dann kam die feierliche Verkostung.

Ich wehre mich immer, wenn jemand bei einer Speise sagt „Das schmeckt nach nix.“ Alles hat einen Geschmack, selbst Wasser reizt einige Rezeptoren auf der Zunge. Doch diesmal schwieg ich, als mein Mann ganz enttäuscht zu mir sagte: „Das schmeckt ja alles nach gar nix!“

Denn er hatte recht. Ich hatte gerade selber eine herrliche, tiefrote Scheibe eingelegter Paprika auf meine Zunge gelegt und stellte fest, dass ich da zwar Paprika spürte, aber eben nichts… rein gar nichts schmeckte. Kein Paprikageschmack an sich, keine Spuren der Marinade. Ganz ehrlich: 08/15-Kantinenfutter schmeckt besser als diese angebliche Feinkost.

Dasselbe bei den Salaten, die angeblich so intensive Ingredienzien wie Chili und Knoblauch beinhalten sollten; Betonung auf sollten. Da war zwar eine ölig-schleimige Textur, aber oben genannte Rezeptoren fühlten sich nach Strich und Faden verarscht.

Betrübt gelangten wir zu der Ansicht, dass manche Läden irgendwann nur noch von ihrem alten Namen leben, aber nicht mehr von dem, was man heute als „Kernkompetenz“ bezeichnet.

Memo an die Küche: Feinkost heißt u. a. deswegen so, weil man die feinen Zutaten fein herausschmeckt – nicht, weil ihre Dosierung unterhalb der Nachweisbarkeitsgrenze liegt.