Über den Tellerrand geschaut (2)

Fundstücke aus anderen Blogs – Heute: Happy End erwünscht?

Bereits vorgestern wurde im Blog Libromanie in Bezug auf Bücher die Frage „Happy End erwünscht?“ gestellt.

Für mich als leidenschaftlicher Leser ist das defnitiv keine Frage, die sich pauschal mit „Ja!“ oder „Nein!“ beantworten lässt. Sie muss individuell bei jedem Buch neu aufgeworfen werden. Könnte man sich beispielsweise Han Suyins wundervolles A Many-Splendoured Thing (Alle Herrlichkeit auf Erden) mit einem Happy End vorstellen? Nicht wirklich. Manche Bücher werden gerade durch das Ausbleiben eines Happy Ends glaubwürdig und zu einer runden Sache. A Many-Splendoured Thing, übrigens eines meiner Lieblingsbücher, spielt vor dem Hintergrund des Chinesischen Bürgerkriegs 1927 – 1949. Ein Krieg fordert viele Opfer, und vor diesem Hintergrund kann die Romanze der Ich-Erzählerin, einer Halbchinesin, mit einem amerikanischen Kriegsreporter, die obendrein durch das Drama der Gebundenheit der  Erzählerin an die Traditionen ihrer Väter erschwert wird, einfach kein Happy End haben. Es wäre krampfhaft zusammenkonstruiert und vollkommen unglaubwürdig dahergekommen.

Ganz anders Rita Mae Browns Bingo: Dieser Band aus der Trilogie um die Hunsenmeir-Schestern Julia Ellen und Louise muss einfach mit einem Happy End daherkommen. Es ist ein völlig schräges Happy End, bei dem die Protagonisten mehr als eine gesellschaftliche Norm brechen, aber es passt auch einfach zu dem, was man auf der Reise vom ersten Kapitel zum Finale mit den Figuren erlebt hat, so dass auch hier das Gefühl entsteht: Es kann… darf gar nicht anders sein.

An dieser Stelle ein Zwischenruf: Was bedeutet Happy End überhaupt?

Es sollte auf keinen Fall mit einem guten Ende gleichgesetzt werden. Nehmen wir nur mal einen Krimi: Wenn der Mörder geschnappt ist, nimmt die Story sicherlich einen guten Ausgang, weil von diesem Mörder keine weiteren Opfer mehr zu erwarten sind. Aber happy ist das Ende doch auf keinen Fall. Denn da ist ja immer noch das Opfer, um das sich die Krimihandlung gedreht hat bzw. dessen Hinterbliebene. Die dürften erleichtert sein, aber ob sie happy sind, darf bezweifelt werden, denn ihr Verlust bleibt.

Zurück zur Frage – und um doch einmal kurz zu generalisieren: Wie an verschiedenen Ecken hier im Blog erwähnt bin ich ein so großer Fan von Schauergeschichten in altviktorianischer Erzählweise, dass ich mich mit meiner neulich veröffentlichen Kurzgeschichte Das Nebelschiff sogar selber (hoffentlich erfolgreich) an diesem Genre versucht habe. Was ich an Stories wie Das violette Automobil von Edith Nesbit oder Die Drehung der Schraube (auch bekannt unter den Titel Das Geheinis von Bly oder Bis zum Äußersten sowie dem Titel der Verfilmung Schloss des Schreckens mit Deborah Kerr) von Henry James so faszinierend finde, sind die Enden, die gar keine Enden sind. Irgendetwas bleibt immer offen, das den Leser einlädt, die Geschichte im Kopf selber zu Ende zu spinnen, damit er für sich selbst die Frage beantwortet bekommt: „Ist da nun wirklich etwas Übersinnliches geschehen, oder hat die Person sich das Ganze nur aufgrund nervlicher Überspanntheit eingebildet?“

Zusammengefasst also nochmal: Die Frage „Happy End erwünscht?“ kann gar nicht so allgemein beantwortet werden, wie sie gestellt ist. Zu der einen Story passt dies besser, zu der anderen jenes. Es kommt einfach ganz individuell auf das einzelne Buch an und wie sich die Geschichte darin entfaltet.

Mein geheimer Tag

20140715-1Einmal im Jahr gönne ich mir diesen Tag. Naja, eigentlich zwei Tage. Mindestens. Wenn möglich auch mehr. Da weiß niemand außer mir Bescheid, dass ich von 00:00:00 Uhr des Starttages bis 23:59:59 Uhr des Endtages komplett aus allem aussteige und heim nach Hamburg fahre. Ich bin weg, das Handy bleibt aus, Social Media wird ignoriert, die Welt kann mich mal.

Okay, mein Mann weiß Bescheid, damit er sich nicht wundert, wo ich abgeblieben sein könnte, aber auch, damit er besorgte Gemüter beruhigen kann, die mich vergeblich suchen. Doch selbst er erfährt es erst am Abend vorher, wenn ich Bahnticket und Hotelbuchung schwenkend zu ihm komme.

Ach ja, und das Wichtigste: Auch ich selbst informiere mich immer erst kurz vorher über meine Pläne (sehr merkwürdige Gespräche sind das jedes Mal…), denn ich entscheide mich von einer Minute zur anderen aus einem Bauchgefühl heraus dazu. Und ich liebe es. Einfach mal etwas aus heiterem Himmel gegen den Strich gebürstet tun und vor allem und jedem für eine nur mir bekannte Zeitlang komplett verschwinden. Unauffindbar sein. Mich selbst schick einladen und groß ausführen. Gewähltes Alleinsein. Oder mich spontan mit meinen Hamburger Freunden treffen – die kennen mein plötzliches Auftauchen in der Stadt wie einst die Bezaubernde Jeannie bei Major Nelson schon und haben sich daran gewöhnt. Ich mache nur das, was mir gut tut. Spaß haben, Herunterkommen, mich wieder erden und ja – auch, um an einem für mich ganz wichtigen Ort ein paar „innere Angelegenheiten“ mit mir abzumachen, Weichen zu stellen.

Nach sechzehn gemeinsamen Lenzen weiß mein Mann natürlich, wie ich ticke, und als am letzten Mittwoch der Beitrag Verrückt sein erschien, ahnte er noch vor mir, dass der Geheime Tag unmittelbar bevorstand. Im Frühjahr war er für drei Monate im Krankenhaus. Medikamentenneueinstellung. Kommt bei einer chronischen Erbkrankheit öfter vor. Bekannt also, bringt den Alltag aber trotzdem ganz schön durcheinander, und der Daheimgebliebene – in diesem Fall ich – hat sich mitunter um Dinge zu kümmern, die sonst gar nicht seine Baustelle sind, damit der Patient sich in Ruhe um seine Gesundheit kümmern kann. Dafür hat mein Mann sich bei mir bedankt, indem er eines Abends zu mir kam, mir eine Schmuckkarte in die Hand drückte, deren Inhalt mir einen zusätzlichen Tag in Hamburg sponserte. Hatte sich über Monate vom „Taschengeld“, wenn man das bei Erwachsenen noch so nennen darf, abgespart. Bevor interessierte Anfragen kommen – nein, diesen Mann gebe ich nicht mehr her!

So war ich also länger als ursprünglich geplant in der Heimat an der Elbe. Ganz für mich alleine, ganz mit mir alleine. Und was soll ich sagen – ich habe es genossen! So ein richtiges Batterieauftanken und auch eine kleine Belohnung für die letzten Wochen. Diejenigen, die meinem Profil Gerrit Jan Appel – Wortgepüttscher auf Facebook folgen, haben ja schon leise Andeutungen mitbekommen, aber jetzt will ich auch hier nicht mehr den Mantel des Schweigens drüber legen:

Viele Leser scheinen besonders meine beiden „Helden“ Holger und Christoph aus Wodka für die Königin ins Herz geschlossen zu haben. Darüber freue ich mich sehr und danke ganz herzlich dafür.

Obwohl das Buch nun schon ein paar Tage auf dem Buckel hat, bekomme ich immer noch Lob und Tadel dafür, aber auch die Fragen 1.) ob es mal was Neues mit den beiden geben wird und 2.) wenn ja, wann. Hier die Antworten:

1.) Ja.

2.) Innerhalb der nächsten vier Wochen. Ich kann schon verraten, dass das Buch Frag doch das Vanilleeis heißen wird.

Weitere Infos folgen natürlich noch, aber damit die Wartezeit nicht zu lang wird, hier schon mal einen kleinen Ausschnitt sowohl vom Titelbild des Covers als auch aus dem Text:

Fortsetzung folgt!

So oder so ist das Leben

Es gibt Tage, die besondere Überraschungen bereit halten. Der vergangene Ostersonntag startete eigentlich ganz normal. Ja, mein Wiegenfest stand an, dennoch hieß es auch an diesem Morgen wie an jedem Tag: Wecker. Aufstehen. Frühstücken. Anziehen. Joggen.

Bis vor etwas über einem Jahr bestand mein Tagesbeginn nur aus den ersten vier Punkten. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass Punkt fünf einmal unverzichtbar sein würde. Von allen sportlichen Aktivitäten war Jogging irgendwie für mich immer die am wenigsten reizvolle. Durch einen Zufall entdeckte ich es im Frühjahr 2013 aber doch für mich, seitdem jogge ich jeden Tag zwischen acht und zwölf Kilometern.

Es ist eine Art Meditation, denn inzwischen bin ich an dem Punkt angelangt, an dem es mir wirklich gelingt, beim Jogging an nichts, rein gar nichts zu denken. Wenn die Welt sich entscheidet, ausgerechnet in diesen fünfundsiebzig Minuten unterzugehen – bitte, gerne. Aber ohne mich. Bin beschäftigt. Unabkömmlich. Neue Vitalität sammeln.

Mit jedem Laufschritt werfe ich Ballast ab und werde entspannter, gleichzeitig aber auch offener und sensibler für das, was der Tag so bringt.

So auch am Ostersonntag. Da läuft plötzlich ein anderer Jogger an mir vorbei – ich weiß nicht mal, ob Mann oder Frau – und zieht eine parfümierte Duftwolke hinter sich her, durch die sich die Eisenbahnbrücke, über die ich grade laufe, in das Badezimmer unserer Ferienwohnung in Dahme an der Ostsee verwandelt. Ich bin wieder sechs Jahre alt, und bekomme von Oma das Gesicht gewaschen – mit einem eiskalten Waschlappen, auf dem sie vorher großzügig Seife der heute längst vergessenen Marke Atlantik verteilt hat. Eines dieser besonderen, willkommenen, von einem Duft, einem Geräusch oder auch nur einem Windhauch getriggerten Déjà vu-Erlebnisse, die längst vergangene Momente zurückbringen und die Erinnerung für den Nanobruchteil einer Sekunde wieder zur Realität werden lassen.

An Ostersonntag habe ich viele liebe Geburtstagsüberraschungen bekommen, doch dieser Die Atlantik an der Ostsee-Moment war die schönste, der lange nachgehallt hat.

Gestern am späten Nachmittag dann die traurige Überraschung, dass just an diesem Ostersonntag Ilse Gräfin von Bredow in Hamburg verstorben ist. Abschied von einer geschätzten Autorin, deren Geschichten in Büchern wie Kartoffeln mit Stippe und Ein Bernhardiner namens Möpschen graue Alltagsmomente verschwinden ließen – und die letztlich auch einer der Anstoßgeber war, warum ich selber mit der Schreiberei angefangen habe.

Hier wird gefeiert, dort wird Abschied genommen.

So oder so ist das Leben.* Viva la vida!**

* Hildegard Knef // ** Coldplay