Dreißig Jahre neues Leben

Sie galt für viele bereits als verloren. Ihre Rettung kam fast schon zu spät. Sie war in keinem guten Zustand. Sie schaffte nicht mal die Reise in ihre neue alte Heimat, zu schwach war sie für die letzten hundert Kilometer. So kurz vor dem Ziel doch das Ende…? Weiterlesen

Sex ’n‘ Spam

Moin!

Zum Start ins Wochenende gibt es auch heute Weiterlesen

Häppchenweise

Zum Wochenende einfach mal wieder eine Häppchensammlung mit schönen Sachen, quasi als mentaler Aperitif. Viel Spaß! Weiterlesen

Vergebliche Liebes(?)-Müh

20141022-01„Eine großbrüstige Zigarrenraucherin mit einem Lederfetisch will dich treffen“, verspricht mir die Betreffzeile der eMail von Ranjid, gesendet um 2:53 Uhr. Die von Joe um 3:46 verheißt eine „wolllüstige MDIGMFW (Slang für Muddi, die ich gerne mal f#*$§ würde), die meinen Riemen reitet“. Und Lynn will mich um 4:17 Uhr unbedingt kennenlernen, weil ihr meine Beule aufgefallen ist. Elf weitere eMails mit Betreffzeilen dieses Tenors haben sich noch in der selben Nacht angesammelt. Was schon in der deutschen Übersetzung furchtbar vulgär klingt (obwohl bereits dadurch entschärft, dass ich nicht wörtlich und vollständig übersetzt habe), hört sich im englischen Original auch nicht besser an, und ich kenne weder Ranjid, Joe und Lynn noch die anderen Absender.

Schützen kann man sich vor dieser Spam-Belästigung nicht wirklich, denn auch wenn man kein Kunde von Seiten ist, die FKK-Filmchen mit willigen Frauen anbieten (was in meinem Fall aus naheliegenden Gründen eine absolute Geldverschwendung wäre), haben die Versender dieser Massenmails Mittel und Wege, um an potenzielle Empfänger zu gelangen. Professionelle Adresshändler, selbst angezapfte Datenbanken – man kennt das aus einschlägigen Verbrauchersendungen. Und die Techniken, um Spamfilter zu umgehen, werden immer raffinierter.

Für die meisten von uns Internetusern ist diese Spamflut hauptsächlich nervig – gäbe man mir für jede Minute, die ich seit dem ersten Tag mit einem eMail-Postfach damit verbracht habe, Spam-Mail zu löschen und die Absender zu blockieren, auch nur einen einzigen Euro, hätte ich längst meine Traumwohnung in Hamburg (Hafenlage, Altbau, 3. Stock, Blick auf die Cap San Diego, direkt vor meinem Wohnzimmer führt die Trasse des Hochbahnviadukts vorbei) und ein Segelboot auf der Alster.

Für eine Handvoll User wird diese Spamflut jedoch zum handfesten Problem – nämlich dann, wenn sie auf die Versprechungen der Betreffzeile reinfallen, die Mail öffnen und dann noch den enthaltenen Link oder die beigefügte Anlage öffnen. Virus, gekaperter Rechner, Abofalle, Geldforderung, womöglich ist ein komplett neuer Rechner fällig – auch das kennt man aus zahlreichen Warnungen.

Faszinierend und erschreckend mutet in diesem Zusammenhang an, wie lohnend es für die Cyberkriminellen weiterhin zu sein scheint, dass unter tausenden völlig sinnlos ausgworfener Angelhaken wirklich immer noch genügend dabei sind, an denen die Fische anbeißen. Eigentlich müsste die Masche längst entsetzlich abgenutzt sein, die Warnungen so oft ausgesprochen, dass sie überflüssig sind.

Und überhaupt: Globalisierung schön und gut, aber wer hier in Deutschland ist wirklich so international vernetzt, um mit einem Absender, der sich einfach nur Jonathan, Ryūsei oder eben Ranjid nennt, auf so vertrautem Fuße zu stehen, dass er mit ihm eindeutige Filmchen und Fotos teilt? Über Facebook vielleicht, aber über die strunznormale und im WhatsApp-Zeitalter fast schon völlig veraltete eMail? Welcher der älteren Internetuser kann außerdem die englische Betreffzeile verstehen mit Ausnahme des Wortes aus dem 19., dem 5. und dem 24. Buchstaben des Alphabets?

Wäre da eine Renate mit einem „Apfelkuchenrezept von Oma“ da nicht ein viel effektiverer Köder? Oder ein Max mit seinem „Supertip, um beim Tanken zu sparen“? Doch nein, Sex sells scheint nach wie vor die Masche zu sein, um besonders Männer in die Internetfalle zu locken.

Verflixt, wie komme ich gerade auf dieses Thema? Ach ja, weil ich grade wieder mal in meinem eMail-Postfach einige verlockende Angebote (diesmal von Ruby, Amber und Samantha) gelöscht habe. Zum anderen, weil ich vorhin bei Facebook folgenden Spruch gelesen habe: „Der Cup-Hodenschutz wurde beim Hockey 1874 eingeführt, ein Helm erstmals im Jahre 1974. Das heißt, Männer haben nur 100 Jahre gebraucht um realisieren, dass das Gehirn auch wichtig ist.“

Honi soit qui mal y pense!

Hafengeschichten

He lücht (plattdeutsch für er lügt, auch: Helücht) ist nicht nur im Volksmund, sondern seit 1956 auch hochoffiziell die Bezeichnung für die lizensierten Barkassenkapitäne und anderen Fremdenführer Hamburgs, die Besuchern von Auswärts die Schönheiten der Hansestadt auf dem Wasserweg nahebringen und ihre Ausführungen dabei mit allerlei Ausschmückungen versehen, bei denen nicht immer klar ist, ob sie echt sind oder nur gut gesponnenes Seemansgarn.

Es gibt auch ein paar inoffizielle He lücht. Sie begegnen einem auf den Landungsbrücken, ganz am äußersten Ende bei der Rickmer Rickmers oder oben auf der Hafenpromenade, am meisten sind sie auf den diversen Hafenfähren vertreten, besonders auf der besonders populären Linie 62, Landungsbrücken – Finkenwerder – Landungsbrücken. Es sind ältere Herren von kräftiger Figur, guter Konstitution, mit robuster Kleidung, Elbsegler und wettergegerbtem Gesicht. Fast jeder von ihnen hat eine Tätowierung auf dem Unterarm. Scheinbar zufällig geraten sie mit den neben ihnen sitzenden Touristen in einen Schnack. Sie wissen genau, wen sie ansprechen können – das junge knutschende Pärchen sicherlich nicht, das will seine Ruhe haben. Dafür aber das Elternpaar mit dem Sohn, der so überwältigt ist vom Hafen, dass er kaum weiß, wohin er so zuerst gucken soll. Auch die beiden Witwen, welche die aufregende Reise von der münsterländischen Provinz in die Weltstadt angetreten haben, sind dankbare Zuhörer.

Der Gesprächsanfang wird geknüpft, dann erzählen die inoffiziellen He lücht zunächst viel über den Hafen. Kompetent, informativ und vor allem spannend reden sie von exotischer Fracht, der geheimen Ketelklopper-Sprache der Hafenleute und so weiter. Spätestens beim letzten Stop auf dem Rückweg zu den Landungsbrücken wechseln sie das Thema und sprechen von ihrer Jugend in der guten alten Zeit der Schifffahrt, als sie auf dem im Hafen als Museumsschiff liegenden Cap San Diego zur See gefahren sind. Da ist viel von Kameradschaft die Rede, vom Unterschied zwischen Tramp- und Linienschifffahrt, aber auch von Sturmfahrten, fernen Destinationen und dem Stolz, bei ausgerechnet dieser Reederei mit diesem Schiff gewesen zu sein.

Sie ist ja auch wirklich eine Schönheit.

Wahrscheinlich die ehrenamtlichen He lücht nicht wirklich alle auf der Cap San Diego unterwegs gewesen. Einige sind vielleicht auf einem der fünf Schwesterschiffe gefahren, der Cap San Nicolas etwa oder der Cap San Marco. Der ein oder andere mag für eine ganz andere Reederei unterwegs gewesen sein. Auf einem Schiff, dessen Namen heute niemand mehr auf dem Schirm hat, bei dem keiner zuhört, der nicht „zieht“. Bei der Cap San Diego werden die Ohren allerdings gespitzt.

Und wen schert schon diese kleine Ungenauigkeit? Diese Herren erzählen mit Wissen, echter Leidenschaft und einem feinen Gespür für das, was die Menschen über die Seefahrt hören wollen, nämlich den romantischen Teil.

Machen wir uns nichts vor – die Seefahrt war noch nie romantisch. Sie war… ist hart, entbehrungsreich, gefahrvoll… Völlig egal wie modern inzwischen alles geworden ist. Doch Menschen hören genau so gerne Geschichten wie sie welche erzählen, besonders solche von Abenteuern, am besten mit Happy End. Beobachtet man eine solche Szene mal, dann fällt auf, wie sich Erzähler und Zuhörer meist entspannen, selig, weil sie zuhören können und ihnen zugehört wird. Ein wenig so wie damals, wenn Oma am Krankenbett des kleinen Enkels gesessen hat und mit spannenden Märchen die Gedanken vom Husten, von den juckenden Windpocken oder dem schmerzenden Mumps abgelenkt hat. Darum freu ich mich auch immer, so etwas miterleben zu dürfen, wenn ich selber auf der 62 unterwegs bin.